Die Nessetalschule Warza setzt auf die Berufsorientierung, kooperiert mit der lokalen Wirtschaft und hat schon früh eigene Netbook-Klassen gegründet, um digitale Kompetenzen zu vermitteln. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

Staatliche Regelschule Nessetalschule Warza

Schüler digital fit machen für den Beruf

Für Chess Lukas ist der Einsatz von digitalen Lernmitteln im Unterricht noch immer etwas Besonderes. Die 17-Jährige besucht die Nessetalschule im thüringischen Warza nämlich erst seit zwei Jahren. Vorher war sie auf einer Schule, in der Computer beim Lernen keine Rolle spielten. Sie habe keine Ahnung gehabt, wie sie mit dem Notebook arbeiten solle, als sie seinerzeit zur Nessetalschule wechselte, gesteht die Schülerin. Ihre Unsicherheit hat sich längst gelegt: Chess ist mittlerweile versiert im Umgang mit digitalen Arbeitsblättern, mit Excel, Word und Internet-Recherche – und möchte ihn nicht missen. Was macht für sie den größten Unterschied? „Die Schülerrolle verändert sich“, sagt sie. Sie selbst und ihre Mitschüler seien im digital unterstützen Unterricht aktiver und hätten deshalb mehr Freude am Lernen.

Die Nessetalschule ist eine kleine Regelschule mit 219 Schülerinnen und Schülern und 19 Lehrkräften in ländlicher Umgebung. Der Weg hierhin von der rund 30 Kilometer entfernten Landeshauptstadt Erfurt führt in schier endlosen Windungen durch Felder, über schmale Straßen ohne Mittelstreifen. Am Ortsrand des gerade mal 700 Einwohner zählenden Dorfes Warza ist der schmucklose, reine Funktionalität verströmende Plattenbau zu finden. Den Lehrkräften hier geht es nicht um pädagogische Experimente. Es geht ihnen um die Schüler, die lebenspraktische Grundlagen benötigen, wenn sie später mal eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben sollen.

Enge Kooperation mit der Wirtschaft

Tatsächlich, so berichtet Schulleiter Peter Lange, war es der Kontakt zur heimischen Wirtschaft, der die Erkenntnis brachte, dass es ohne digitale Technik an seiner Schule nicht mehr gehe. „Berufsorientierung ist für uns sehr wichtig“, erklärt der Rektor. Entsprechend eng kooperiert die Schule, die einen Hauptschul- und einen Realschulzweig anbietet, mit Unternehmen in der Nachbarschaft – und musste schnell erfahren, dass dort praktisch keine Beschäftigten mehr ohne Kompetenzen am Computer auskommen. Um ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die spätere Berufstätigkeit vorzubereiten, entschloss sich die Schule vor gut sechs Jahren, mit einer Netbook-Klasse zu starten.

„Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Unterricht sich ändern muss.“

Peter Lange, Schulleiter Staatliche Regelschule Nessetalschule Warza

Schüler sollen sich nicht bedienen lassen!

Mittlerweile arbeiten zehn der insgesamt zwölf Klassen der Schule mit Netbooks, die von den Eltern mit einem Monatsbeitrag von jeweils bis zu 20 Euro finanziert werden. Der Landkreis Gotha hat als Schulträger für ein gut funktionierendes WLAN gesorgt. Es gibt Whiteboards und Lehrerrechner, die einen direkten Zugriff auf die digitalen Materialien der Schule erlauben, in jedem Unterrichtsraum. Im Schulflur hängen sogar zwei digitale Schwarze Bretter, wie es sonst allenfalls in Gymnasien, aber nicht in kleinen Regelschulen zu finden ist, wie Peter Lange stolz erklärt. Die haben Sponsoren aus der örtlichen Wirtschaft gestiftet – und damit zum Ausdruck gebracht, wie sehr sie den digitalen Kurs der Schule unterstützen. 

Szenenwechsel. Im Geographieunterricht der Klasse 5b hat Lehrerin Ursula Speer eine Deutschlandkarte aufs digitale Whiteboard geworfen. Täfelchen mit den Namen der Bundesländer sowie der Nachbarstaaten müssen an die richtige Stelle geschoben werden. Im rasanten Wechsel stürmen Schülerinnen und Schüler nach vorne und schieben die Schildchen per Hand an die – meist – richtigen Stellen. Ein Zehnjähriger in der letzten Reihe, der, wie seine Lehrerin später lächelnd erklären wird, in der vergangenen Woche krankheitsbedingt gefehlt hat und deshalb offenbar jetzt mit Wissenslücken zu kämpfen hat, nutzt die Chance, den Unterrichtsbeobachter neben sich flüsternd um einen Tipp zu bitten. Heimlich von dem Gast gebrieft, gelingt ihm die Zuordnung der Niederlande. Stolz schreitet er zu seinem Platz zurück.

Im Mathematik-Unterricht der 6a lässt Lehrer Hagen Elmrich unterdessen die Addition und Subtraktion von Brüchen üben. Zunächst gemeinsam, anhand von Aufgaben, die auf dem Bildschirm des digitalen Whiteboards erscheinen und von den Schülerinnen und Schülern diskutiert werden, bevor Elmrich die Lösungen einträgt, dann getrennt. Jeder Schüler widmet sich einem individuell auf ihn zugeschnittenen Aufgabenbündel, das er mit seinem Netbook aufrufen und bearbeiten kann. „Das Positive für die Schüler ist dabei, dass sie sofort eine Rückmeldung bekommen und sie können, wenn das Ergebnis falsch ist, die Übung solange wiederholen, bis sie zu einem positiven Lernergebnis kommen“, erklärt Hagen Elmrich, der zu den ersten an der Schule gehört, die sich mit digitalen Lernmitteln beschäftigt haben. Er wendet sich einem Schüler zu, der nicht mit der Freiarbeit beginnt. „Wo ist Dein Gerät? Vergessen? Dann setz Dich bitte zum Niklas“, fordert er den Jungen auf.

„Mit sanftem Druck“

Auch auf Lehrerseite herrscht nicht immer nur Begeisterung über die neuen Möglichkeiten. Der Aufwand, so Peter Lange, sei nicht zu unterschätzen. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Unterricht sich ändern muss.“ Neue Vorbereitungen sind also notwendig. Dazu kommt: Zu wenige digitale Materialien sind verfügbar, Kommunikationsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler untereinander und mit den Lehrenden fehlen (das Land Thüringen stellt seinen Lehrern bislang keine Dienst-E-Mail-Adresse zur Verfügung), unzureichende Fortbildungsmöglichkeiten und immer wieder Hardware-Ausfälle, mit denen die Pädagogen in der Regel zunächst allein klarkommen müssen, erschweren den Alltag. So müsse er manchmal sein Kollegium „mit sanftem Druck“ dazu bringen, die vereinbarte Vorgabe einzuhalten. Die lautet: 20 Prozent des Unterrichts sollen mit digitalen Lernmitteln gestaltet werden. Das sei angesichts der Umstände eine realistische Größenordnung, sagt der Rektor.

Die anfängliche Grundsatzdiskussion darüber, ob sich der Computereinsatz in der Schule überhaupt lohne – nicht nur Lehrer zeigten sich damals skeptisch, sondern auch viele Eltern –, hat sich allerdings aufgrund der vielen positiven Erfahrungen mittlerweile erledigt. „Wir wissen alle: Das ist die Zukunft“, betont Peter Lange. Dass das Konzept der Schule an ihrem Standort gut ankommt, darauf weist ein starkes Indiz hin: Die Schülerzahl hat sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt. Lange: „Wir ziehen Schüler aus der ganzen Umgebung an.“

Text: Andrej Priboschek, Fotos und Film: Tina Umlauf