VorWort: Im Gespräch mit Armin Himmelrath

Armin Himmelrath ist freier Journalist u.a. bei SPIEGEL ONLINE und hat zusammen mit Julia Egbers das Buch „Fake News. Ein Handbuch für Schule und Unterricht” geschrieben. Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018 bieten beide einen Workshop zum Thema an. 

Forum: In den Infos vom Verlag heißt es: „Zwei Drittel der Jugendlichen halten Nachrichten, die sie in sozialen Netzwerken lesen, für grundsätzlich seriös – professionelle journalistische Medien schneiden deutlich schlechter ab.” Womit erklären Sie sich das?

Das hat mit der Mediennutzung der Jugendlichen zu tun. Zu den Medien, die man häufiger oder regelmäßig nutzt, baut man natürlich eine engere Bindung auf – und schreibt ihnen dann auch eher Attribute wie Vertrauenswürdigkeit oder Glaubwürdigkeit zu. Das geht ja nicht nur Jugendlichen so, sondern uns allen: Die Zeitschriften, die ich abonniert habe, liegen in meinem persönlichen Glaubwürdigkeits-Ranking natürlich ziemlich weit vorne.

Forum: Gibt es bestimmte Merkmale, um Fake News schnell und einfach zu identifizieren?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass alle Nachrichten falsch oder verfremdet oder abgewandelt sein könnten. Oder dass sie mit einer bestimmten Intention, einem bestimmten Spin veröffentlicht wurden. Um Fake News zu identifizieren, sollte man beispielsweise die Herkunft der Nachricht überprüfen, auf unangemessene Übertreibungen oder Emotionalisierungen achten und generell die Plausibilität in Frage stellen. Es gibt nicht den einen, todsicheren Test - eine Überprüfung besteht immer aus mehreren Faktoren.

Forum: Sie sind Journalist – Was tun Sie selbst, um bei Ihrer Arbeit nicht selbst Falschmeldungen aufzusitzen?

Eines der journalistischen Grundprinzipen ist es, bei allen Nachrichten immer nach einer zweiten, unabhängigen Quelle zu suchen, die den Sachverhalt bestätigt. Und auch in der Redaktion schauen wir natürlich auf Plausibilität, Herkunft und Aufmachung einer vermeintlichen Neuigkeit, bevor wir über eine Veröffentlichung entscheiden. Das sind professionell organisierte Abläufe, nach denen wir dort prüfen – was dennoch leider keinen hundertprozentigen Schutz davor bietet, auf eine Fake News hereinzufallen.

„Wer sich mit Kommunikationskompetenzen in der digitalen Welt beschäftigt, reagiert nicht nur auf vermeintlich Übles, sondern hat auch die Chance zur aktiven, teilhabenden, demokratischen Gestaltung.“

Armin Himmelrath, freier Autor

 

 

Forum: Was sollten Schülerinnen und Schüler bei ihrer eigenen Mediennutzung beachten, um nicht auf Fake News hereinzufallen?

Sie sollten im Idealfall eine kritische Distanz zu den konsumierten Nachrichten wahren. Also immer mal wieder einen kurzen Realitäts- und Plausibilitätscheck machen. Und sie sollten – wie auch Erwachsene – vor dem liken oder weiterleiten einer Nachricht zwei- oder dreimal tief durchatmen und ganz kurz überlegen: Klingt das real? Kenne ich den Absender? Sind die Informationen konkret und belegbar? Wer drei Sekunden nachdenkt, fällt seltener auf Fake News herein.

Forum: In Ihrem Workshop auf der Konferenz Bildung Digitalisierung geht es auch um Hate Speech. Was macht junge Menschen anfällig?

Ich glaube, dass alle, die sich viel im Netz bewegen und auf Social-Media-Plattformen kommunizieren, tendenziell anfällig für Hate Speech sind. Digitale Kommunikation ist einfach schneller, direkter und in gewisser Weise härter und schärfer. Man gewöhnt sich da schnell einen Ton an, der im analogen Leben bei der Face-to-Face-Kommunikation zu Recht als völlig unangemessen, verletzend und beleidigend bewertet würde. Das muss man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen. Man kann mit Love Speech, also mit freundlichen und wertschätzenden Kommentaren, dagegen halten.

Gibt es auch in den Schulen ein ausreichendes Bewusstsein für die Notwendigkeit, Medien- und Digitalkompetenz zu vermitteln?

Nein, ausreichend ist das Bewusstsein sicherlich noch nicht. Solange es Schulen gibt, die glauben, mit einem Handverbot auf dem Schulgelände der Digitalisierung trotzen zu können, haben wir dringenden Handlungsbedarf. Aber es bewegt sich ja schon einiges, viele Lehrerinnen und Lehrer entwickeln tolle Ideen und Konzepte zur Vermittlung von Medien- und Digitalkompetenz. Sie haben verstanden, dass diese Kompetenzen essentieller Bestandteil des Wissens sind, das sie ihren Schülerinnen und Schülern für deren Leben in der Welt von morgen mitgeben müssen.

Warum braucht es Ihr Buch?

Wir hoffen, den Prozess der Reflexion und des Einstiegs in das Thema anzustoßen. Die Schule ist der Ort, an dem der Umgang mit digitalen Medien und das digitale Kommunikationshandeln trainiert und reflektiert werden muss. Unser Buch gibt dafür Anstöße und liefert Ideen für alle Beteiligten. Und es zeigt: Medienkompetenz und der Umgang mit möglichen Fake News sind kein Zauberwerk, sondern können erlernt und vermittelt werden.

Was können Lehrkräfte und Eltern tun, um für das Thema zu sensibilisieren und zu unterstützen?

Ganz sicher geht es darum, das eigene Medienverhalten und das der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und zu hinterfragen. Das mag Eltern und Lehrkräften vielleicht schwerfallen, weil sie das Gefühl haben, die Kinder und Jugendlichen seien beim Umgang mit digitaler Kommunikation einfach schneller und versierter. Aber es hilft nichts, wenn sich die pädagogisch Verantwortlichen wegducken: Wir alle müssen uns mit dem Leben in einer zunehmend digitalen Welt auseinandersetzen, wenn wir Gestaltungsmöglichkeiten für das Zusammenleben und das Zusammenreden erhalten wollen. Was man dafür zum Einstieg tun kann? Natürlich unser Buch lesen…

Was wünschen Sie sich für Ihren Workshop auf der Konferenz Bildung Digitalisierung?

Wir hoffen auf offene Diskussionen, auf persönliche Erfahrungen und vor allem darauf, dass wir und die Teilnehmenden hinterher das Gefühl haben: Wer sich mit Kommunikationskompetenzen in der digitalen Welt beschäftigt, reagiert nicht nur auf vermeintlich Übles, sondern hat auch die Chance zur aktiven, teilhabenden, demokratischen Gestaltung. Was könnte dafür ein besserer Ort sein als die Schule?

In Zeiten von Fake News und Hate Speech – Wir müssen Nachrichten- und Digitalkompetenzen stärker fördern!

Workshop mit Armin Himmelrath und Julia Egbers

16. November 2018, 10:30-11:30 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

Mehr Infos

Lesen Sie hier das nächste VorWort mit Prof. Dr. Petra Anders.


Die Fragen stellte: Philipp Schulz