An der Gemeinschaftsschule Belke-Steinbeck/Besenkamp arbeiten die Kinder mit einer Suchmaschinen, die ihnen speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Ergebnisse liefert. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

GS Belke-Steinbeck/Besenkamp

Medienkompetenz – so früh wie möglich

In der Schule am Computer spielen – klingt zu schön, um wahr zu sein. An der Gemeinschaftsgrundschule Belke-Steinbeck/Besenkamp in Enger, Nordrhein-Westfalen, hat die neunjährige Josefine diese Möglichkeit, allerdings beschäftigt sie sich nicht mit einem typischen PC-Spiel: Damit ihre Spielfigur das jeweilige Level meistert, reicht es nicht, die richtigen Tasten zum Kämpfen und Laufen zu drücken. Stattdessen muss Josefine einen entsprechenden Programmcode schreiben, der die Figur der Situation entsprechend handeln lässt.

Das Spiel, dem sich Josefine widmet, heißt „CodeCombat“. Mit ihm lernt die Neunjährige in der Programmier-AG ihrer Grundschule nach und nach, wie sie ihrer Spielfigur in der Programmiersprache „Python“ Befehle geben kann, um Aufgaben zu lösen und Herausforderungen zu meistern. Nicht immer hat sie jedoch Erfolg: „Eigentlich hätte ich das überleben müssen“, sagt Josefine überrascht, nachdem ein Ungeheuer ihre Spielfigur erlegt hat. „Das muss ich noch mal überarbeiten.“ Das Lernsystem des Spiels basiert auf dem Konzept „Versuch und Irrtum“, sodass die Neunjährige eine unbegrenzte Anzahl an Lösungsmöglichkeiten ausprobieren kann. Der spielerische Ansatz, der dabei im Vordergrund steht, zieht sich durch die gesamte Gestaltung der Programmier-AG, die sich an die Dritt- und Viertklässler der Grundschule richtet. „Algorithmen und Programmieren müssen nicht abschrecken“, ist AG- und Schulleiter Christian Absi überzeugt, der dies auch seinen Schülerinnen und Schülern vermitteln will.

Neue Medien ab der 1. Klasse

Programmierenlernen und ganz allgemein das Lernen mit digitalen Medien sind besonders in der Grundschule jedoch umstritten – das weiß auch Christian Absi. Die größere Gefahr für die Kinder sieht der Schulleiter allerdings in der digitalen Verwahrlosung: „Wir müssen als Schule und als Grundschule vor allen Dingen den Auftrag erkennen, dass wir Familien damit nicht allein lassen können.“ Kinder sollten ebenso früh wie sie mit den neuen Medien als Spielgerät in Berührung kommen, diese als Arbeitsgerät kennenlernen und Medienkompetenz entwickeln können, so seine Überzeugung. An der GS Belke-Steinbeck/Besenkamp erhalten die Kinder daher schon ab der ersten Klasse Zugriff auf neue Medien wie Laptops oder Tablets – allerdings nur in Maßen.

„Die digitalen Medien sind bei uns im Alltag eine Ergänzung der übrigen Lehr- und Lernmaterialien. Sie haben nicht an sich einen Mehrwert, sondern entfalten diesen im jeweiligen Zusammenhang“, erklärt Grundschullehrerin Andrea Jentsch-Lewerenz. Sie schätzt vor allem die Möglichkeiten, die die Tablets zur Differenzierung bieten. Mit ihnen kann sie im Sprachförderunterricht für die Kinder, die mit „Sprachstand Deutsch 0“ an die Schule kommen, ohne viel Aufwand die Schülerinnen und Schüler auf ihrem jeweiligen Sprachniveau abholen. „Es gibt eine ganz breite Vielfalt von Apps oder Programmen, mit denen die Kinder Deutsch lernen können“, so Jentsch-Lewerenz. Die direkte Fehlerkorrektur durch die Apps verschafft ihr im Unterricht zudem Freiräume, die sie zur individuellen Förderung nutzen kann. Das ermöglicht ihr etwa, Alexander aktiv bei seinen Deutsch-Übungen zu unterstützen, während seine Mitschülerinnen neben ihm recht selbstständig mit der App „Gus on the Go“ Deutsche Wörter zu verschiedenen Kategorien wie Farben und Formen sowie deren Aussprache lernen. Derzeit übt Alexander das Lautieren deutscher Wörter mit der App „Osmo Words“. Dafür stellt er sein Tablet senkrecht auf eine Halterung und schließt am oberen Ende einen kleinen Spiegel an. Dieser erfasst die Wörter, die Alexander mithilfe von Buchstaben-Plättchen legt. Gesucht sind die Bezeichnungen der Bilder, die die App zeigt und auch benennt. Andrea Jentsch-Lewerenz sitzt neben ihm, wiederholt jedes Wort noch einmal mit zusätzlicher Betonung und gibt Hilfestellungen, wenn er nicht weiter weiß. Die Möglichkeiten zur Differenzierung beschränken sich jedoch nicht nur auf den Sprachförderunterricht, sondern kommen besonders auch im Regelunterricht zum Tragen. „Wenn wir in einer Klasse verschiedene Lernniveaus haben, kann ich mit verschiedenen Lernprogrammen die Kinder fördern oder fordern“, so Jentsch-Lewerenz, „und zum Beispiel in Mathe für einige Kinder den Zahlenraum in den Fokus stellen, der noch nicht ganz sicher sitzt.“

Einführung in die Internetrecherche

Ab der dritten Klasse nutzen die Schülerinnen und Schüler die Tablets auch regelmäßig zur Recherche im Internet. „Das bedeutet natürlich, dass wir die Kinder vorher darauf vorbereiten“, betont Schulleiter Absi. Sie lernen beispielsweise, dass es spezielle Kindersuchmaschinen gibt, wie die „Blinde Kuh“, die geeignete Inhalte für Kinder bereitstellen. Außerdem erhalten sie in diesem Zusammenhang eine erste Einführung in die Urheber- und Bildrechte. Diese gilt es schließlich zu beachten, wenn sie auf Basis ihrer Recherchen eigene Präsentationen anfertigen. Dabei stehen ihnen durch die Tablets neue Möglichkeiten zur Verfügung, ihre Themen vorzustellen. „Die große, große Stärke der Tablets ist ja auch ihr kreativer Moment, wodurch Chancen entstehen, die wir vorher nicht hatten“, sagt Schulleiter Absi – wie Fotografieren, Filmen und Tonaufzeichnungen. Mit Apps wie dem „Book Creator“ können die Schülerinnen und Schüler dann mit diesen einzelnen Bestandteilen beispielsweise ein E-Book erstellen.

Fehlende Ressourcen

In den begrenzten Ressourcen, die zur digitalen Bildung zur Verfügung stehen, erkennen Christian Absi und sein Kollegium auch eine der größten Herausforderungen. „Schwierig ist es wirklich, die Kinder mit Endgeräten auszustatten, weil die Schulträger sich da auch nicht in der Verantwortung fühlen und auch gar nicht das Geld haben“, so der Rektor. An der GS Belke-Steinbeck/Besenkamp ist die Elternschaft allerdings so vom Sinn der digitalen Bildung überzeugt, dass sie zuletzt auf der Schulpflegschaftssitzung einer durch die Eltern finanzierten Eins-zu-eins-Ausstattung der Viertklässlerinnen und -klässler ab dem Schuljahr 2018/2019 zugestimmt hat. „Bei den Eltern sind die digitalen Medien bisher gut angekommen, weil wir sie als Ergänzung zum normalen Unterricht verwenden, sodass das normale Schreiben auf Papier, dass normale Rechnen im Heft, das Arbeiten mit dem Buch oder auch mit Arbeitsmaterialien, die man tatsächlich anfassen kann, immer noch präsent sind“, zeigt sich Andrea Jentsch-Lewerenz überzeugt.

„Wir werden in den nächsten Jahren ausloten, wo das Tablet seine Stärken in den Unterricht einbringen kann, und da werden wir es einsetzen, und ansonsten werden wir auf die bewährten Medien zurückgreifen.“ Christian Absi, Schulleiter GS Belke-Steinbeck/Besenkamp

Eine schulübergreifende Einigung zwischen Grund- und weiterführenden Schulen der Kommune stellt zudem sicher, dass die Kinder an allen Schulen mit denselben digitalen Medien arbeiten, wodurch sie ihr Tablet nach der vierten Klasse weiternutzen können. Diese Absprache ist Teil des digitalen Konzepts, das die Grundschule für sich und die anderen Schulen der Stadt erarbeitet hat und die Kommune mit Landesmitteln aus dem Finanzierungsprogramm „Gute Schule 2020“ umsetzen will (siehe Infokasten). In diesem Zusammenhang erhält jede Klasse an Grund- und weiterführenden Schulen einen Bildschirm, ein Tablet sowie eine Streamingmöglichkeit. Für die weitere Zukunft wünscht sich Christian Absi regelmäßigere Austauschmöglichkeiten mit anderen Schulen, um Programme und Versuche zur digitalen Bildung, die sich als erfolgreich erwiesen haben, kennenzulernen und in das eigene Konzept implementieren zu können. 

Text: Anna Hückelheim, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

„Gute Schule 2020“

Das kommunale Investitionsprogramm, das die rot-grüne Vorgängerregierung von Nordrhein-Westfalen 2016 auf den Weg gebracht hat, stellt seit 2017 den Städten und Gemeinden des Landes über vier Jahre jährlich 500 Millionen Euro für die Sanierung und Modernisierung von Schulgebäuden sowie den digitalen Aufbruch von Schulen zur Verfügung. Zu diesem Zweck können die Schulleitungen ihren Kommunen Projekte vorschlagen, die diese, wenn sie sie unterstützen, an die NRW.Bank weiterreichen können.