Prof. Dr. Andreas Schleicher, OECD-Direktor, hält seine Keynote auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018. (Foto: Michael Setzpfandt / Forum Bildung Digitalisierung)

Konferenz Bildung Digitalisierung 2018: Innovative Ideen für den Unterricht der Zukunft

Auf der zweitägigen #KonfBD18 des Forum Bildung Digitalisierung kamen 650 Expertinnen und Experten zusammen – ein Who’s who des digitalen Wandels in der deutschen Bildungslandschaft. Die Fülle der auf der Konferenz präsentierten Ideen und Initiativen sowie engagierte Debatten machten das Lernen der Zukunft anschaulich.

Dass Deutschlands Bildungssystem eine Einöde in Sachen Digitalisierung sei, lasse sich – trotz des großen Nachholbedarfs – nicht sagen, befand Uta-Micaela Dürig. Viele Schulen bundesweit hätten sich auf den Weg gemacht, neue pädagogische Konzepte zu entwickeln, um sich dem gesellschaftlichen Kulturwandel zu stellen, so betonte die Stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung. „Es geht dabei um weit mehr als nur um Technik“, sagte sie.

„Gemeinsam für den digitalen Wandel“

Tatsächlich setzten Schulpraktikerinnen und -praktiker, die eine Vielzahl von innovativen Ideen für den Unterricht der Zukunft vorstellten, besondere Akzente auf der #KonfBD18 des ForumBildung Digitalisierung in Berlin, flankiert von renommierten Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Alles in allem kamen 650 Expertinnen und Experten, ein Who’s who des digitalen Aufbruchs in der deutschen Bildungslandschaft, unter dem Motto „Gemeinsam für den digitalen Wandel“ im Berliner Cafe Moskau zusammen. Frühzeitig war gemeldet worden: ausgebucht. Einen „Bottom-up“-Prozess in Gang zu bringen, Innovationen also von unten nach oben zu tragen, das sei Ziel und Zweck des Forum Bildung Digitalisierung und seiner alljährlichen Konferenz, so erklärte Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung, die sich neben der Robert-Bosch-Stiftung und fünf weiteren Stiftungen – Bertelsmann Stiftung, Dieter Schwarz Stiftung, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Siemens Stiftung und Stiftung Mercator – für das Forum engagieren. Dr. Winter: „Wir laden zur Beteiligung ein.“

 

 

„Digitalisierung zukunftsfest machen“

Natürlich auch die Politik, die für die Rahmensetzung zuständig ist: Herbert Wolff, Staatssekretär im Sächsischen Kultusministerium und Vorsitzender der KMK-Lenkungsgruppe „Bildung in der digitalen Welt“ verwies in seinem Begrüßungsstatement auf ein 2017 von der KMK vorgelegtes Strategiepapier, das klare Anforderungen für das „Lehren, Lernen und Leben in der digitalen Welt“ vorgebe. Herbert Wolff: „Die Digitalisierung ist längst in der Bildung angekommen. Jetzt geht es darum, sie in die richtigen Bahnen zu lenken, sie zukunftsfest zu machen.“ Dies betreffe zum Beispiel den Datenschutz. „Eltern, Schüler und Lehrkräfte müssen darauf vertrauen können, dass ihre Daten nicht missbraucht werden können“, sagte der Staatssekretär.

Nachdem die Wissenschaftlerin Dr. Lisa Unterberg von der FAU Erlangen-Nürnberg die Digitalität als ein „neues Ökosystem“ beschrieben hatte, das alle Lebensbereiche betrifft („Wir sind nicht online, wir sind onlife“ – hier geht es zu einem Interview mit ihr), rückte die Schulpraxis in den Fokus – in Gestalt etwa von Silke Müller, Leiterin der Waldschule Hatten, die bereits vor gut zehn Jahren mit einer Laptop-Klasse startete und damit eine der ersten Schulen bundesweit war, die sich ins digitale Zeitalter aufmachte.

„Wir wollen unseren Kindern und Jugendlichen helfen, Individuen zu werden, die ihre Entscheidungen aufgrund von Werten treffen – nicht aufgrund von Algorithmen“, so erklärte die Pädagogin. Und dazu gehöre in der digitalen Welt nun Mal der Umgang mit digitalen Medien. Sich der Entwicklung entgegenstemmen? Sei sinnlos in einer Realität, in der sich kaum mehr ein Hamburger bei McDonalds offline bestellen lasse. Deshalb gelte es, den Schülerinnen und Schülern IT-Kompetenzen ebenso zu vermitteln wie Grundsatzfragen einer digitalen Ethik. Hier geht es zu einem Porträt der Waldschule.

Maike Schubert, Leiterin der mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster, machte anschaulich, wie sehr sich Unterricht durch die Digitalisierung verändert. „Wir kommen aus einer Kultur des Vorgebens“, sagte sie – und der Weg führe hin zum gemeinsamen Erkunden und Entdecken. „Wir sortieren für unsere Schülerinnen und Schüler das Internet vor, aber immer nur so weit, dass sie noch auswählen müssen“, berichtete sie. Die Kinder und Jugendlichen gingen dann meistens mit viel Motivation zur Sache und entwickelten oft eine große Kreativität bei ihren Lösungsansätzen. „Manche Schülerinnen und Schüler machen das so toll, dass man weinen möchte“, sagte Maike Schubert lächelnd.

Zahlreiche Stände, Dutzende Workshops

Wie kann die Digitalisierung gelingen? Was lässt sich pädagogisch mithilfe von IT erreichen? Bereits vor Kongressbeginn hatten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Anregungen durch Hospitationen an Berliner Schulen, bei Start-ups im Bildungsbereich sowie gemeinnützigen Organisationen holen können. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Netzwerkpartner des Forum Bildung Digitalisierung präsentierten sich und ihre Angebote an Schulen dann mit Ständen im Foyer des Kongresszentrums, darunter das Deutsche Schulportal (eine neue Informationsseite für Lehrkräfte, die die Erkenntnisse aus dem Deutschen Schulpreis in die Fläche bringen möchte), die Stiftung Haus der kleinen Forscher (die sich für frühe MINT-Bildung engagiert), die Vodafone Stiftung (die den Deutschen Lehrerpreis mitveranstaltet) und die Wissensfabrik (die Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen knüpft). Hier geht es zu einer Liste aller Aussteller.

In Dutzenden Workshops vermittelten Praktiker Ideen und Know-how, wie sich – trotz aller Widrigkeiten – die Digitalisierung als Hebel nutzen lässt, um Unterrichtsreformen voranzubringen. Beispiel Hermann-Lietz-Schule / Internat Schloss Bieberstein: Die schickt Schüler der 10. Klasse ein halbes Jahr lang auf eine Reise über drei Kontinente, um Lektionen vor Ort zu bekommen – Kunst in Florenz, Religion in Nepal, Wirtschaft in Indien oder Englisch in Südafrika. Ein Pädagoge begleitet die Schüler, der dazugehörige Fachunterricht läuft online. (Hier geht es zu einem Interview mit dem Koordinator des Projekts.)

Beispiel Voltaireschule Potsdam: Oberstufenkoordinator Björn Nölte präsentierte eine Alternative zum tradierten System der Leistungsbewertung. Es geht dabei darum „Arbeitsvorhaben über einen längeren Zeitraum zu bewerten, wobei es den Schülerinnen und Schülern selbst freigestellt ist, zu welchen Zeitpunkten sie von mir das Feedback holen“, wie Nölte erklärt. Das bedeutet: „Niemand wird mit einer schlechten Note bestraft, einige Schülerinnen und Schüler benötigen nur halt mehr Zeit oder mehr Rückmeldungen von mir, um zu einem guten Ergebnis zu kommen.“ (Hier geht es zu einem Interview mit Björn Nölte.)

Paradigmenwechsel in der Bildung

Andreas Schleicher, dem OECD-Direktor und internationalen Koordinator der PISA-Studien, dürften solche Initiativen gefallen – sprach er sich in seiner Keynote doch für einen Paradigmenwechsel in der Bildung aus. Und zwar nicht, weil die Digitalisierung nette neue Möglichkeiten bietet, den Unterricht bunter zu gestalten. Sondern weil die Digitalisierung die Welt so verändert, dass es künftig nicht mehr darum gehen kann, Wissen bloß zu reproduzieren. „Das kann Google besser und schneller“, erklärte Schleicher. (Hier geht es zu einem Interview mit Andreas Schleicher.) Dr. Nils Weichert, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, zeigte sich angesichts der Fülle von Ideen sowie der engagierten Debatten auf der #KonfBD18 optimistisch, dass die Digitalisierung in der Bildung positive Wirkung zeigt und das Forum seinen Beitrag dazu leisten kann. „Wir wollen den nächsten Schritt gehen“, sagte er: „vom Best Practice zu Next Practice“.

Text: Andrej Priboschek