Oskar-Maria-Graf-Gymnasium Neufahrn

Mut für neue Ideen

 

Angelika Bach bringt die digitale Bildung in Deutschland voran. Dabei ist sie nicht die Lehrerin, von der man es typischerweise erwarten würde. Angelika Bach ist 60 Jahre alt, ihre Fächer sind Deutsch und Religion – und sie spricht voller Begeisterung über den Einsatz digitaler Technik in ihrem Unterricht. „Das Vorbereiten ist zwar aufwendiger, aber der Unterricht auch sehr viel interessanter“, meint die Lehrerin des Oskar-Maria-Graf-Gymnasiums (OMG) in Neufahrn, Bayern.

An diesem Tag steht für ihre siebte Klasse im Deutschunterricht das Nibelungenlied auf dem Stundenplan. In Einzelarbeit beantworten die Schülerinnen und Schüler zunächst Fragen zum Inhalt, die Angelika Bach vorher auf der Plattform „mebis“ hochgeladen hat. „Heute habe ich es eher spielerisch gemacht. Es gibt aber auch regelmäßig kontrollierte Leistungsabfragen über die Tablets“, sagt Angelika Bach. Dadurch gewöhnten sich die Jugendlichen an die Prüfungssituation und es würde sich insgesamt eine andere Fehlerkultur entwickeln. Einen weiteren Vorteil sieht die Deutschlehrerin darin, dass die Technik helfen kann, Hürden zu überwinden. „Jeder wird dort abgeholt, wo er steht“, so Bach.

„Ich habe wirklich eine Leidenschaft für das Arbeiten mit digitalen Medien entwickelt, obwohl ich eigentlich nicht prädestiniert dafür bin.“

Angelika Bach, Lehrerin für Deutsch und Religion am Oskar-Maria-Graf-Gymnasium Neufahrn

 

 

Mitten in der Deutschstunde ertönen plötzlich Fanfaren über die Lautsprecher am Lehrerpult. Sie leiten die nächste Unterrichtseinheit ein: Gruppenarbeit. Angelika Bach liebt solche kleinen Spielereien und freut sich über den Eifer, mit dem die Teams loslegen und an ihrem digitalen Buch arbeiten. Nach und nach laden die Schülergruppen ihre Ergebnisse wiederum bei „mebis“ hoch. Seit 2013 nutzt Angelika Bach diese bayernweite Lernplattform in ihrem Unterricht (siehe Infokasten). „Man braucht definitiv Frustrationstoleranz“, meint die 60-Jährige. Denn natürlich funktioniert nicht immer alles so, wie geplant. „Aber das sollte einen nicht vom Ausprobieren abhalten.“

Mathe im umgedrehten Klassenzimmer

Für den Schulleiter Franz Vogl ist Angelika Bach ein Vorbild für alle Lehrkräfte, die noch skeptisch gegenüber der neuen Technik sind. Er ist sich sicher, dass digitale Bildung nur gelingen kann, wenn sich alle Kolleginnen und Kollegen gegenseitig begeistern – mit „abgehobenem Expertentum“ komme man nicht weit. „Es hat sich als richtig herausgestellt, dass wir uns als ‚OMG 2.0‘ sehen, das heißt wir setzen auf die Verbindung von analog und digital und können so alle auf den Weg ins neue Unterrichten mitnehmen“, so Franz Vogl. Er ist stolz darauf, dass die Lehrkräfte der Schule so immer wieder den Mut haben, neue Ideen auszuprobieren.

Antje Schmid-Hanusch, Lehrerin für Mathematik und Physik, hat gleich ihren ganzen Unterricht umgekrempelt, als sie 2016 das Konzept des „Flipped Classroom“ einführte. Bei diesem „umgedrehten Unterricht“ schauen sich die Schülerinnen und Schüler Videos zu Hause an und besprechen den Inhalt danach im Unterricht. „Mein erstes eigenes Video hat sicherlich 20 Stunden gedauert“, erinnert sich Antje Schmid-Hanusch. Inzwischen braucht sie nur noch knapp zwei Stunden für ein Video. Dabei greift sie immer häufiger auf ihren eigenen Fundus und in den höheren Klassen auch auf Material von Online-Plattformen zurück.

Die Eltern waren von dem neuen Konzept schnell überzeugt. Dabei hat Antje Schmid-Hanusch von Anfang an deutlich gemacht, dass es nicht darum geht, einen großen Lernvorsprung zu erreichen. „Es geht vielmehr um ein entspannteres Arbeiten im Unterricht.“ Die Schüler seien aktiver, selbstverantwortlicher und motivierter. Im Moment beschäftigen sich die Fünftklässler mit geometrischen Formen. Yasemin und Sophie bearbeiten zusammen eine Aufgabe. „Mir fällt das Lernen so leichter“, meint die elfjährig Sophie, „weil ich selbst entscheiden kann, wann ich es mache.“ „Das Video kann man sich auch häufiger anschauen, wenn man es nicht direkt versteht“, ergänzt ihre Freundin Yasemin. Damit sprechen die beiden Schülerinnen genau die Vorteile an, die auch Antje Schmid-Hanusch überzeugt haben. Die Technik begreift sie lediglich als Hilfsmittel.

Peer-to-Peer-Ansatz

Die Frage nach dem pädagogischen Nutzen steht auch bei den internen Fortbildungen des Gymnasiums im Mittelpunkt. Seit circa drei Jahren sind 20 Lehrkräfte aus allen Fächern als „Experten“ dafür zuständig, im Peer-to-Peer-Ansatz neue Kompetenzen an Kollegen zu vermitteln. „Man überlegt sich für die eigenen Fächer, welche Tools effektives Arbeiten ermöglichen können“, erklärt Christoph Eibers, „und wenn man es erfolgreich getestet hat, will man es auch den Kollegen zeigen.“

Andrea Holler, die Französisch und Englisch unterrichtet, gehört ebenfalls zu diesem Experten-Team. Sie selbst ist früh auf den „Tablet-Zug“ aufgesprungen, wie sie sagt. Doch in den Fortbildungen, die sie damals dazu belegte, fehlte ihr oft der Unterrichtsbezug. Deshalb legt sie in ihren eigenen Fortbildungen den Fokus auf den praktischen Einsatz von Tools, indem sie zum Beispiel verschiedene Learning-Apps vorstellt. „Die Kollegen sind motivierter, wenn sie den Nutzen erkennen.“

Christoph Eibers hat die Kollegen im vergangenen Jahr mit interaktiven Videos begeistert, die er selbst gerne nutzt, um über Zwischenstopps individuelle Arbeitsaufträge für die Schüler einzufügen. „Das Schöne ist, dass die Kollegen insgesamt sehr offen sind“, sagt Eibers, der Latein und Französisch unterrichtet, „und man bekommt selbst auch immer etwas zurück.“ Es ist ein ständiger Austausch, der in offiziellen Fortbildungen ebenso stattfindet wie spontan in einer Freistunde oder am Nachmittag. „Der Unterschied zwischen regionalen und schulinternen Fortbildungen ist auch der, dass intern weniger Hemmnisse bestehen, nachzufragen“, sagt Andrea Holler. Und es gebe weniger Hemmnisse, auch mal etwas komplett Neues zu wagen. Christoph Eibers nickt bestätigend: „Manchmal geht es einfach darum, sich zu trauen.“ Eigenes Meldesystem für technische Fehler

Fragt man Franz Vogl, was er als Grundprinzipien für den erfolgreichen Einsatz digitaler Medien an seiner Schule sieht, nennt er neben der Freiwilligkeit des Einsatzes und dem gegenseitigen Austausch noch einen dritten Punkt: die gute Infrastruktur. Das Gymnasium besitzt inzwischen sechs I-Pad-Koffer mit über 100 Geräten, die sich jeder Lehrer für seinen Unterricht reservieren kann. In der Oberstufe können die Schüler dann ihre eigenen Geräte benutzen. Dafür hat das Gymnasium ein eigenes WLAN eingerichtet, in das sich die Jugendlichen ab der zehnten Klasse auch privat einloggen dürfen. Außerdem gibt es noch ein weiteres WLAN für die Lehrer, das auch für die Arbeit mit den Tablets in den unteren Klassen genutzt wird. Natürlich läuft bei so einem großen Netz nicht immer alles glatt.

„Firmen in der Größe unserer Schule haben in der Regel einen IT-Beauftragten. Wir müssen uns hier selbst helfen, wenn mal etwas nicht läuft“, sagt der Informatik-Lehrer Joachim Mück, der vor kurzem den Posten als Systembetreuer übernommen hat. Nur bei größeren Problemen arbeitet die Schule mit externen Fachleuten zusammen. Also hat das Oskar-Maria-Graf-Gymnasium für die kleinen Fehler im Alltag eine eigene Lösung entwickelt. Oder besser gesagt: Der 16-Jährige Manuel Huber hat eine Lösung entwickelt. „Die Idee war, dass wir eine Webseite aufbauen, auf der man Probleme digital melden kann“, erklärt der Schüler.

Dank des Klassenraumprinzips ist am OMG jeder Lehrer für die EDV-Geräte in seinem Raum verantwortlich. Auf der neuen Webseite kann sich nun jeder Lehrer einen Account mit seiner Raumnummer anlegen und bei Problemen einfach das defekte Gerät auswählen und eine Fehlermeldung abschicken. Diese Meldungen gelangen dann sofort zu Joachim Mück und seinem Admin-Team, das aus 14 Schülerinnen und Schülern besteht, die sich immer mittwochs mit den Fehlern befassen. „Manchmal müssen wir dann auch richtig knobeln“, erzählt der Zehntklässler Luca. Insgesamt würden die Fehler jedoch weniger, erzählt der Zehntklässler Luca. „Die Lehrer fühlen sich verantwortlich für ihren Raum und eignen sich auch selbst immer mehr Wissen an“, bestätigt sein Mitschüler Nicolas.

Es ist eine rasante Entwicklung, die sich am OMG vollzieht. Angelika Bach kann sich noch daran erinnern, wie vor sechs Jahren darüber diskutiert wurde, ob man als ersten Schritt vielleicht WLAN im Lehrerzimmer einführen sollte – und sie fragt sich, was in den nächsten Jahren noch alles passieren wird. „Es ist eine sehr spannende Zeit“, so Bach. „Ich bin froh, dass ich sie als Lehrerin noch mitbekomme.“

Text: Laura Millmann, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

Die Lernplattform Mebis

„Mebis“ steht für „Medien Bildung Service“ und ist ein Internetportal des bayerischen Kultusministeriums. Diese zentrale Lernplattform ermöglicht es Lehrkräften, virtuelle Klassenräume einzurichten und dort Aufgaben sowie Material bereitzustellen. Die Schüler können über ihren eigenen Schreibtisch bei „mebis“ ebenfalls Material hochladen und genau wie die Lehrer auch von zu Hause auf den Cloudspeicher zugreifen. Zudem enthält „mebis“ eine Mediathek, eine Chatfunktion sowie verschiedene Tools, wie zum Beispiel einen Vokabeltrainer.

Das Oskar-Maria-Graf-Gymnasium hat von 2013 bis 2016 an dem Modellprojekt „lernreich 2.0“ teilgenommen, in dessen Rahmen in sieben ausgewählten Klassen „mebis“-basierter Unterricht getestet wurde. Inzwischen kann „mebis“ an der ganzen Schule, in allen Fächern eingesetzt werden, was immer mehr Lehrkräfte nutzen, seitdem es einen Breitbandanschluss mit 400 MBit gibt und die Internetverbindung stabil funktioniert. Die Vorteile von „mebis“ liegen in den Möglichkeiten zur Individualisierung sowie den differenzierten Feedback-Möglichkeiten. Zudem können Kolleginnen und Kollegen, die in der gleichen Jahrgangsstufe unterrichten, in bestehende „mebis“-Kurse eingeladen werden, um gemeinsam Materialien und Konzepte zu erarbeiten.