An der Waldschule Hatten in Niedersachsen werden digitale Medien völlig selbstverständlich im Unterricht integriert. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

Waldschule Hatten

Tablets im Unterricht? Selbstverständlich!

Ganz entspannt hockt Siebtklässler Justin auf dem Stehtisch am Ende des Flurs nahe seines Klassenzimmers, neben ihm steht sein Freund Niam. Die beiden üben ihren selbstgeschriebenen Einkaufsdialog für den Englischunterricht bei Lehrerin Christina Wieder. Ihre Aufgabe: den Dialog aufzeichnen. Einen Stock tiefer haben sich Siebtklässler rund um die Cafeteria verteilt und erstellen für den Englischunterricht von Aljona Walter Plakate oder Präsentationen über Irland. Beide Aufgaben wären analog mit viel Vorbereitungsaufwand verbunden, lassen sich aber digital kurzfristig umsetzen – wie an der Waldschule Hatten in Niedersachsen zu sehen ist. Seit 2016 lernen die Schülerinnen und Schüler der Oberschule in Hatten Sandkrug jeweils ab der siebten Klasse mit eigenen Tablets – von den Eltern finanziert oder der Schule ausgeliehen. Das Ziel: Medienerziehung und Medienkompetenz, so Silke Müller, Schulleiterin der Waldschule Hatten. „Wir sind als Schule verantwortlich, auf die durch die Digitalisierung veränderten Lebensbedingungen einzugehen, uns den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen. Würden wir das nicht machen, wäre das fahrlässig. Das ist schulische Aufgabe, gemeinsam mit dem Elternhaus.“ Die Waldschule stellt sich dieser Aufgabe mit ihrem umfassenden Medienkonzept.

Implementiertes Mediencurriculum

Die erste Säule dieses Konzepts bildet die technische Infrastruktur, die an der Waldschule ungewöhnlich gut ausgebaut ist. „An dem, was der Schulträger hier leistet, sollten sich andere ein Beispiel nehmen“, sagt Lehrer René Winkelmann, der für die Systemadministration verantwortlich ist. Das komplette Schulgebäude ist etwa mit WLAN ausgestattet und verfügt über eine Glasfaserleitung; in fast jedem Klassenzimmer stehen ein Computer und ein Beamer; die Schule besitzt zudem zwei Tabletkoffer, Leihtablets, Lehrertablets und einen mobilen Beamerwagen. All dies ermöglicht „digitales, zeitgemäßes Lernen“, die zweite Säule, wie Schulleiterin Müller erklärt. „Digitale Medien kommen bei uns im Unterricht vollkommen selbstverständlich zum Einsatz.“ Dafür sorge das implementierte Mediencurriculum, das für jedes Fach gilt. Die Schülerinnen und Schüler sollen dadurch unter anderem fachunabhängig lernen, digitale Medien als Arbeitsgeräte zu begreifen und sinnvoll einzusetzen, beispielsweise um Präsentationen zu erstelle

„Die Voraussetzung für einwandfreie Arbeit mit digitalen Medien in der Schule ist, dass Kollegen sich darauf verlassen können, dass die Technik funktioniert – jederzeit.“

René Winkelmann, Projektgruppe „Digitales Lernen an der Waldschule“

Das kommt auch bei den Jugendlichen gut an. „Der Unterricht ist an die heutige Zeit angepasst, in Englisch nutzen wir die Tablets besonders viel“, sagt etwa der 13-jährige Justin. Kein Wunder, sind die Vorteile für Lehrerin Christina Wieder doch eindeutig: „Mit den Tablets verfügen die Schüler über viel mehr Möglichkeiten, zu lernen und Aufgaben umzusetzen“ – und zwar nicht nur im Englischunterricht, sondern auch in Geschichte. Dort erkundete sie zuletzt mit ihren Schülerinnen und Schülern virtuell das Schloss Versailles mithilfe eines 3D-Rundgangs.

Ortsungebunden lernen

Als Herausforderung beim Tablet-Einsatz beschreibt Christina Wieder die Notwendigkeit, „die Schüler ein wenig loszulassen“. Zwar ermögliche die App Classroom, die Tablets der Lernenden vom Lehrertablet aus zu kontrollieren, aber sie wolle ja keine Dauerüberwachung einführen. Stattdessen nutzt sie wie auch ihre Kollegin Aljona Walter die Tablets lieber, um den Schülerinnen und Schülern Freiheiten zu bieten. So können sie sich in Freiarbeitsphasen zum Beispiel entscheiden, eine Aufgabe in der Klasse oder an einem anderen festgelegten Ort in der Schule zu erledigen. Die Jugendlichen nutzen diese Möglichkeiten verantwortlich. Hannah (13) und Jessica (14) aus der 7c haben vor der Cafeteria an einem Tisch Platz genommen, um dort ihre Präsentation über Irland zu erstellen.
Während Hannah dafür schon einmal die erste der sechs zu beantwortenden Fragen per Fingertipp kopiert und in die Präsentation einfügt, sucht Jessica nach der Antwort. Nebenan in der Cafeteria sitzen weitere Mitschüler, die an ihren Plakaten arbeiten. Eine Etage darüber haben sich die Schülerinnen und Schüler der 7a auf die Flure rund um ihren Unterrichtsraum verteilt, um ihre Einkaufsdialoge abseits der üblichen Klassengeräusche einzusprechen.

„Es ist ganz wichtig, dass wir alle mit ins Boot holen und vor allen Dingen schnell vorankommen, weil ich glaube, dass wir im europäischen Vergleich schon recht weit abgehängt sind.“

Silke Müller, Schulleiterin Waldschule Hatten

Damit die Lehrkräfte digitale Medien derart selbstverständlich nutzen können, setzt Schulleiterin Silke Müller auf Transparenz: „Mein Kollegium muss wissen, was die Schule von ihnen erwartet, welches Ziel wir mit der digitalen Bildung verfolgen.“ Dazu dienen sowohl das Medienkonzept als auch externe wie interne Fortbildungen. Einen besonderen Stellenwert nimmt das interne Fortbildungskarussell an der Waldschule ein. Dabei handelt es sich um Mikrofortbildungen von Lehrkräften für Lehrkräfte, die in wiederkehrenden Abständen ein Thema in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen aufgreifen, um Anfänger wie auch Fortgeschrittene anzusprechen. Die einzelnen Einheiten sind 30 bis 45 Minuten lang. Den Einstieg bietet die „Knöpfchenkunde“, die sich in erster Linie an neue Lehrkräfte richtet und auf die Grundlagen des Unterrichtens mit dem Tablet fokussiert.
Die schwierigste Aufgabe bei der Medienerziehung sei es, so Silke Müller, den Schülerinnen und Schülern „digitale Ethik“ zu vermitteln. „Wie verhalte ich mich in sozialen Netzwerken richtig? Wie finde ich heraus, ob das, was ich recherchiert habe, auch der Wahrheit entspricht? Diese und ähnliche Fragen greifen wir im Unterricht auf, aber auch an speziellen Projekttagen, den Digi-Days, an denen die Schüler Dilemma-Situationen durchleben müssen und daraus Werte und Normen für die digitale Welt ableiten sollen“, erklärt Müller.
Viel einfacher erschließen sich den Jugendlichen demgegenüber die Vorteile, die oft ganz praktischer Natur sind: leichtere Schultaschen, da sich Bücher und Arbeitsblätter als Dokumente auf dem Tablet befinden, umweltfreundlicheres Arbeiten, weil die Lehrkräfte weniger kopieren und ausdrucken müssen, sowie die immer gegebene Möglichkeit zu recherchieren. Ähnlich sehen das die Lehrenden. „Ich konnte den Rollkoffer durch einen Rucksack tauschen“, schwärmt Christina Wieder. „Auf dem Tablet habe ich in der Regel alles bei mir, was ich für den Unterricht benötige.“

Workshop-Abend für Eltern

Mit dem Ziel, auch die Eltern von den Vorteilen digitaler Medien für den Unterricht zu überzeugen, organisiert die Schule für alle Väter und Mütter der Fünft-, Sechst- und Siebtklässler einmal pro Schuljahr einen Workshop-Abend. „Die Eltern sollen ganz transparent miteingebunden werden, um ihre Kinder auf dem Weg der digitalen Kompetenzentwicklung begleiten zu können“, sagt Schulleiterin Müller. Dafür lernen sie in 15-minütigen Workshops das Medienkonzept der Waldschule kennen. Sie erfahren, wie die Tablets im Unterricht zum Einsatz kommen, welche Apps die Schülerinnen und Schüler nutzen – und dürfen dies auch selber ausprobieren. Beim Einblick in den Biologie-Unterricht von Birthe Theis in diesem Jahr sollen die Eltern beispielsweise ein kleines Stück Wasserpest mikroskopieren und anschließend mit dem Tablet über dem Okular ein Foto machen. Den Schülerinnen und Schülern diente dies im Unterricht als Vorlage für eine Zeichnung. Im Workshop zur App Book Creator können sich die Väter und Mütter direkt mit einigen Siebtklässlern austauschen. Diese präsentieren ihre Arbeitsergebnisse, die sie mit der App erstellt haben, wie ein Buch über den Regenwald, und unterstützen die Eltern bei ihren ersten Anwendungsversuchen. „Es ist der Wahnsinn, was man alles so mit den Tablets machen kann“, sagt Benita Gercken. Ihr Sohn ist noch in der fünften Klasse, aber sie will sich jetzt schon einmal informieren, was ihn später erwartet. Aus demselben Grund nimmt Wiebke Eilas am Workshop-Abend teil. Sie findet es gut, dass die Waldschule „mit der Technik mitgeht“. Jürgen Diers, dessen Tochter ab dem Schuljahr 2018/2019 mit dem Tablet im Unterricht arbeiten wird, zeigt sich optimistisch: „Ich denke, wenn alle Lehrer an einem Strang ziehen, ist das Medienkonzept eine runde Sache.“

Der Workshop-Abend ist ein Erfolg, auch wenn im Vergleich zum ersten Jahr nicht mehr so viele Eltern teilnehmen. „Digitales Lernen ist anscheinend bereits so normal geworden, dass kaum noch Interesse an diesem Angebot besteht“, vermutet Silke Müller. Das Engagement ihrer Schule nach außen will sie trotzdem nicht zurückfahren. Für die Zukunft plant sie unter anderem, die Elternschaft und „alle an Bildung im digitalen Zeitalter Interessierten“ noch stärker einzubeziehen. „Netzwerkarbeit ist aus der Schulentwicklung nicht mehr wegzudenken und das gilt gerade für den Bereich der digitalen Bildung.“ Vor allem die professionelle Netzwerkarbeit erkennt Müller als Chance, eine Stimme gegenüber Verwaltung und Politik zu bekommen, „die für die weitere Entwicklung absolut notwendig ist“.

Text: Anna Hückelheim, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

Das hausinterne Netzwerk

Ein wichtiger Bestandteil der technischen Infrastruktur an der Waldschule Hatten ist der Mobile Device Management-Server, kurz MDM-Server. Über ihn werden alle Tablets der Schülerinnen und Schüler in das schuleigene Netzwerk eingebunden. Die Jugendlichen haben darüber beispielsweise Zugriff auf den Self-Service, den schuleigenen App-Store. Über diesen können sie kostenfrei die Apps beziehen, für die die Schule über eine Schul-Lizenz verfügt und die sie für den Unterricht brauchen. Den Lehrkräften ermöglicht das hausinterne Netzwerk zudem, einzelne Endgeräte der Lernenden auf bestimmte Apps festzulegen, wodurch sie sie in Prüfungen einsetzen können.