VorWort: Im Gespräch mit Robert Miebach

„Schule auf Reisen – E-International“, so heißt ein besonderes Projekt der Hermann-Lietz-Schule / Internat Schloss Bieberstein, das die Lehrkräfte Mathilde Luxenburger, Ulrike Kramer und der Schüler Kevin Kropf auf der #KonfBD18 vorstellen. Der Coach und Projektkoordinator Robert Miebach, der im Rahmen des Projekts mit Schülerinnen und Schülern auf drei Kontinenten unterwegs ist, gab uns vorab ein Interview.

Forum: Sie verknüpfen in der Hermann-Lietz-Schule / Internat Schloss Bieberstein das E-Learning mit Auslandsreisen Ihrer Schülerinnen und Schüler. Was passiert da?

Die Idee ist aus einem früheren Projekt entstanden, das „Bildungsjahr“ hieß. Nach der Einführung von G8 wurde deutlich, dass manche Schülerinnen und Schüler im Anschluss an das Abitur – das sie ja nun ein Jahr früher ablegten – noch etwas Reifezeit brauchten. Deshalb haben wir ein zusätzliches Bildungsjahr angeboten, in dem Praktika absolviert und Auslandserfahrungen gemacht wurden – arbeitsintensiv, aber spannend für die Schüler. In diesem besonderen Jahr gab es keinen Fachunterricht, auch keine Noten, dafür Kurse. Wir haben kreatives Schreiben angeboten. Wir haben Theater gespielt. Wir haben soziale Praktika vermittelt. Wir haben sportliche Aktivitäten durchgeführt. Jetzt kehren wir zu G9 zurück, weshalb viele Schülerinnen und Schüler keine Zeit mehr haben, ein Extrajahr zu investieren. Weil wir aber gesehen haben, was es den jungen Menschen bringt, auch Erfahrungen außerhalb der Schule zu sammeln, wollten wir die Idee nicht aufgeben. Und deshalb wollten wir einen Auslandsaufenthalt mit in die Regelschulzeit integrieren.

Forum: Wie haben Sie das hinbekommen?

Dafür haben wir jetzt für die Einführungsphase (das ist die 11. Klasse nach G9) in der Oberstufe „E-International“ entwickelt. Das pädagogische Ziel ist es dabei, die Schule für einige Zeit zu verlassen, um die Welt als Lernort wahrzunehmen. Länder werden so ausgesucht, dass die Gegebenheiten vor Ort zu den Unterrichtsfächern passen. Religionsunterricht findet in Nepal statt, Wirtschaftswissenschaften und Mathematik in Indien und Dubai, Englisch in Südafrika, Kunst und Geschichte in Italien und Biologie während unseres Landwirtschaftsprojektes in Spanien. Wir organisieren Umweltprojekte, wir besuchen wirtschaftliche Unternehmen, wir machen viel im Bereich Kultur, Sport, Kunst, Geschichte. Also Themen, die starken Bildungscharakter haben, aber im Regelunterricht oft nicht umzusetzen sind, weil sie nicht unbedingt im Lehrplan stehen.
Andererseits wollen wir es den Schülerinnen und Schülern aber auch ermöglichen, dann in das zweite Schulhalbjahr einsteigen zu können, ohne Probleme zu bekommen. Dafür müssen sie die schulischen Inhalte weiterhin bearbeiten können. Und das bedeutet für unsere Lehrkräfte: Sie mussten sich jetzt überlegen, wie vermitteln sie den Stoff über die Distanz? Das geht eben über E-Learning.

Forum: Wie funktioniert das konkret?

Das ist unterschiedlich von Fach zu Fach und von Lehrer zu Lehrer. Aber im Grunde läuft es meistens über Arbeitsaufträge. Wir haben eine Online-Plattform, mit der wir arbeiten. Die Lehrerinnen und Lehrer laden dort Arbeitsaufträge und Materialien wie Texte oder Videos hoch und die Schülerinnen und Schüler holen sich dort die Aufgaben. Sie müssen dann zum Beispiel literarische Texte für das Fach Deutsch bearbeiten. Oft sind die Aufträge mit dem Ort, an dem wir uns in dem Moment befinden, verknüpft. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich dabei auch Informationen übers Internet oder aus Büchern teilweise selbst aneignen. Am Ende laden sie ihre Ergebnisse hoch auf unsere Plattform, wo sie dann von den Lehrern bewertet werden. Im Normalfall werden die Arbeitsaufträge über einen Videochat vor- und nachbesprochen. Es gibt meistens eine Einführung: Was wird jetzt diese Woche passieren? Das sind meistens größere Arbeitsaufträge von mehreren Stunden oder mehreren Tagen. Und dann gibt es alle paar Tage eine Videokonferenz. Da werden dann Fragen besprochen. Der Lehrer gibt den Schülerinnen und Schülern nochmal zusätzlich zu seinen schriftlichen Anmerkungen ein mündliches Feedback.

Forum: Sind das individuelle Schüler-Lehrer-Gespräche oder ist das eine Art virtueller Klassenraum?

Das sind normalerweise Gruppensprechstunden, aber manche Lehrer bieten auch zusätzlich Einzelgespräche an, je nach Bedarf. Viele Schüler brauchen schon den visuellen Kontakt. Es hat sich gezeigt, dass der Unterricht sehr stark davon lebt.

Forum: Das klingt alles in allem arbeitsintensiv für die Lehrkräfte – vor allem die Vorbereitung ist wahrscheinlich umfangreich, oder?

Die Lehrkräfte müssen natürlich den Stoff, den sie zu vermitteln haben, auf andere Art an die Schülerinnen und Schüler bringen als gewohnt. Das bedeutet vor allem: Die Schülerinnen und Schüler müssen die Möglichkeit bekommen, sich vieles möglichst selbstständig zu erarbeiten. Gleichzeitig muss die Lehrkraft die Arbeitsaufträge so konstruieren, dass sie auch erfährt, ob die Schüler den Stoff auch tatsächlich alle verstanden haben. Und dann muss man das Ganze wenn möglich noch an den Ort anpassen. Wenn man Geschichtsunterricht in Rom hat oder Kunstunterricht in Florenz, wo wir gerade sind, oder später Religionsunterricht in Indien – dann gibt es natürlich tolle Möglichkeiten für praktische Arbeitsaufträge. Wir hatten letztes Jahr einen Probelauf, dieses Jahr läuft das Programm zum ersten Mal im kompletten Umfang. Es stimmt schon: Für die Lehrkräfte ist die Vorbereitung ein großer zusätzlicher Aufwand – aber: Wenn diese Arbeitsmaterialien erst einmal entwickelt sind, wenn die Arbeitsaufträge gut gestaltet sind, dann lässt sich das alles in den nächsten Jahren sehr gut wiederverwenden – und der Arbeitsaufwand nimmt dann über die Jahre sehr stark ab. Dazu kommt: Man ist als Lehrkraft in der Gestaltung des Unterrichts zeitlich sehr flexibel, hat nicht mehr seine festen Stunden.

Forum: Wie evaluieren Sie die Ergebnisse – werden die Schülerinnen und Schüler am Ende getestet? Wie sind die Ergebnisse?

Die erste Evaluation läuft schon mal über die Videochats. Und dann gibt es ganz normale Klausuren, die den gleichen Umfang und den gleichen Schwierigkeitsgrad haben wie in der Schule. Mogeln gibt es dabei nicht: Ich sitze stets daneben. Darüber hinaus befragen wir die Schülerinnen und Schüler aber auch nach jeder Epoche im Rahmen einer schriftlichen Umfrage, wie sie mit dem Unterricht zurechtgekommen sind, was geklappt hat, was nicht geklappt hat, wo möglicherweise Probleme lagen und wie die Lehrkraft den Unterricht verbessern kann. Die Ergebnisse werden dann allen Lehrkräften zugänglich gemacht, damit alle aus den Erfahrungen lernen können.

„Es ist nicht unbedingt unser Ziel, den Unterricht zu digitalisieren. Bei uns kommen viele Innovationen mit den Erfahrungen, die wir im Projekt sammeln.“

Robert Miebach, Coach und Projektkoordinator „Schule auf Reisen – E-International“

 

 

Forum: Sie sind als Begleiter stets mit vor Ort. Ohne einen direkten Ansprechpartner geht es also nicht?

Nein, das geht auf keinen Fall, allein wegen der Aufsichtspflicht. Besonders zu Beginn brauchen die Schüler auch Unterstützung beim Zeitmanagement. Aus dem Unterricht halte ich mich aber weitestgehend raus.

Forum: Nun ist das Modell so kaum übertragbar auf normale Schulen, schon der hohen Kosten wegen. Gibt es trotzdem Ideen aus dem Projekt, die auch für andere Schulen praktizierbar wären?

Ich denke, dass die meisten der Projekte, die wir im Rahmen von „E-International“ machen, in ähnlicher Form auch in Deutschland durchführbar wären. Es geht dabei ja hauptsächlich um die praktischen Erfahrungen – und darum, parallel dazu einen passenden Unterricht anzubieten. Und das ist mithilfe der Digitalisierung möglich. Auch in der Arbeitswelt ist es ja so, dass die Digitalisierung zu mehr Mobilität führt. Man sitzt jetzt nicht mehr unbedingt im Büro, um zu arbeiten – das geht von überall aus.

Forum: Inwieweit ist auch der normale Unterricht im Internat bereits digitalisiert?

Es ist nicht unbedingt unser Ziel, den Unterricht zu digitalisieren. Bei uns kommen viele Innovationen mit den Erfahrungen, die wir im Projekt sammeln. Über „E-International“ können wir einige Dinge ausprobieren, die sich dann sicher irgendwann in der einen oder anderen Form im Regelunterricht wiederfinden. Die Entwicklung wird stark von einzelnen Lehrern getragen, die ein Interesse an den neuen technischen Möglichkeiten haben.

Forum: Was werden Ihre beiden Kolleginnen, die Ihr Projekt auf der Konferenz Bildung Digitalisierung vorstellen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als besondere Botschaft mitgeben?

Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich persönlich finde es schade, dass viele Lehrer dem Thema Digitalisierung mit Angst begegnen. Die Digitalisierung bietet so viele tolle Möglichkeiten, den Unterricht zu beleben. Durch das Internet hat man aus dem Klassenraum heraus einen direkten Draht zu allem, was in der Welt passiert. Das heißt, Lehrkräfte können Schule viel lebensnäher gestalten. Das ist eine große Chance.

Schüler im Ausland – Lehrer in Deutschland / Lernen und Leistungsmessung

Workshop von Mathilde Luxenburger, Ulrike Kramer, Kevin Kropf, Hermann-Lietz-Schule Internat Schloss Bieberstein

16. November 2018, 11:45-12:45 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Das Interview führte: Andrej Priboschek