Kinder programmieren gemeinsam ein selbst gebautes Modell in einer AG. (Foto: Forum Bildung Digitalisierung, CC BY 4.0)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 14: in Kanada

Im Unterricht ein Computerspiel entwickeln? Nach der Schule mit einem Roboter experimentieren? Geht es nach Kanadas Regierung, soll das künftig Normalität für kanadische Kinder werden. Eine Million Schülerinnen und Schüler sollen im Rahmen der sogenannten CanCode-Initiative codieren lernen – vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse. 50 Millionen kanadische Dollar, umgerechnet etwa 33 Millionen Euro, investiert die liberale kanadische Regierung bis 2019 in die CanCode-Initiative.

In Kanada sind die Provinzen und Territorien für das Bildungswesen verantwortlich. Manche von ihnen kümmern sich schon seit einiger Zeit um die Programmierfähigkeiten ihrer Schülerschaft: British Columbia bietet jedem interessierten Lernenden ab dem Kindergarten Coding-Klassen an, genauso Nova Cotia. Was bisher jedoch fehlte, war eine nationale Initiative. Bei CanCode geht es nicht darum, das Codieren landesweit als Schulfach einzuführen. Mit Hilfe des Programms sollen vielmehr Organisationen gestärkt werden, die im schulischen und außerschulischen Bereich Kindern das Codieren und andere digitale Fähigkeiten beibringen – in Form von Schul-Projekten, Sommercamps oder Nachmittagsangeboten.

„Auch Schriftsteller, Grafiker und Musiker brauchen digitale Fähigkeiten“

Warum aber überhaupt so viel Wert auf das Thema Programmieren legen? „Es sind nicht nur Ingenieure und Computerwissenschaftler, die digitale Qualifikationen in ihrem Job brauchen“, meint Kristina Martin, Kommunikationsbeauftragte der Non-Profit-Organisation Actua, die Kindern MINT-Kenntnisse vermittelt. Ob Schriftsteller, Grafiker, Tänzer oder Musiker – digitale Fähigkeiten würden in Zukunft überall gebraucht, weil sich im Zuge der Digitalisierung alle Branchen verändern würden.

Doch längst nicht alle Kanadier sind von der Wichtigkeit des Codierens als Schlüsselqualifikation für die Zukunft überzeugt. "Another silly fad" sei das Programmieren für Kinder– „eine weitere dumme Modeerscheinung“ – schreibt die Journalistin Margarete Wente in der zweitgrößten kanadischen Tageszeitung "The Globe and Mail". In ihrem Artikel zitiert sie Alex Usher, Bildungsberater bei "Higher Education Strategy Associates": "Coding ist eine wertvolle Fähigkeit – aber nur für 2 Prozent der Arbeitskräfte. Der Rest von uns benötigt digitale Kompetenz. Die Fähigkeit, Software zu schreiben, ist nicht das Problem: Viel eher ist es die Fähigkeit, Software produktiv anzuwenden und zu nutzen."

Vertreter der Initiative "Canada Learning Code", die von dem CanCode-Programm finanziell profitiert, sieht das freilich anders: Melissa Sariffodeen erinnert in einem Artikel daran, dass an den Schulen auch Mathematik oder Englisch unterrichtet werde – auch wenn längst nicht jeder Schüler später Mathematiker oder Schriftsteller werde. „Coding ist so viel mehr als nur die Sprache, die man lernt, die Instruktionen, die man dem Computer gibt, oder die Apps, die man damit kreieren kann“, schreibt sie. „Coding stellt unserer Jugend grundlegende Fähigkeiten zur Verfügung, die weit über die Materie hinausgehen – so wie in der Mathematik oder den Naturwissenschaften.“

Jungs interessieren sich mehr fürs Programmieren als Mädchen

Und wie sehen die Diskussion jene, um die es eigentlich geht, also kanadische Kinder und deren Eltern? Die Resultate einer Umfrage von Actua vom Februar 2018 ("Coding the Future: What Canadian youth and their parents think about coding") enthüllten viel Enthusiasmus unter Schülern und Eltern: Über 92 Prozent der Befragten glauben, dass das Wissen über den Einsatz von digitalen Technologien sehr oder sogar extrem wichtig für zukünftige Karrieren sein wird.

Zugleich beweist die Befragung, dass sich die Offenheit gegenüber neuen Technologien nicht durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Auffällig ist etwa der Gender-Gap: Über 50 Prozent der Jungen interessieren sich extrem für zukünftige Jobs, bei denen Programmieren auf der Tagesordnung steht; bei den Mädchen sind es nur 27 Prozent. 41 Prozent der Jungs glauben, dass sie bereits gut codieren können, nur 28 Prozent der Mädchen vertrauen auf ihre Fähigkeiten in diesem Bereich.

Auch der sozio-ökonomische Graben ist groß: Kanadische Eltern mit höherer Bildung und höherem Einkommen sehen demnach digitale Technologien und Karrieren als wichtiger an als diejenigen mit weniger Einkommen und Bildung. Und während 50 Prozent der Jugendlichen sich mehr Möglichkeiten wünschen, programmieren zu lernen, geben zwei Drittel von ihnen an, einfach keinen Zugang dazu zu haben.

Auch benachteiligte Jugendliche sollen programmieren lernen

Mit der CanCode-Initiative sollen deshalb digitale Themen und Kompetenzen in alle Bevölkerungsgruppen und Provinzen des Landes getragen werden. Insbesondere sollen unterrepräsentierte Gruppen in den Genuss der Digital-Offensive kommen: Mädchen, indigene Communities und benachteiligte Jugendliche. „Kanadas Erfolg in der digitalen Wirtschaft hängt davon ab, ob wir unseren vielfältigen Talentpool nutzen und allen Teilnehmern Chancen bieten können“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wird die Millionen-Summe an verschiedene Projekte im schulischen und auch außerschulischen Bereich verteilt: Gleich 10 Millionen CAD erhält die Non-Profit-Organisation Actua, die mit Hilfe von Sommer-Camps und Schul-Workshops Themen aus Technologie und Naturwissenschaften an Kinder und Jugendliche vermittelt.

Die Organisation will sich künftig noch mehr für benachteiligte Gruppen einsetzen – für Jugendliche mit indigenen Wurzeln, gefährdete und benachteiligte Jugendliche und junge Menschen, die in abgelegenen Gegenden Kanadas wohnen. Sie alle sollen mit Big Data, Künstlicher Intelligenz und Robotern experimentieren können.

Mobile Robotik-Labore touren durch Kanada

Außerdem wird von dem Geld der CanCode-Initiative eine mobile LKW-Flotte finanziert, mit einem Computer-Labor, einem Roboter-Kit und einem Erfinder-Baukasten an Bord. Die LKW werden quer durch Kanada touren – und ihre mobilen Computer-Labore für alle öffnen.

Auch das schon bestehende Coding Quest Programm soll ausgebaut werden. Im Rahmen des Programms können Schüler ihr eigenes Computerspiel entwickeln – vom Verfassen einer Geschichte bis zum Programmieren derselben. Zwei Beispiele: Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse entwickelten im Rahmen des Programms ein Spiel, bei dem der Haupt-Charakter nach einem Chemieunfall eine Stadt retten muss. Eine andere Gruppe ersann ein Spiel, bei dem sich alles um Kanadas Immigrationsgeschichte dreht.

Die meisten Experten sehen die Bemühungen der kanadischen Regierung positiv. Die Non-Profit-Organisation MediaSmarts setzt sich seit Jahren für mehr Medienkompetenz unter kanadischen Kindern und Jugendlichen ein. Direktor Matthew Johnson wünscht sich, dass Kanada mit Hilfe der CanCode-Initiative bald wieder eine internationale Vorrangstellung in Sachen Digitalisierung einnehmen wird. „Ich hoffe, dass die CanCode-Initiative nur der erste Schritt der Regierung sein wird, um die kanadische Jugend fit für die vernetzte Welt zu machen“, resümiert Johnson.

(Text: Anja Reiter)