Angewandtes Lernen in Singapur bedeutet: Facebook, Wikipedia und Messenger-Dienste werden nicht als Störfaktor begriffen, sondern als Bereicherung für den Unterricht. (Foto: imtmphoto / shutterstock.com)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 15: in Singapur

Seit der letzten Pisa-Studie vom Dezember 2016 gelten Schülerinnen und Schüler aus Singapur offiziell als Bildungs-Spitzenreiter. Ob Naturwissenschaften, Mathematik oder Lesen: In allen drei Disziplinen des internationalen Leistungsvergleiches erzielten die Singapurer die besten Ergebnisse. Sogar zu Finnland, Europas Klassenbesten, hält Singapur in Mathematik einen Vorsprung von mehr als fünfzig Pisa-Punkten. Umgerechnet entspricht das etwa zwei Lernjahren.

Warum ist das singapurische Bildungssystem so erfolgreich? Wie schafft es ein Land, dessen Einwohner noch vor fünfzig Jahren mehrheitlich Analphabeten waren, seine Bevölkerung auf ein solches Bildungsniveau zu heben? Und welche Rolle spielt Digitalisierung bei diesem Erfolg?

Selbstbestimmtes Lernen und natürliche Neugierde

Schon seit den späten neunziger Jahren setzt Singapur auf die Digitalisierung des Bildungssystems – mit Hilfe von regelmäßig veröffentlichten Masterplänen, die neue Impulse für die Weiterentwicklung des Bildungssystems setzen. Im Januar 2018 veröffentlichte das Bildungsministerium den mittlerweile vierten Masterplan für ICT (Information and Communication Technology) in der Bildung. Dieser soll vor allem die Neugierde der Schüler anregen, um sich Inhalte selbst zu erarbeiten.

„Schüler sollen selbstbestimmt lernen können und sich dabei von ihren Interessen und ihrer natürlichen Neugierde leiten lassen“, sagt Victor Lim Fei, Experte für Bildung und Digitalisierung am National Institute of Education der Technischen Universität Nanyang. Applied Learning – angewandtes Lernen – ist dabei eines der Schlüsselwörter Singapurs. Schüler sollen Mathematik oder Physik nicht bloß auswendig lernen, sondern auch begreifen, was sie rechnen und wofür es gut ist. Dabei verschwimmt mitunter die Fächergrenze, der sogenannte Phänomen-Unterricht schaffe aber mehr Verständnis und Motivation.

Angewandtes Lernen bedeutet aber auch: Facebook, Wikipedia und Messenger-Dienste werden nicht als Störfaktor begriffen, sondern als Bereicherung für den Unterricht. Digitale Infrastruktur ist in Singapur ohnehin allgegenwärtig. Der Inselstaat will global zur ersten „Smart Nation“ werden. Dementsprechend ist auch die Ausstattung der Schulen im Stadtstaat äußerst gut. Schultafeln haben lange ausgedient, alle Schülertische sind mit Computermonitoren ausgestattet. Digitale Hilfsmittel im Unterricht werden gerne angenommen.

Chatbots und Künstliche Intelligenz im Unterricht

An der Ngee Ann Secondary School werden Schülerinnen und Schüler mithilfe von Chatbots dazu motiviert, sich mit einem Thema auseinander zu setzen und dem Computer kritische Fragen dazu zu stellen. Die Chatbots, computerbasierte Dialogpartner, repräsentieren historische oder wissenschaftliche Schlüsselfiguren wie Einstein oder Shakespeare. Schülerinnen und Schüler können ihnen Fragen stellen und sich mit ihnen unterhalten. Die webbasierte Lösung verfügt über Künstliche Intelligenz: Die Eingaben der Kinder werden in einer Datenbank gespeichert; mit jeder Frage wird der Chatbot daher intelligenter und erkennt Lernmuster bei Schülerinnen und Schülern.

Die School of Science and Technology entwickelt gerade eine Lösung, um individualisiertes Lernen mit Hilfe von Multiple-Choice-Tests zu ermöglichen. Basierend auf den Antworten der Schüler soll der Algorithmus automatisch und beständig den Schwierigkeitsgrad der Fragen anpassen. Zugleich analysiert der Algorithmus die Stärken und Schwächen des Lernenden. Für Lehrerinnen und Lehrer könnte ein solcher datengenerierender Algorithmus eine Unterstützung sein: Sie erhalten Zugriff auf die Lernfortschritte und –probleme und können so ihre Unterrichtseinheiten anpassen.

Mehr Weiterbildung, weniger unterrichten

Doch die Lehrerschaft muss erst fit gemacht werden für den Einsatz von Chatbots und Künstlicher Intelligenz. Ein weiteres Ziel des Masterplans ist es daher, Lehrerinnen und Lehrer beständig fortzubilden. „Der Fokus auf die Lehrerfortbildung erhöht die Professionalität und reduziert die Ungleichheit zwischen den Lehrern“, sagt Victor Lim Fei.

Singapurs Lehrerinnen und Lehrer haben vergleichsweise viel Zeit, um sich fortzubilden. Sie unterrichten pro Woche weniger Stunden als die Lehrer in vielen anderen Ländern. Der Lehrerberuf ist außerdem sehr angesehen in Singapur. Nur die besten 30 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber können angenommen werden, heißt es aus der Academy of Singapore Teachers. Dafür sind Klassen mit 40 Schülerinnen und Schülern in Singapur keine Seltenheit. Auch dafür hat der Inselstaat einen digital optimierten Umgang gefunden: Über Instant-Messenger-Tools können die Kinder gleichzeitig Fragen an ihre Lehrköper stellen, die diese dann sortieren und priorisieren.

Enormer Druck: „Nur nicht abgehängt werden!“

Doch woher kommt der Ehrgeiz in Singapur überhaupt? Singapur ist klein und hat keine Ressourcen. Nur mit Kopfarbeit und Investitionen in Bildung konnte das Land Fortschritte machen und den Bewohnern Chancen bieten. In fünfzig Jahren hat sich Singapur dank großzügiger Bildungsinvestitionen von einem kolonialen Hafen unter britischer Herrschaft zu einem der wohlhabendsten Staaten der Welt entwickelt.

Der Ehrgeiz hat natürlich auch seine Schattenseite: Der Druck auf die Schüler ist in Singapur enorm. In der Schule erfolgreich zu sein und gute Noten zu haben, steht in Singapur über allem. Etwa 70 Prozent aller Eltern buchen Extra-Unterrichtsstunden nach der Schule für ihre Kinder, damit ihre Kinder bessere Leistungen haben und nicht abgehängt werden, berichtet die Straits Times. Das große Ziel: Die Abschlussprüfung am Schulende mit möglichst guten Noten zu bestehen, um einen Platz an einer der besten Universitäten des Landes zu ergattern. In Singapur lässt sich dieser Druck sogar mit nur einem Wort zusammenfassen „Kiasu“, das ist Hokkien-Chinesisch – und bedeutet auf Deutsch so viel wie: „die Angst, zu verlieren“.

(Text: Anja Reiter)