VorWort: Im Gespräch mit Björn Nölte

„Leistungsbewertung in der digitalen Gesellschaft“ – unter dieser Überschrift präsentiert der Deutsch- und Geschichtslehrer Björn Nölte gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Voltaireschule Potsdam in einem Workshop auf der #KonfBD18 Alternativen zum tradierten System der Leistungsbewertung. Björn Nölte ist Oberstufenkoordinator der Schule.

Forum: Warum brauchen wir neue Formen der Leistungsbewertung in der Schule?

Ich glaube, es ist eine Akzentverschiebung nötig – weg von der Abrechenbarkeit in Ziffernnoten, hin zu einer Ermöglichung für Schülerinnen und Schüler, ihre individuellen Leistungen unter Beweis zu stellen. Das ist aus meiner Sicht auch gesellschaftlich notwendig, um Kinder und Jugendliche zu mündigen Individuen zu machen, ihnen also zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen. Dabei ist es nötig, Schülerinnen und Schülern per Feedback dazu zu verhelfen, möglichst sinnstiftende eigene Produkte zu erzeugen. Wir können uns noch so lange Gedanken machen über eine notwendige Veränderung von Unterricht. Solange am Ende immer noch die traditionelle Form der Leistungsbewertung steht, werden Schüler und Lehrer immer gehemmt bleiben. Das ist die unsichtbare Hand der Unterrichtssteuerung, das Ende, auf das die Dinge abzielen. Zig Reform-Initiativen verlaufen auch deswegen im Sande, weil die Kolleginnen und Kollegen feststellen, das klingt alles schön und gut, aber am Ende müssen die Schüler doch den vorgeschriebenen Stoff in den traditionellen Formen absolvieren. Deshalb glaube ich, man muss bei jeder Unterrichtsinnovation die Leistungsbewertung mitdenken – oder sogar an die erste Stelle setzen, um auch wirklich Veränderungen zu bewirken.

Forum: Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei, dass es aus Ihrer Sicht notwendig wird, die Leistungsbewertung zu überdenken? Hat das vielleicht auch mit einer besonderen Kultur zu tun, die die Digitalisierung in die Schulen trägt? Ich denke da beispielsweise an ergebnisoffene Unterrichtsformen – oder auch an eine Fehlertoleranz, die schwierig in Einklang zu bekommen ist mit einer tradierten Leistungsbewertung.

Absolut. In der Gesellschaft, in der wir leben, ist Digitalisierung ein fundamentaler Bestandteil – in allen Bereichen. Und genauso wird der Unterricht überall von Veränderungen durch die Digitalisierung berührt, vor denen sich zum Glück niemand mehr verschließen kann. Wir müssen dabei Entwicklungen von Menschen fördern – und nicht, wie bisher, eine Bewertung von allen zu einem festgelegten Zeitpunkt vornehmen. Das Mindset lautet dann: „Schülerinnen und Schüler können sich entwickeln und sie brauchen unterschiedlich lange dafür.“ Ich gestehe ihnen diese individuelle Entwicklung zu und helfe ihnen dabei durch meine Begleitung, durch Feedback. Das ist die Haltung, die ich für notwendig erachte in unserer Gesellschaft – und eben auch in der Schule. Wir müssen Schluss machen mit der terminierten massenproduzierten Abrechenbarkeit zu bestimmten Zeitpunkten.

Forum: Welche alternativen Modelle haben Sie in Ihrem Unterricht erprobt?

Ich habe es teilweise schon intensiv betrieben, Arbeitsvorhaben über einen längeren Zeitraum zu bewerten, wobei es den Schülerinnen und Schülern selbst freigestellt ist, zu welchen Zeitpunkten sie von mir das Feedback holen. Die Schülerinnen und Schüler haben in umfangreichen Lernaufgaben in meinen beiden Unterrichtsfächern Deutsch und Geschichte von mir übers ganze Halbjahr eine komplexe Leistung zu erbringen. Sie bekommen von mir immer dann, wenn sie das möchten, ein Feedback zu ihrem bisherigen Stand, um mit diesen Hinweisen dann ihre Arbeit zu verbessern, um am Ende dann ein gutes oder sehr gutes Ergebnis zu erreichen – möglichst alle Schülerinnen und Schüler. Niemand wird mit einer schlechten Note bestraft, einige Schülerinnen und Schüler benötigen nur mehr Zeit oder mehr Rückmeldungen von mir, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Das ist ein fundamentaler Paradigmenwechsel. Ich werde das Modell auf der Konferenz des Forum Bildung Digitalisierung am konkreten Beispiel von Schülerinnen und Schülern vorstellen.

„Wir können uns noch so lange Gedanken machen über eine notwendige Veränderung von Unterricht. Solange am Ende immer noch die traditionelle Form der Leistungsbewertung steht, werden Schüler und Lehrer immer gehemmt bleiben.“

Björn Nölte, Oberstufenkoordinator an der Voltaire Schule Potsdam

 

 

Forum: Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ausgesprochen positiv – und das sind auch die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Sie wünschen sich das auch in anderen Unterrichtsfächern. Es ist natürlich so, dass für einige der Arbeitsaufwand steigt – vor allem auch der Grad der Selbstverantwortung. Sie müssen selber entscheiden, wann sie wieviel machen. Das Empowerment, so sagt man im Englischen, das Ermöglichen also, dass die Schüler zu Herren ihres Lernprozesses werden und entscheiden, wann sie wie viel arbeiten und wann sie sich Unterstützung vom Lehrer holen und wann sie bewertet werden wollen, das erzeugt eine Eigenständigkeit, die die Schüler sehr schätzen. Auch die Schüler, die sich jetzt im traditionellen System in nicht so guten Notenbereichen wiederfinden, nehmen das als Herausforderung an – und erkennen, dass sie damit Möglichkeiten bekommen, auch inhaltlich in Tiefen vorzustoßen, die sie vorher nicht erreicht hätten.

Forum: Sie haben auch noch andere Modelle probiert?

Ja. Fachabhängig ist es heutzutage sinnvoll, auch komplexere Lernleistungen zu ermöglichen. Dafür habe ich in Geschichte zum Beispiel ein digitales, fingiertes Zeitzeugentagebuch eingeführt, bei dem die Schülerinnen und Schüler über ein ganzes Schuljahr hinweg in die Rolle eines historischen Protagonisten schlüpfen und aus dessen Sicht die historischen Ereignisse in ihrem digitalen, auch durch Bilder und Videos angereicherten Tagebuch reflektieren. Durch die digitalen Möglichkeiten können sie dabei auch mit ihren Mitschülern in Kontakt treten. So entsteht eine Art virtuelle Zeitzeugenkommunikation, die dann eben für mich als Lehrer auch zu anderen Bewertungskriterien führt. Dabei ist dann nicht mehr am wichtigsten, dass der Schüler irgendeine Jahreszahl auswendig kennt, sondern dass er stringent ein soziologisches Profil seiner Person entwirft und sinnvoll mit anderen Personen der Zeitgeschichte in Kontakt tritt, um seine Rolle in Bezug auf historische Ereignisse sinnvoll zu füllen. Das ist eine nur unter digitalen Vorzeichen mögliche Form einer komplexen Begleitung. Mit dem Effekt, dass die Schüler erheblich tiefer und persönlicher in die historische Materie eindringen.

Forum: Wie stark hängen solche Formate vom Technikeinsatz ab?

Schon sehr stark. Die intensive Einbeziehung von Feedback ist kaum anders zu leisten – vieles läuft über Video. Per Screencast bekommen mich die Schüler in kurzen Videos zu sehen, in denen ich ihre Produkte kommentiere und ihnen Hinweise gebe. Und auch die Form der Zusammenarbeit der Schüler untereinander wäre in diesen neuen komplexeren Formen ohne digitale Technik viel schwieriger. Vielleicht auch möglich, aber sehr viel aufwändiger.

Forum: Wie sind die Reaktionen von Schülern und Eltern?

Ich habe die Erfahrung gemacht: Je transparenter man vorgeht, desto höher ist die Akzeptanz. Das wichtigste ist sowieso, dass die Schülerinnen und Schüler überzeugt sind. Wenn die überzeugt sind, sind die Eltern meist auch überzeugt. Ich habe bisher noch keine Schwierigkeiten gehabt, alle Eltern ins Boot zu holen.

Forum: Inwieweit sind Ihre alternativen Modelle kompatibel mit dem Schulrecht?

Natürlich gibt es Grenzen, die man beachten muss. Deswegen kann ich auch nicht alles so hundertprozentig umstoßen, wie es vielleicht visionär wünschenswert wäre, sondern man muss da mitunter in kleineren Schritten vorangehen. Es gibt viele Grauzonen. Wir handhaben das dann so, dass wir nicht fragen: Was könnte möglicherweise nicht erlaubt sein? Wir schauen eher: Gibt es wirklich handfeste schulrechtliche Punkte, die dagegensprechen? Zum Beispiel beim Punkt „digitale Klausuren“ haben wir schulrechtlich nichts gefunden, was dagegenspräche. Die schulrechtlichen Vorgaben für das Anfertigen von Klausuren werden erfüllt. Und dann betreten wir eben dieses Neuland.

Forum: Also, alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist?

Das wäre meine Devise.

Forum: Was ist die Kernbotschaft, die Sie in Ihrem Workshop anderen Teilnehmern und Konferenzbesuchern mitgeben möchten?

Genau das: Ich möchte dazu auffordern, dass sich Lehrkräfte nicht fragen, was ist möglicherweise nicht erlaubt. Sie sollten immer fragen, was hilft dem Lernen der Schüler. Und dabei darf man sich ruhig seines eigenen Verstandes bedienen. Weitere Botschaft an die Kolleginnen und Kollegen: Vernetzt Euch! Das ist digital viel leichter möglich als früher. Wenn man weiß, man hat Gleichgesinnte, die ähnlich arbeiten, dann stärkt das ungemein den Rücken.

Leistungsbewertung in der digitalen Gesellschaft

Workshop von Björn Nölte und SchülerInnen der Voltaireschule Potsdam: Isabel Wendel, Hannes Spitz, Loic Nawrot, Lukas Zurth, Fabian Zimmermann, Emma Burkardt, Katharina Riedel

16. November 2018, 11:45-12:45 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Lesen Sie hier das nächste VorWort mit Uta Eichborn und Petra Walenciak.


Das Interview führte: Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, im Auftrag von Forum Bildung Digitalisierung.