VorWort: Im Gespräch mit Dr. Lisa Unterberg

Dr. Lisa Unterberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik mit den Schwerpunkten Kultur und ästhetische Bildung der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie spricht über „Schule im post-digitalen Zeitalter“ auf der Konferenz Bildung Digitalisierung.

Forum: Die Digitalisierung bringt man landläufig eher weniger mit Kultur und ästhetischer Bildung in Verbindung – mehr dafür mit geposteten Selfies und Fake News. Ein Trugschluss?

So erleben wir die Digitalisierung ja tatsächlich oft im Alltag. Aber aus meiner Perspektive ist Digitalisierung in erster Linie ein kultureller Transformationsprozess der Gesellschaft. Durch die neuen Technologien ändert sich unsere Kultur, also die Art und Weise, wie wir unsere Welt sehen, verstehen, wie wir sie mit Bedeutung füllen und eben darüber auch gemeinsam Bedeutung erzeugen. Und wenn man Digitalisierung so versteht, dann spielt kulturelle Bildung eine große Rolle, weil sich damit lernen lässt, mit den Veränderungsprozessen reflexiv und produktiv umzugehen.

Forum: „Wir drücken alle ständig Knöpfe und delegieren damit Aufgaben an die digitalen Geräte um uns herum. Welche Bedeutung hat dies für die Bildung?“ Diese Frage haben Sie selbst in einer von Ihnen geleiteten Diskussionsrunde aufgeworfen. Wie ist Ihre Antwort?

Das Drücken von Knöpfen nehme ich gerne als Beispiel, weil es beispielhaft zeigt, wie sich unser Verhältnis zur Welt verändert. Ein Motiv, das schon sehr alt ist, ist das Delegieren von Aufgaben. Ich drücke drauf und etwas passiert dann automatisch, ich muss mich nicht mehr damit beschäftigen, was in dieser Blackbox passiert. Dieser Automatismus nimmt uns Arbeit ab und verschiebt damit Bildungsmöglichkeiten. „You press the button, we do the rest“ – das war ein Werbeslogan, der im 19. Jahrhundert vom Erfinder der ersten Kodak-Kamera genutzt wurde. Wer eine solche Kamera hatte, musste sich nicht mehr mit der ganzen Chemie der Bildentwicklung auseinandersetzen, sondern hat die fertig entwickelten Bilder von Kodak zugeschickt bekommen. Also konnten plötzlich auch Laien fotografieren. Das bringt ganz neue Impulse, nimmt aber auch gleichzeitig Möglichkeiten. Das Entscheidende ist, dass wir schauen, wie sieht dabei der Gesamtkontext aus und was geht möglicherweise verloren? Was gewinnen wir aber auch dadurch, dass manche Dinge eben leichter werden?

Forum: Besteht nicht die Gefahr, dass komplexe Zusammenhänge auf das Drücken eines „Gefällt-mir“-Buttons reduziert werden?

Das würde ich nicht sagen. Die Möglichkeit, Zustimmung auszudrücken, - und wie sie genutzt wird -, das hat ja einen kulturhistorischen Vorlauf. Und der ist deutlich älter als die digitalen Geräte um uns herum.

Forum: Daumen rauf, Daumen runter – das gab es schon im römischen Circus.

Genau. Es geht eigentlich um etwas sehr Menschliches, und das bekommt eine neue Dynamik durch die Digitalisierung. Es passieren keine vollkommen neuen Dinge, sondern alte Strukturen, beispielsweise Zustimmung und Ablehnung, erhalten durch die technische Infrastruktur eine neue Relevanz.

Kulturelle Bildung führt oft ein Nischendasein in den Schulen – die Fächer Kunst und Musik gelten als Nebenfächer und sind bei Lehrermangel die ersten Streichkandidaten. Muss sich das aus Ihrer Sicht ändern?

Ich glaube, dass eine Fächerdiskussion am eigentlichen Thema vorbei geht. Wichtig ist die Frage der Perspektive. Ich kann auch kulturelle Bildung im Mathematik-Unterricht thematisieren, im Fremdsprachen-Unterricht passiert ohnehin jede Menge kultureller Bildung. Die Frage ist also: Wie können wir die Perspektive auf ästhetische Zusammenhänge erweitern, die weit über die rein künstlerischen Fächer hinausgeht? Wenn die Digitalisierung eine kulturelle Transformation der Gesellschaft ist, dann müssen wir diese auch in der Schule wiederfinden. Und das geht nicht isoliert in einzelnen Fächern. Es geht um Grundsätzliches - etwa: Wie gehen wir mit Informationen um? Wo finden wir Informationen? Wie versichern wir uns der Realität? Das muss in der Breite stattfinden, so wie Lesen, Schreiben und andere Kulturtechniken nicht nur für die Fächer Deutsch und Mathe da sind.

Forum: Wie kann Digitalisierung dann dazu beitragen, die kulturelle Bildung in Schulen zu stärken?

Ich würde eher umgekehrt fragen: Wie kann kulturelle Bildung dazu beitragen, dass Digitalisierung verstanden werden kann?

Natürlich gibt es ganz tolle Projekte, das will ich gar nicht in Abrede stellen – etwa wenn Schülerinnen und Schüler mit elektronischen Medien Kunst oder Musik machen. Aber ich würde aus Perspektive der Schule andersherum denken: Wie können wir mit kultureller Bildung die Digitalisierung für Kinder und Jugendliche so begreifbar machen, dass sie für sie einen Sinn ergibt? Das geht weit über die oft angeführten „Medienkompetenzen“ hinaus. Es geht auch nicht allein darum, das Internet zum Informationensammeln zu nutzen oder eine Programmiersprache zu erlernen. Es geht um die zugrundeliegenden Kulturtechniken.

Eine meiner zentralen Thesen ist, dass das, was wir in den letzten 15 Jahren erlebt haben und in den nächsten 15 Jahren noch erleben werden, so komplex ist, dass wir den Umbruch mit rein kognitiven Mitteln nicht begreifen können, sondern dass wir dafür ästhetische Zugänge brauchen.

Forum: Heißt das, wir benötigen andere Unterrichtsformen?

Schule und auch Lehrkräfte müssen sich in ihren Rollen verändern. In den vergangenen 150 Jahren hat sich die Struktur von Information und ihrer Zugänglichkeit grundsätzlich verändert. Früher verfügte der Lehrer über Informationen und teilte es aus einer Machtposition heraus mit den Schülerinnen und Schülern. Heute sind Informationen breit verfügbar. Dadurch bekommt die Lehrkraft andere Aufgaben. Das wirkt sich natürlich auch auf die Unterrichtsinhalte aus, auf die Unterrichtsmethoden, auch auf Schulstrukturen – letztlich auf die ganze Bildungslandschaft.

Wir wissen heute nicht mehr, was Kinder, die heute in die Schule kommen, später wissen und können müssen, wie deren Job aussieht. Ich weiß ja nicht mal, was mein Handy übernächstes Jahr kann. Da bin ich wieder bei den übergreifenden Kulturtechniken: Wir müssen junge Menschen dazu befähigen, mit Veränderungen umgehen zu können, sie kritisch zu reflektieren, ein selbstbestimmtes Verhältnis dazu zu entwickelt – sie im besten Fall auch gestalten zu können.

Forum: Welche Botschaft möchten Sie den Besuchern der Konferenz Bildung Digitalisierung vermitteln?

Digitalisierung sollte man als einen kulturellen Transformationsprozess sehen, nicht nur als einen technischen. Wir leben in einer Zeit, in der sich die digitale Welt und die analoge Realität nicht mehr trennen lassen – die Digitalisierung prägt die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Lehrkräfte. Unser aller Lebenswelt ist durchdrungen von digitalen Medien. Auf die Schule bezogen bedeutet das: Selbst wenn ich überhaupt gar keine digitalen Endgeräte nutze, ist mein Unterricht nicht analog. Die Digitalisierung lässt sich nicht mehr ausblenden. 

Schule im post-digitalen Zeitalter.

Keynote von Dr. Lisa Eichborn, FAU Erlangen-Nürnberg

15. November 2018, 13:00-14:30 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Das Interview führte: Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, im Auftrag von Forum Bildung Digitalisierung.