VorWort: Im Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Schleicher

OECD-Direktor Andreas Schleicher ist als Internationaler Koordinator der PISA-Studien einer der renommiertesten Bildungsforscher weltweit. Er hält auf der #KonfBD18 einen Vortrag zum Thema „Wie Digitalisierung verändert, was wir lernen und wie wir lernen“.

Forum: In Deutschland, so scheint es, ist die Debatte um die Digitalisierung der Schulen extrem polarisiert – die einen sehen in ihr die Lösung für alle Bildungsprobleme, für andere ist Digitalisierung im Unterricht die „totale Verblödung“. Was bedeutet Digitalisierung wirklich für die Bildung?

Die Digitalisierung birgt ein enormes Potenzial. Sie ermöglicht den Schülerinnen und Schülern den Zugriff auf die geeignetsten Medien und Informationsquellen. Auch die Art des Lernens wird innovativer. Denken wir nur einmal an virtuelle Laboratorien. Schüler können dort selbst Experimente durchführen, die sonst kaum möglich wären. Interaktive Inhalte, Lernen im Team – all das sind zusätzliche Möglichkeiten auf Seiten der Lernenden, die es dank der Digitalisierung gibt. Ich sehe auch ein großes Potenzial auf Seiten der Lehrenden, ihren Unterricht zu verbessern. Das große Problem ist doch oft die Vereinzelung im Lehrberuf, die die traditionellen industriellen Lehrmethoden geschaffen haben. Wo der Lehrer als Einzelkämpfer im Klassenzimmer steht, dort schafft die Digitalisierung ganz neue Perspektiven – nämlich sich zu vernetzen.

Forum: In Ihrem Buch „World class“ beschreiben Sie die fünf besten Bildungssysteme weltweit: Singapur, Estland, Kanada, Finnland und Shanghai und sprechen vom „changing face of successful school systems“. Was unterscheidet diese Schulsysteme von dem deutschen?

Bei den Nachbarländern kann sich Deutschland schon viel abschauen. Die Niederlande zum Beispiel haben ein sehr dynamisches, flexibles Schulsystem, in dem es sehr viel mehr Vielfalt, sehr viel mehr Freiräume und Kreativität gibt. Oder Belgien, gerade der flämische Teil. Dort ist zum Beispiel Entrepreneurship eine wichtige Schlüsselkompetenz – Schüler lernen früh, verantwortlich zu handeln. Es gibt unglaublich viele Beispiele. Wenn wir nach Dänemark schauen: Soziale Kompetenzen werden dort sehr gut vermittelt. Der Einwand, wir haben eine andere Kultur und können deshalb nichts übernehmen, dient auch oft als Ausrede. Wir können alle voneinander lernen. Die Chinesen lernen auch von uns, das kann ich Ihnen versichern, obwohl die aus einer anderen Kultur kommen. Die schauen sich ganz genau an, was Deutschland gut macht. Genau so sollten wir das auch machen. Es geht nicht ums Kopieren. Es geht darum zu verstehen, was macht bestimmte Bildungssysteme erfolgreich – und was können wir davon lernen? Schauen Sie mal nach Singapur oder nach Shanghai. Da haben Lehrkräfte etwa die Hälfte der Unterrichtsverpflichtung wie Lehrkräfte in Deutschland – arbeiten aber mehr. Das heißt: Sie haben viel mehr Gelegenheit zum kollegialen Austausch, zur Unterstützung einzelner Schüler und für die Arbeit mit den Eltern. Ich sehe keinen Grund, warum sich Deutschland in diesem Punkt an diesen asiatischen Systemen kein Beispiel nehmen kann.

„Durch die Digitalisierung wird das Lernen demokratisiert. Wenn gemeinsam in Lernplattformen oder EdTech-Kursen gelernt wird, dann können daran alle Schüler teilnehmen.“

Prof. Dr. Andreas Schleicher, Direktor für Bildung und Kompetenzen der OECD

 

 

Forum: Seit der ersten PISA-Studie wissen wir, dass in Deutschland Kinder aus sozial schwächeren Familien nicht so gefördert werden, wie sie gefördert werden müssten – kann die Digitalisierung dabei helfen?

Absolut. Zunächst einmal bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten, Lernschwächen früh zu erkennen. Und da muss man sagen: Künstliche Intelligenz ist dabei besser als menschliche Fähigkeiten. Mit digitalen Tests und der Analyse von Abweichungen lässt sich schon sehr viel früher sehen, wenn irgendwo Förderbedarf steht. Zweitens: Wenn die Lehrkräfte weniger mit Wissensvermittlung befasst sind, können sie sich vielmehr darauf konzentrieren, Defizite auszugleichen und Talente zu finden und zu fördern. Das Problem des traditionellen Unterrichts ist: Eine Lehrkraft unterrichtet einmal – für alle. Die am unteren Rand und die am oberen Rand fallen dabei raus. Durch die Digitalisierung kann eine Lehrkraft sehr viel besser auf die verschiedenen Lernschwächen und Stärken der Schüler eingehen.
Heute ist es noch so, dass Schüler aus einem günstigen sozialen Umfeld zu Hause unglaublich viel Förderung bekommen – Nachhilfe zum Beispiel. Durch die Digitalisierung wird das Lernen demokratisiert. Wenn gemeinsam in Lernplattformen oder EdTech-Kursen gelernt wird, dann können daran alle Schüler teilnehmen. In Ländern wie Japan lässt sich schon zeigen, dass sich die Digitalisierung mäßigend auf die soziale Selektion auswirkt. Die digitalen Möglichkeiten werden dort von Schülern aller Gruppen intensiv genutzt. Da bekommen aber auch die ärmsten Schüler die besten Lerninstrumente, weil ja jeder einen Rechner hat und sich dann eben auch holen kann, was er braucht. Das zeigt, was so eine Technologie bewirken kann.

Forum: Die Digitalisierung verändert ja nicht nur die Schule, sondern auch Wirtschaft und Gesellschaft drumherum. Was müssen Schülerinnen und Schüler heute lernen, um künftig gut auf die digitale Welt vorbereitet zu sein?

Das Wissen wird weiterhin von Bedeutung bleiben. Aber auch hier sehen wir eine Verschiebung. Die Reproduktion von Fachwissen verliert ganz klar an Bedeutung. Das kann Google besser und schneller. Wichtiger wird ein epistemisches Verständnis: Kann ich denken wie ein Mathematiker? Kann ich denken wie ein Naturwissenschaftler? Kann ich denken wie ein Historiker? Wenn wir zum Beispiel an die Geschichte denken: Im Zeitalter der Digitalisierung macht es wenig Sinn, sich Namen oder Plätze zu merken. Denn das ist im Grunde totes Wissen. Wichtiger ist: Kann ich erkennen, wie sich das Narrativ einer Gesellschaft entwickelt hat? Warum hat es sich so entwickelt? Kann ich die historischen Prozesse verstehen? Übertragen auf die Naturwissenschaften heißt das: Kann ich ein Experiment konzipieren? Kann ich unterscheiden zwischen Erkenntnissen, die man wissenschaftlich verstehen kann und Behauptungen, an die man glauben muss. Ich denke, das ist das Entscheidende. Nicht das Anhäufen von Fachwissen, sondern die Kenntnis der Strukturen. Wenn wir dieses Strukturwissen nicht haben, dann werden wir auch nicht sinnvoll bei Google suchen können. Man muss lernen, die geeigneten Fragen zu stellen.

Hat die Digitalisierung Einfluss auch auf die Unterrichtsmethodik? Anders gefragt: Wie verändert sich die Lehrerrolle?

Die Rolle der Lehrkraft verschiebt sich – weg vom reinen Wissensvermittler, hin zum Mentor, der Lernprozesse ermöglicht und steuert. Lernen ist immer ein sozialer Prozess. Und Technologie kann diesen sozialen Prozess verstärken. Aber sie kann diesen nicht ersetzen. Insofern werden Lehrkräfte sogar noch sehr viel wichtiger, als sie es heute schon sind. Das Positive daran ist in meinen Augen: Sie können sich dadurch mehr auf ihre Kernaufgabe konzentrieren. Man wird doch vor allem deshalb Lehrer, um junge Menschen zu begleiten, um ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Und die Technologie bietet uns die Möglichkeit, die Routinearbeit – die Vermittlung von Fachwissen – zu vereinfachen. Dadurch bekommen wir Raum für das Wesentliche. Und das Wesentliche ist nun mal das Lernen. In der Vergangenheit haben wir für die Arbeit gelernt. Heute ist das Lernen, das lebenslange Lernen, die eigentliche Aufgabe. Das ist der große Paradigmenwechsel. Und dabei können die Lehrkräfte durch eine neue Pädagogik eine herausragende Rolle spielen.

„Wie Digitalisierung verändert was wir lernen und wie wir lernen“

Keynote von Prof. Dr. Andreas Schleicher, Direktor für Bildung und Kompetenzen der OECD

16. November 2018, 09:00-10:00 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Das Interview führte: Andrej Priboschek