Die Gemeinschaftsschule Bellevue Saarbrücken setzt neben Tablets, Laptops und Computern auch auf eine eigene Robotik-AG. (Foto: Katja Anokhina / Forum Bildung Digitalisierung)

Gemeinschaftsschule Bellevue Saarbrücken

„Digitale Medien funktionieren nicht als Add-on“

Wenn es um das Thema Digitalisierung geht, sind Schulen noch immer auf sie angewiesen: motivierte Vordenker und technikaffine Ausprobierer. An der Gemeinschaftsschule Bellevue in Saarbrücken gibt es viele von dieser Sorte. Einer von ihnen ist Torsten Becker, Lehrer für katholische Religion, Geschichte und Informatik. Wenn er vorne an der Tafel steht, begreift man schnell, wie vielfältig die kreativen Möglichkeiten sind, die digitale Medien schaffen. Dann werden überlieferte Schöpfungsmythen plötzlich zu Geschichten, die sich über Stop-Motion-Filme oder eine 3D-Visualisierung in Co-Spaces erzählen lassen.

Dabei ist Torsten Becker eine Sache besonders wichtig. „Digitale Medien funktionieren nicht als Add-on.“ Langfristiges Ziel müsse es sein, dass Schülerinnen und Schüler digitale Medien ganz selbstverständlich als Werkzeug nutzen – wie später im Berufsleben auch. „Aber nur, wenn wir gemeinsam verschiedenes ausprobieren und sie eigene Ideen einbringen lassen, können sie auch selbst entscheiden, welche Technik sie nutzen wollen“, meint Becker. Während der Unterrichtsreihe zum Thema Schöpfungsmythen sollten die Jugendlichen beispielsweise eigene Mythen kreieren und ein Produkt dazu erstellen. Nicht alle Gruppen entschieden sich letztendlich für eine digitale Visualisierung, entstanden sind auch Gedichte, Geschichten und Zeichnungen auf Papier. Die Elftklässlerin Sara kommt mit dieser offenen Arbeitsweise gut zurecht. „Ich denke, dass der Einsatz digitaler Medien besonders dann sinnvoll ist, wenn viel Material abgespeichert und verarbeitet werden muss“, so die Schülerin. Ihr sei es vor allem wichtig, sich auf eigene Ideen konzentrieren zu können – unabhängig vom Medium.

Mit einer 360°-Kamera waren wir an der Gemeinschaftsschule Bellevue in Saarbrücken und haben fünf verschiedene Unterrichtssituationen mit digitalen Technologien begleitet. Ein Film zum Umschauen und dabei sein.

Den Weg zu einer nachhaltigen, digitalen Bildung hat die GemS Bellevue schon früh eingeschlagen. Bereits 1995 etablierte die Schule erste digitale Projekte. 2016 wurde sie dann zur ersten „Smart School“ Deutschlands ernannt. Inzwischen besitzt die Schule rund 120 Tablets, 45 Laptops und 100 Computer. Es gibt einen Maker-Space, der sowohl für die Robotik-AG als auch für selbstgesteuertes Lernen genutzt werden kann, sowie die nötige Technik für „Virtual Reality“ im Unterricht (siehe Video). „Und inzwischen trägt ein Großteil des Kollegiums die Digitalisierung mit“, erzählt Torsten Becker stolz – wissend, dass dies nicht selbstverständlich ist und er selbst einen großen Anteil daran hat, indem er den Kollegen beispielsweise mit der technischen Wartung den Rücken freihält, Best-Practice-Beispiele bereitstellt und interne Weiterbildungen organisiert.

Gleichzeitig hütet sich Torsten Becker davor, die Digitalisierung als Arbeitserleichterung zu verkaufen: „Man muss sich bewusst sein, dass die neue Technik nicht nur entlastet.“ Natürlich könnten digitale Medien auf der Verwaltungsebene Arbeit abnehmen, wenn es beispielsweise darum gehe Fehlzeiten zu erfassen, mit Kollegen zu kommunizieren oder Termine mit Eltern abzustimmen. Aber auf einer reflektierten Unterrichtsebene bedeuten digitale Medien zunächst auch Mehrarbeit. „Viele Kollegen betreten die Digitalisierung betreffend ein komplett neues Feld“, so Becker. Wichtig sei, dass für den Unterricht Freiräume geschaffen würden, damit sich jeder in seinem Rahmen ausprobieren könne – sonst würden digitale Medien als Belastung empfunden. Torsten Becker hofft, in Zukunft über die Lernplattform „Lernwelt Saar“ einen gemeinsamen Pool an Materialien, Unterrichts- sowie Schulentwicklungsideen und Projektbeispielen anzulegen, auf den das gesamte Kollegium Zugriff hat. „Es muss ja nicht jeder alles immer neu erfinden.“ So wird dann aus vielen motivierten Einzelkämpfern ein Netzwerk aus kreativen Vordenkern.

Text: Laura Millmann, Film: intoVR