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Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit (Teil 1)

Teil 1: In den Niederlanden

Stifte, Blöcke, Bücher und je ein Tablet. Die Schülertische in vielen niederländischen Klassen sehen anders aus als in deutschen. Die Niederlande gehören weltweit zu den Pionieren im Bereich digitale Bildung. Alle Schulen haben Internetzugang, die meisten stellen WLAN zur Verfügung. Jede Klasse ist mit einer Vielzahl von PCs ausgestattet: bundesweit arbeiten im Schnitt vier Schüler mit einem Computer. Zudem sind viele Klassen komplett mit Tablets ausgestattet. 

Mehr als 1000 Kinder in den Niederlanden lernen in iPad-Schulen, die sich „Steve-Jobs-Schulen“ nennen. Gegründet hat sie der Meinungsforscher und Unternehmer Maurice de Hond, der seiner Tochter Daphne eine neue Form des Lernens bieten wollte. 70 bis 80 Prozent des Unterrichts laufen über das iPad. Um beispielsweise Rechnen zu lernen, stehen den vier- bis zwölfjährigen Schülern über 20 verschiedene Apps zur Verfügung. Dabei soll für jedes Kind der richtige Ansatz gefunden werden. Wenn ein Schüler gerne Musik mag, wird versucht, ihm über diese Vorliebe das Rechnen näherzubringen.

Vor allem die Schulen selbst treiben die Entwicklung voran

Die Akzeptanz digitaler Medien im Unterricht ist in den Niederlanden sehr hoch – bei allen Akteuren. Die Regierung stimuliert die Entwicklung durch Fördergelder für Hardware sowie mit ihrer bundesweiten Organisation für Bildung und ICT „Kennisnet“, die Lehrkräfte im Bereich Medienkompetenz und Digitalisierung ausbildet. Laut Krijno van Vugt von M3V Advies & Management, der in den Niederlanden Gemeinden, Schulbehörden sowie Schulleiter bei bildungspolitischen Themen berät, geht jedoch die treibende Kraft hauptsächlich von den Schulen aus: „In den Niederlanden ist es so, dass die Schulen große Autonomie haben. Bildung untersteht in den Niederlanden zwar dem Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft, aber viele Verantwortlichkeiten sind dezentralisiert. Es gibt gewisse Zielvorgaben für die Schulen, eine gewisse Anzahl an Unterrichtsstunden und bestimmte Fächervorgaben. Aber die Schulen sind für die Ausgestaltung selber verantwortlich und zum Beispiel frei in der Unterrichtsgestaltung, in der Personalauswahl, in der Anschaffung von Lehrmitteln, der Integration von Fächern oder in der Frage, ob sie mit Tablets arbeiten möchten. Die pädagogische, organisatorische und finanzielle Verantwortlichkeit ist auf die Schulen dezentralisiert. Der Leitgedanke ist: ‚Je größer die Autonomie, desto mehr Kreativität entsteht‘. Zudem wollen sich die Schulen durch den Einsatz digitaler Medien profilieren, um mehr Schüler zu gewinnen.“

Und die Strategien scheinen zu fruchten: Laut dem aktuellen „Vier in balans-monitor 2015“ nutzen immer mehr Lehrkräfte digitale Lehrmittel – 35 Prozent der Unterrichtszeit werden mit Hilfe digitaler Medien gestaltet, 2011 waren es noch 25 Prozent. 

Weitere Anstrengungen nötig – und einige auch schon geplant

„Doch obwohl wir weltweit vielleicht vorne stehen, gibt es auch Defizite“, so van Vugt. „Die Fachkenntnisse bei Lehrern im Bereich ICT sind ausbaufähig, unzureichende Budgets in Schulen für Hard- und Software sind nach wie vor ein Problem und es gibt bisher zu wenig gute digitale Lehrmittel.“

Auch die niederländische Regierung möchte die Digitalisierung weiter voranbringen. 2017 soll der Internetzugang in den Schulen bundesweit über Fieberglasleitungen laufen, zudem sollen die didaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte beim Einsatz digitaler Medien verbessert werden. „50 Prozent der Lehrer sind der Meinung, dass der Einsatz digitaler Medien ihre Arbeit erleichtert und das Lernen für Schüler attraktiver macht. Aber dafür brauchen sie Weiterbildung – für Anwendungskompetenzen ebenso wie Medienkompetenz und didaktische Kompetenzen“, so van Vugt.

Kritische Fragen gleichfalls im Blick

Bei der Entwicklung neuer Digitalisierungsstrategien beschäftigen niederländische Politiker, Wissenschaftler und Lehrende sich auch mit negativen Auswirkungen der Digitalisierung. Zwei wichtige Fragen sind:  Wie können Schule und Gesellschaft das Problem Cybermobbing in den Griff bekommen? Und sind digitale Medien bei Prüfungen wirklich hilfreich? „Kritiker fragen sich, ob die Schüler das Fachwissen wirklich verstanden haben, wenn sie zum Beispiel mit Hilfe einer App Multiple-Choice-Fragen beantworten“, so van Vugt. „Auf der anderen Seite geht es ja nicht nur um die Vermittlung von Fachwissen. Und dass digitale Medien soziale Kompetenzen fördern, vor allem weil die Schüler stärker zusammenarbeiten, da sind sich alle einig.“

„Erst die Digitalisierung macht gute Differenzierung im Unterricht möglich“

Common sense bestehe auch in einem weiteren Punkt: „Alle gesellschaftlichen Akteure sind der Meinung, dass personalisiertes Lernen, Individualisierung und Differenzierung im Unterricht ohne Digitalisierung nicht funktioniert“, so van Vugt. „Es geht nicht mehr um die Frage, ob sondern wie wir den Unterricht weiter digitalisieren, damit wir die verschiedenen Bildungsfragen besser beantworten können. Der Umgang mit Diversität im Unterricht ist eine der wichtigsten Herausforderungen.“

Und so werden wohl auch in den kommenden Jahren neue Digitalisierungsstrategien in den Niederlanden entwickelt und vorangetrieben werden.   

Hier geht's zum Artikel "Digitalisierung und Bildung – Strategien Weltweit: Teil 2 (Finnland)"