An der Oskar-von-Miller-Schule Kassel wird viel Wert auf individuelles und selbstorganisiertes Lernen gelegt. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

Oskar-von-Miller-Schule Kassel

Sprung zu mehr Selbstverantwortung

Der 18-jährige Oliver macht eine ausholende Handbewegung: „Das hier ist unser Büro.“ Eigentlich handelt es sich bei diesem Raum um ein Klassenzimmer in der Oskar-von-Miller-Schule in Kassel. Doch so wird er von niemandem hier bezeichnet, denn der Raum hat tatsächlich wenig von einem typischen Klassenzimmer und erinnert eher an ein modernes Großraumbüro. An Gruppentischen sitzen Jugendliche und junge Erwachsene auf Bürostühlen, jeder den eigenen Laptop vor sich. Die meiste Zeit ist es ziemlich ruhig, obwohl knapp 50 Schüler in dem Raum sitzen. Versunken in ihre Aufgaben tippen die Jugendlichen auf ihren Tastaturen. Zwischendurch diskutieren sie untereinander und geben sich gegenseitig Tipps. Oder sie machen eine Pause in der kleinen Teeküche nebenan. Der Unterricht beginnt jeden Tag um 8 Uhr – das ist für alle Schüler gleich. Doch dann widmet sich jeder seinen eigenen Aufgaben und Routinen. Einen gewohnten Anblick bieten nur die Lehrer, die von Gruppentisch zu Gruppentisch gehen und den Schülern bei Problemen helfen.

Die Oskar-von-Miller-Schule ist eine gewerblich technische Berufsschule im Herzen von Kassel. Wilfried Dülfer, der stellvertretende Schulleiter, ist einer der Lehrer, der die Klasse an diesem Tag betreut. „Wir wollten weg vom Frontalunterricht, weg vom ‚Bulimie-Lernen‘, bei dem nichts hängen bleibt“, so Dülfer. „Die Schülerinnen und Schüler sollen die Akteure sein, nicht die Empfänger.“ Lerne, es selbst zu tun – das ist das Motto der Oskar-von-Miller-Schule. Und das geht in herkömmlichen Klassenzimmern einfach nicht so gut.

Diese Erklärung für das Schüler-Großraumbüro ist damit so einfach wie mutig. Natürlich wird im Bildungsbereich schon lange mit diesen Begriffen gearbeitet: Selbstverantwortung, Selbstorganisation, individuelles Lernen. Doch die Oskar-von-Miller-Schule hat sich nicht mit kleinen Schritten dahin zufriedengegeben, sondern direkt einen großen Sprung gewagt.

Umbruch durch Technik möglich gemacht

Begonnen hat das Umdenken, als die Berufsschule am Modellversuch „Selbstverantwortung Plus“ des Hessischen Kultusministeriums teilnahm, der bis 2011 dauerte. Im Anschluss erhielt die Schule 2012 die Zertifizierung als „Selbstständige Berufliche Schule“. Man darf sich den großen Sprung der Schule allerdings nicht als Sprung ins kalte Wasser vorstellen. Denn zunächst erarbeitete das Kollegium „Pädagogische Leitlinien zur Entwicklung einer neuen Lehr-Lernkultur“ – einen Masterplan sozusagen. In einem zweiten Schritt kamen dann digitale Medien hinzu. „Die Technik hat immer nur einen dienenden Charakter“, so der stellvertretende Schulleiter Wilfried Dülfer, „sie ermöglicht es aber, dass Schule immer und überall stattfinden kann.“ Und diese Unabhängigkeit von Ort und Zeit hat es letztendlich möglich gemacht, dass das neue Konzept der Schule inzwischen effektiv umgesetzt wird.

Konkret sieht es so aus, dass jede Schülerin und jeder Schüler ein individuelles E-Portfolio führt. Dafür können die Lernenden jede Woche Aufgaben aus einem Pool sogenannter Lernjobs wählen (vgl. Video). Sie entscheiden damit selbst, welche Kompetenzen sie in der jeweiligen Themenwoche erwerben wollen, welche Tools sie zur Bearbeitung verwenden, wie sie ihre Zeit einteilen und wie sie ihren Lernfortschritt darstellen möchten. Es ist den Schülern außerdem freigestellt, ob sie alleine arbeiten oder sich mit Mitschülern zusammentun, die den gleichen Lernjob bearbeiten. Abstimmungen können ebenfalls über die gemeinsame Lernplattform laufen.

Schüler sollen sich nicht bedienen lassen!

Für Wilfried Dülfer ist vor allem eine Sache entscheidend: Die Schüler müssen lernen, für sich selbst zu lernen. „Viele kommen mit der Haltung zu uns an die Schule, dass sie von uns Lehrern bedient werden wollen“, berichtet Dülfer von seinen Erfahrungen. Doch an der Oskar-von-Miller-Schule wird niemand bedient – und auch nicht zum Lernen gezwungen. „Wenn jemand nicht lernen will, verschwenden wir unsere Energie nicht“, erklärt er. Auch Klausuren gibt es in vielen Bereichen so gut wie keine mehr. Stattdessen steht für die Schüler am Ende jeder Themenwoche ein Fachgespräch mit dem jeweiligen Lehrer an, in dem das E-Portfolio im Einzel- oder im Teamgespräch evaluiert wird.

An diesem Morgen ist Wilfried Dülfer mit den Schülern Nuri Bozyigit und Jan Löber an einer Besprechungsinsel verabredet. Der 21-Jährige und der 18-Jährige, die ihre Ausbildung zum Staatlich geprüften IT-Assistenten an der Schule machen, stellen ihm die Ergebnisse eines Projekts vor. Sie haben im Fach „Politik und Wirtschaft“ ein sogenanntes Scrum-Board eingesetzt, um effektiver im Team zu arbeiten. Sie haben die Arbeitsabläufe, den Zeitplan und das Feedback über das digitale Scrum-Board organisiert und eine Präsentation zum Thema „Koalitionsvertrag“ erarbeitet. „Diese Methode hat uns geholfen, effizient zu arbeiten“, berichtet der 21-jährige Nuri. „Wir hatten zu jeder Zeit eine Übersicht darüber, wer an was arbeitet und was noch in Planung ist.“

Nuri und Jan erinnern sich noch gut an ihre ersten Wochen in der Oskar-von-Miller-Schule. „Hier geht es mehr um eigene Recherche“, erzählt Nuri, der vorher an einer anderen Berufsschule war, „das war ein Umbruch – aber ein sehr positiver.“ Jan nickt, an der Realschule hatte er zuvor nur Frontalunterricht erlebt. Er räumt aber auch ein: „Ich habe fast das gesamte 11. Schuljahr gebraucht, um mich an dieses selbstbestimmte Lernen zu gewöhnen. Am Anfang fand ich es schwierig, mir meine Ziele selbst zu setzen. Diese Selbstständigkeit musste ich erst lernen.“ Zunächst sei es auch ein ganz komisches Gefühl gewesen, so viel Vertrauen von den Lehrern zu bekommen. „Jetzt ist es ein gutes Gefühl.“

Lernprozesse auf allen Seiten

Insgesamt sei Teamarbeit nun viel wichtiger – das gelte für die Schüler untereinander, aber auch für die Schüler-Lehrer-Beziehung. „Wenn ich die Beziehung zu den Lehrern hier und an meiner früheren Schule vergleiche, fällt mir auf, dass ich früher bei Verständnisproblemen häufiger allein gelassen wurde. Hier nehmen sich die Lehrer Zeit, alles in Ruhe zu erklären, wenn es noch Fragen oder Probleme gibt“, sagt Jan.

Diese neue Art der Beziehung war jedoch nicht nur für die Schüler ein Lernprozess, auch die Lehrerinnen und Lehrer mussten sich an die neue Rolle des Lernbegleiters erst einmal gewöhnen. Doch die Veränderung sei dringend nötig, hört man von allen Lehrern, mit denen man spricht. „Ein statisches Schul- und Ausbildungssystem passt nicht mehr in diese dynamische Welt“, sagt auch Wilfried Dülfer. Entscheidend sei daher nicht mehr nur ihr fachliches Wissen, sondern vor allem auch die Haltung zum Beruf.

Ein paar Räume weiter findet man dann aber doch wieder das gewohntere Bild. Ein Lehrer steht vorne an der Tafel, die Schülerinnen und Schüler in den Tischreihen schauen zu ihm nach vorne: Frontalunterricht im ersten Lehrjahr für Automatisierungstechnik. In dieser Stunde lernen die Anwesenden, eine Anlage zu programmieren. Jeder Tisch ist mit der entsprechenden Technik ausgestattet. Die Schüler befinden sich noch in der Einführungsphase, deshalb arbeiten hier noch alle am gleichen Thema. „Die Schüler wachsen mit der Technik mit“, erklärt Waldemar Sobieroj, Lehrer der Oskar-von-Miller-Schule, „wenn die Grundlagen sitzen, können sie später auch individualisiert und nach Neigung arbeiten.“

„Man lernt, dass jeder anders lernt“

Das Lernen werde dadurch aber nicht beliebig, betont Wilfried Dülfer und möchte damit Vorurteile aus der Welt räumen. Mit jedem Lernenden werden individuelle Zielvereinbarungen getroffen, wann welche Lernprodukte dem Lehrerteam zur Begutachtung vorzulegen sind und was der Lernende damit für sich erreichen möchte. „Die Schüler dürfen nicht hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, darauf achten wir“, erklärt Dülfer.

„Die Technik hat immer nur einen dienenden Charakter. Sie ermöglicht es aber, dass Schule immer und überall stattfinden kann.“ 
Wilfried Dülfer, stellvertretender Schulleiter der Oskar-von-Miller-Schule Kassel

Also keine Beliebigkeit, sondern eine sinnvolle Verknüpfung von fachlichen Inhalten und personalen Kompetenzen. Waldemar Sobieroj ist sich sicher, das letztere durch die Digitalisierung immer wichtiger werden: „Sie sind das Fundament und damit wichtig für alle Lernprozesse.“ Die Schüler müssten für die Arbeitswelt vor allem lernen, flexibel zu reagieren, sich selbst zu organisieren und in Netzwerken zu arbeiten. Deswegen würden die Lernziele zwar vorgegeben, die Wege aber individuell gewählt werden. „Gleiche Aufgaben für alle Schüler wären auch einfach nicht gerecht“, sagt Wilfried Dülfer, „die unterschiedlichen Fähigkeiten müssen berücksichtig werden.“

Oder wie Jan Löber es ausdrückt: „Man lernt hier, dass jeder anders lernt. Man muss wissen, wo man hin will und seine eigenen Weg dahin finden.“

Text: Laura Millmann, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

Das Hessische Modellprojekt „Selbstverantwortung Plus“

An 17 beruflichen Schulen führte das Hessische Kultusministerium von 2005 bis 2011 das Modellprojekt „Selbstverantwortung Plus“ durch. Ziel war es, die Qualität der Schulen durch mehr Entscheidungsfreiheit in organisatorischen, personellen und finanziellen Fragen systematisch weiter zu entwickeln und die schulische Arbeit vor Ort zu verbessern.

Es wurden darüber hinaus Erkenntnisse generiert für die Gestaltung einer Selbstverantwortlichen Beruflichen Schule (SBS). Schulen, die im Anschluss an das Projekt eine Zertifizierung als SBS erhalten haben, sollen weiterhin Entscheidungen vor Ort treffen können. Sie erhalten das sogenannte „große Schulbudget“ zur eigenständigen Verwaltung und können auch Personalentscheidungen weitgehend selbst treffen