Am Gymnasium Lerchenfeld steht das Lernen im digitalen Wandel im Mittelpunkt. Hier gestaltet Johann die letzten Szenen für den Stop-Motion-Film in der selbstgebauten Lightbox. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

Gymnasium Lerchenfeld

Inhalt vor Technik!

Es ist ein sonniger Frühlingstag am Gymnasium Lerchenfeld in Hamburg, doch die Sonne können die Schülerinnen und Schüler in der ersten Unterrichtsstunde gerade gar nicht gebrauchen. Sie sitzen im Halbkreis gespannt um den Beamer herum, denn gleich beginnt ihr Werbefilmfestival. Also Rollläden runter, Licht aus – und Film ab!

In Gruppen von drei bis vier Personen haben die Neuntklässler im Zuge des AvM-Unterrichts von Maria-Elisabeth Ranft eigene Werbefilme produziert. AvM steht für audiovisuelle Medien und bezeichnet „alle technisch erzeugten Möglichkeiten, Sinneseindrücke für Auge und Ohr bereitzustellen“, wie es auf der Internetseite der Schule heißt. Der AvM-Unterricht ist Teil des Wahlpflichtbereichs Künste und richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 bis 12. „Es geht um audiovisuelle, ästhetische Zugänge mit dem Schwerpunkt Film“, erklärt Thomas Spahn, Beauftragter für Mediendidaktik am Gymnasium. Die Schüler beschäftigen sich im Einzelnen etwa mit der Geschichte der Massenmedien, Filmsprache und Filmgenres sowie der technischen Seite der Filmproduktion. Der AvM-Unterricht bietet eine Mischung aus Theorie und Praxis, die auch zu einem kritischen Medienbewusstsein führen soll. Ein Beispiel: das klasseninterne Werbefilmfestival. Bei der Besprechung der selbst produzierten Werbefilme ist zunächst etwa ausschlaggebend, ob die Schüler das Werbewirkungsprinzip verstanden und umgesetzt haben. Erst danach steht die technische Umsetzung im Fokus, die eine ganz eigene Herausforderung darstellt. Ranfts mahnendes Fazit nach drei Werbefilmen: „Ihr müsst größere Sensibilität für den Ton entwickeln.“

Im Klassenraum direkt nebenan befinden sich die Schülerinnen und Schüler des AvM-Unterrichts von Nina Harling noch in der Phase der Produktion und Postproduktion. Ihr Thema: Trickfilme. Während einige Schüler am Computer schon fleißig Filmmaterial sichten und schneiden, nehmen andere die letzten Bilder für ihren Stop-Motion-Film auf, wie der 15-jährige Johann und seine Gruppe. Sie haben sich für ihren Film aus einem alten Pappkarton eine Lightbox gebaut, in der sie unter kontrollierten Bedingungen die einzelnen Szenen aufbauen und fotografieren. „Es ist spannend ein eigenes Projekt umsetzen zu können“, sagt Johann. Ähnlich motiviert zeigen sich seine Mitschüler: Alle arbeiten höchst konzentriert und äußerst ruhig. Süheyla (15) sichtet schon die dritte Doppelstunde in Folge das Fotomaterial, aus dem der Film ihrer Gruppe entstehen soll, während bei Ella (15) bereits zwei animierte Teigmonster über den Bildschirm wackeln. Der nächste Schritt von Ellas Gruppe: Begleitmusik und Soundeffekte auswählen.

„Auf meine Fächer bezogen sind die Vorteile des Einsatzes digitaler Medien auf jeden Fall, dass die Schülerinnen und Schüler sehr kreativ und produktiv tätig werden können.“

Sarah Borde, Englisch- und Spanischlehrerin

Verbindliches Mediencurriculum

„Der AvM-Unterricht hat einen hohen Stellenwert am Gymnasium Lerchenfeld“, sagt Thomas Spahn. Er markiere den Ausgangspunkt der Entwicklung des Gymnasiums zu einer moderneren Schule, die sich dem digitalen Wandel stellt. „Der AvM-Unterricht hat gezeigt, dass wir mit digitalen Medien mehr vermitteln können als nur den richtigen Umgang mit der Technik. Damit war die Idee geboren, diese auch in den Fachunterricht zu integrieren.“ Wie das Lernen mit und über Medien im Fachunterricht funktionieren soll, beschreibt seit dem Schuljahr 2015/2016 das verbindliche Mediencurriculum für die Sekundarstufe I. Es umfasst Materialien für etwa 120 Stunden integrierte Medienbildung in zwölf Unterrichtsfächern. Einen Großteil dieser Materialien haben Thomas Spahn als mediendidaktischer Beauftragter und weitere Lehrerkolleginnen und -kollegen selbst erstellt. Dabei haben sie laut Spahn auf einen niedrigschwelligen Zugang geachtet, etwa durch ausformulierte Unterrichtsverläufe, um alle Lehrkräfte mitzunehmen.

„Damit Lehrerinnen und Lehrer sich auf die neuen Medien einlassen, müssen die Rahmenbedingungen an der Schule stimmen, denn ihr Einsatz bedeutet erst einmal einen gewissen Mehraufwand“, so Spahn. Weitere Unterstützung sollen daher interne Fortbildungsmaßnahmen bieten wie die „Digitale Mittagspause“, eine 45-minütige Mikrofortbildung zur Mittagszeit von Kollegen für Kollegen. Ganz neu ist seit dem Schuljahr 2017/2018 die Jahresqualifizierung „Digitale Medien“ mit 30 über das Jahr verteilten Fortbildungsstunden, die Spahn leitet. 16 Lehrerinnen und Lehrer des Kollegiums setzen sich dabei intensiv mit der Frage auseinander, wie sie und andere Kollegen digitale Medien stärker im Fachunterricht unter Alltagsbedingungen einsetzen können. Dabei erhalten sie auch die Möglichkeit, im Zuge des zugehörigen Praxisprojekts, Materialien für den eigenen Unterricht und die Fachschaft zu erstellen. „Einige entwickeln Unterrichtsbausteine, die sogar über ein Projekt der Schulbehörde anderen Hamburger Schulen zur Verfügung gestellt werden. Andere, die noch nicht so viele Erfahrungen haben, erstellen etwa Linklisten für ihre Fachschaften.“ Zu dieser Gruppe gehört Kerstin Janßen, Fachleiterin Englisch. Gemeinsam mit einer Fachkollegin sucht sie nach Internetseiten, mit denen die Schüler grammatikalische Phänomene noch einmal eigenständig wiederholen können. „Uns ist dabei wichtig, dass es sich nicht nur um kostenfreie und möglichst werbefreie Angebote handelt, sondern dass sie auch mit unserem Anspruch an Didaktik und Methodik korrespondieren.“

Unterstützung für den Alltag

Englisch- und Spanischlehrerin Sarah Borde schätzt den praxisorientierten Ansatz der Jahresqualifizierung: „Viele Tipps und Inhalte kann ich direkt im Unterricht umsetzen, auch weil sie an die technische Ausstattung der Schule angepasst sind.“ So habe sie eine Woche, nachdem das Tool „Wortwolken“ Thema in der Jahresqualifizierung gewesen ist, dieses als Einstieg in eine Unterrichtseinheit genutzt. Ähnlich positiv bewertet Kerstin Janßen die Verbindung von Theorie und Praxis in der Jahresqualifizierung: Sie sei „eine großartige Chance, sicher beim Einsatz digitaler Medien zu werden“. Dabei gilt am Gymnasium Lerchenfeld laut dem stellvertretenden Schulleiter Thomas Weiss aber immer: „Der Inhalt kommt vor der Technik.“ Ein Ansatz, mit dem sich sowohl Janßen als auch Borde sehr gut identifizieren können, denn beide Lehrerinnen setzen digitale Medien nur ein, wenn sie einen Mehrwert bieten. „Der erfolgreiche Einsatz von Medien im Unterricht setzt auf jeden Fall voraus, dass ich mir im Vorfeld Gedanken mache, wie ich das fachliche Lernen mit dem jeweiligen Medieneinsatz unterstützen kann, sodass Schülerinnen und Schüler sowohl fachliche Kompetenz als auch Medienkompetenz erwerben“, sagt Borde.

„In der digitalen Jahresqualifizierung arbeiten wir sehr konkret an Dingen, die mir meinen Unterricht wirklich erleichtern.“

Kerstin Janßen, Fachleitung Englisch

Als Hilfsmittel im Unterricht ermöglichen digitale Medien zudem „die Befreiung der Individuen von der Zentralisierung des Lehrers“, sagt Konrektor Thomas Weiss. Soll heißen: Sie fördern Selbstlernphasen – mit enorm positivem Effekt. „In der Zeit, in der die Schüler selbstständig ihren eigenen Lernprozess steuern können, lernen sie viel mehr, als wenn sie angeleitet werden – dieses Potenzial muss Schule verstärkt nutzen.“ Weiss selbst setzt daher in seinen Informatikkursen in der Oberstufe auf projektorientiertes Arbeiten, wie im Unterricht der Elftklässler. Im Computerraum sitzen 17 Jungen und Mädchen verteilt auf die an den Wänden stehenden Rechner und erstellen konzentriert eine grafische Darstellung eines Algorithmus. Aufgeteilt in Gruppen arbeiten sie selbstständig am aktuellen Projekt. Auf den To-Do-Listen an der rechten Wand des Klassenzimmers lässt sich der jeweilige Bearbeitungsstand ablesen. Thomas Weiss steht als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn die Schüler Hilfe brauchen, ansonsten bietet er in regelmäßigen Abständen 15-minütige Workshops an, um mit interessierten Schülerinnen und Schülern Themen und Fachfragen vertiefend zu besprechen, die wichtig für die Projektumsetzung sind. Weiss: „Durch die Digitalisierung verändert sich meine Rolle ganz entscheidend, doch als Fachperson werde ich weiter gebraucht.“

Folgen fehlender Ressourcen

Als eine der größten Herausforderungen der Medienbildung beschreibt der stellvertretende Schulleiter den fehlenden finanziellen Spielraum bei der Umsetzung. Bislang würde die Schule das Beste aus den ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen herausholen – das Ergebnis sind etwa kreative Lösungen wie mobile Beamerwagen. Es fehlten jedoch Mittel, um die Wartung der Technik auslagern und Schülermedien anschaffen zu können, aber auch, um bereits erworbenes Wissen in diesem Bereich über ausgedehnte Netzwerkarbeit an andere Schulen heranzutragen. „Wenn wir an dieser Stelle nicht weiterkommen, dann werden die Schulen auf Dauer Einzelkämpfer bleiben und Konzepte werden immer wieder neu entwickelt werden müssen, obwohl es an anderer Stelle schon gut durchdachte Lösungen gibt. Leider fehlt aber in der Politik noch die Einsicht, wie wichtig das ist.“

 

 

Text: Anna Hückelheim, Fotos und Film: Tina Umlauf