VorWort: Im Gespräch mit Prof. Dr. Petra Anders

Prof. Dr. Petra Anders ist Professorin für Deutschunterricht und seine Didaktik in der Primarstufe an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung bietet sie einen Workshop zu ihrem Masterseminar „Digital lesen und gestalten“ an der Freien Universität Berlin an und Studierende stellen die dort entstandenen Projekte vor.

Forum: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Seminar „Digital lesen und gestalten“ anzubieten und darin literarisches Lernen und informatische Grundbildung zu verbinden?

Seit Dezember 2016 gibt es die KMK-Strategie zur Bildung in der digitalen Welt. Dort wird unter anderem die Bedeutung der informatorischen Grundbildung hervorgehoben. In Berlin und Brandenburg gilt seit dem Schuljahr 2017/18 ein neuer Rahmenlehrplan, der zusätzlich zum Curriculum für die Fächer auch als Querschnittsaufgabe für alle Fächer das neue Basiscurriculum Medienbildung enthält. Die Kunst besteht darin, die informatorische Grundbildung, die Medienbildung und den Fachunterricht zu verbinden. Ich habe mich entschieden, regelmäßig im Masterstudium das Seminar „Digital lesen und gestalten“ anzubieten, um mit angehenden Lehrkräften des Grundschullehramts diese neuen Anforderungen zu diskutieren und mit Ihnen Möglichkeiten der Umsetzung zu entwickeln. Da ein Schwerpunkt des Faches Deutsch das literarische Lernen ist, habe ich im Seminar die Rezeption und Produktion von digitalen Texten integriert.

Forum: Welche Möglichkeiten ergeben sich durch den Einsatz digitaler Medien im Deutsch-Unterricht?

Alle Lernbereiche des Deutschunterrichts können in Bezug auf digitale Medien weitergedacht werden: das Sprechen und Zuhören bei der Nutzung digitaler Präsentationssoftware; das Schreiben bei der Frage des Nachspurens von Buchstaben durch Schreiblern-Apps oder beim Einsatz von Blogs zum weiterführenden Schreiben; der Umgang mit Texten und Medien bei der Frage, wie das Programmieren ein Element der Texterschließung sein kann; die Sprachreflexion beim Nachdenken über Kommunikationsverläufe in Messenger-Apps – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Möglichkeiten, digitale Medien einzusetzen, sind vielfältig – sie müssen selbstverständlich der Datenschutzverordnung entsprechen. Noch spannender ist aber die Frage, wie es der Deutschunterricht schafft, digitale Medien zu reflektieren, ohne nur über die vermeintlichen Gefahren zu sprechen. Überlegungen zur sogenannten Digitalität sollten noch vielmehr eine Rolle spielen, das heißt mit den Kindern und Jugendlichen direkt zu thematisieren, wie wir mit digitalen Medien kommunizieren, welche Herausforderungen sich persönlich ergeben – zum Beispiel wie man die eigene Unabhängigkeit vom Feedback der Anderen wahrt – und wie wir in der digital geprägten Welt mit unseren Posts versuchen, Bedeutungen zu behaupten und wer eigentlich bestimmt, welche Informationen sich weiterverbreiten und wie personalisierte Netzwerke entstehen.

Forum: Glauben Sie, dass man es durch die Verbindung von Deutsch-Unterricht mit Robotern und Computern schafft, Kinder mehr für Literatur zu interessieren?

Das Handlungsfeld Literatur ist schon lange im digitalen Zeitalter angekommen. Neben analogen Bilderbüchern gibt es Bilderbuch-Apps, neben geschriebenen Geschichten treten programmierte digitale Geschichten auf, Autorinnen und Autoren inszenieren sich im Internet, Leserinnen und Leser setzen sich unter anderem in Blogs oder via YouTube mit literarischen Texten auseinander. Ich gehe – wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen – davon das, dass der Deutschunterricht an die kulturelle Praxis anschließen sollte. Kinder interessieren sich immer für Literatur, das heißt für erzählte oder aufgeschriebene Geschichten. Der Deutschunterricht hat die Aufgabe, Kinder auch an neue Spielarten des Geschichtenerzählens heranzuführen, etwa an das digitale Storytelling. Als Forscherin interessiert mich, wie Kinder erzählen, wenn sie in einer digitalen Umgebung Geschichten entwickeln, beispielsweise in Projekten mit Open Roberta oder Scratch. Für die Konzeption des Deutschunterrichts möchte ich wissen, wie der Einsatz von digitalen Medien dazu beitragen kann, Texte zu erschließen. Sprich: Statt ein Bild zu einem Gedicht zu malen, kann ein Kind auch einen Roboter programmieren, dieses Gedicht in Bewegung und Sprache umzusetzen. Die Art und Weise, wie es den Roboter programmiert, sagt etwas darüber aus, wie das Kind als Leser den jeweiligen literarischen Text versteht.

„Der Deutschunterricht hat die Aufgabe, Kinder auch an neue Spielarten des Geschichtenerzählens heranzuführen, etwa an das digitale Storytelling.“

Prof. Dr. Petra Anders, Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin

 

 

Forum: Verändert sich das Lesen der Kinder, wenn sie im Anschluss die Geschichte digital nach- oder weitergestalten?

Ein zentrales Element der Leseförderung ist die sogenannte Anschlusskommunikation, das heißt, mit Kindern über das Gelesene zu sprechen oder sie zum Schreiben und Gestalten anzuregen. Wenn Kinder eine Geschichte digital nach- oder weitergestalten, dann setzen sie sich vertieft mit der Geschichte auseinander und machen ihre Vorstellungen zum Text für sich und andere deutlich. Dazu kommt, dass sie beim digitalen Gestalten nicht nur lernen, wovon die Geschichte handelt und wie sie erzählt wird, sondern auch, wie das Programmieren funktioniert. Das Potential liegt weniger darin, dass sich das Lesen verändert als dass Kinder durch das eigene Programmieren erkennen, wie digitale Geschichten gebaut werden. Sie blicken damit also auch hinter die Kulissen von digitalen Spielen und wechseln die Rolle: vom User zum Maker.

Forum: Wie ist ihr Eindruck von der aktuellen Unterrichtspraxis in der Grundschule: Wie werden digitale Medien in der Grundschule eingesetzt?

Projekte wie das Internet-Seepferdchen gehören für viele Schulen schon seit langer Zeit selbstverständlich zum Schulprofil. Neu ist, dass sich Schulen jetzt auf den Weg machen, um digitale Medien sinnvoll mit dem Fachunterricht und der eigenen Unterrichtsgestaltung zu verknüpfen. Jedes Fach ändert sich durch digitale Medien und daran knüpfen Lehrkräfte mehr oder weniger an. Meiner Beobachtung nach müsste das Lernen mit Medien und das Lernen über Medien noch ausgewogener im Unterricht berücksichtigt werden.

Was planen Sie für Ihr nächstes Seminar: Welche weiteren digitalen Möglichkeiten für die Unterrichts-Didaktik in der Grundschule sehen Sie?

Ich leite an der Humboldt-Universität einen Open Roberta Coding Hub und entwickle mit den Studierenden Konzepte für den Deutschunterricht, der Kinder befähigt, zu verschiedenen Themen kreativ mit digitalen Medien zu gestalten und ihre Prozesse und Produkte zu reflektieren. Eine neue Frage ist, wie digitale Medien in der Kinder- und Jugendliteratur selbst vorkommen bzw. wie der Umgang mit Medien in Kinderbüchern inszeniert wird. Ich analysiere digitale Geschichten, die Kinder in schulischen und außerschulischen Projekten gestaltet haben, um die digitalen Erzählweisen, die von Kindern kommen, auch theoretisch zu fassen.

Digital lesen und gestalten – Masterseminar der Freien Universität Berlin

Workshop mit Prof. Dr. Petra Anders und Studierenden der Freien Universität Berlin

16. November 2018, 13:45-14:45 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Lesen Sie hier das nächste VorWort mit Kai Wörner.


Die Fragen stellte: Philipp Schulz