VorWort: Im Gespräch mit Uta Eichborn und Petra Walenciak

Uta Eichborn und Petra Walenciak vom Friedrich-List-Berufskolleg Bonn stellen „Agiles Lernen mit der Projektmanagementmethode Scrum“ auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018 vor – ein E-Portfolio, das Lernerfolge sichtbar machen soll. Wir sprachen mit den Lehrerinnen im Vorfeld. 

Forum: Worum geht es beim Lernen mit der Projektmanagementmethode Scrum?

Die Projektmanagementmethode Scrum stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung, wird mittlerweile aber auch in vielen anderen unternehmerischen Bereichen als Antwort auf die digitale Transformation eingesetzt. Die Idee beruht darauf, dass in einem Projekt nicht alle Arbeitsschritte von Anfang an durchzuplanen sind, sondern im Prozessablauf immer wieder durch Anpassung auf kurzfristige Probleme und Änderungen reagiert werden kann. Dabei steht die ständige Kommunikation und Transparenz zwischen allen Beteiligten im Mittelpunkt. Herzstück des Rahmenwerkes Scrum sind klar definierte Rollen und Ereignisse. Diese wenigen Regeln haben wir auf das Lernen in der Schule übertragen. Auslöser, diese Methode auf schulischen Unterricht zu übertragen, war eine immer heterogener werdende Schülergruppe, die ein Lernen im Gleichschritt nach Plan nicht mehr sinnvoll erscheinen ließ. Ziel ist es, durch das agile Lernen und Arbeiten mit Scrum den Schülerinnen und Schülern ein individuelles Lernen zu ermöglichen, bei dem die Verantwortung für den Lernprozess vollständig an die Schüler übergeben wird.

Forum: Wie sieht der Einsatz im Unterricht konkret aus?

Da die Schüler nicht mehr fächerbezogen, sondern projektbezogen lernen, haben wir drei Fächer der Stundentafel (Betriebswirtschaftslehre, Projektmanagement und Informationswirtschaft) aufgelöst. Für diese im Stundenplan jetzt als agiler Unterricht gekennzeichneten Stunden haben wir außerdem den Klassenverband innerhalb einer Stufe aufgelöst. Die Schüler erhalten vom sogenannten Product Owner (Lehrer) einen produktorientierten Auftrag, dessen Bearbeitung sie in selbst organisierten Teams planen und umsetzten.

Forum: Wie sind Ihre Erfahrungen?

Wir befinden uns ja noch ganz am Anfang unseres Vorhabens. Zunächst einmal sind die Erfahrungen positiv. Grundsätzlich wird das Arbeiten und Lernen in dieser Form von den Schülern sehr gut angenommen. Eine der größten Herausforderungen ist tatsächlich die Freiheit und der hohe Grad an Selbstständigkeit und Verantwortung, die wir den Schülern einräumen. Das kennen sie aus ihrem bisherigen Schulleben in dieser Form nicht. Um die Schüler langsam an die neuen Freiheiten heranzuführen, wechseln wir in unserem zweiten Durchgang jetzt Scrumprojekte mit Fachkursen ab.

Forum: Wie stark hängt die Methode vom Technik-Einsatz ab?

Da wir die Methode in unseren Notebook-Klassen anwenden, ist es für die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich, diese in jeder möglichen Form beim Arbeiten und Lernen einzusetzen. Auch ist es möglich, digitale Kollaborations- und Kommunikationstechniken zu nutzen. Trotzdem ist die Methode nicht vom Technikeinsatz abhängig. Tatsächlich steht nicht die Anwendung der technischen Möglichkeiten im Mittelpunkt, sondern die agile Arbeitsweise der schon beschriebenen Projektmanagementmethode Scrum.

Forum: Wie sind Reaktionen von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Arbeitgebern? Am Ende müssen die neuen Formate ja auch bei den Unternehmen Akzeptanz finden.

Um die Schülerinnen und Schüler auf das agile Arbeiten mit Scrum vorzubereiten, haben wir zur Einführung einen Workshop entwickelt. Auftrag ist es, eine Stadt mit bestimmten Anforderungen aus Legosteinen zu bauen. Durch eine großzügige Spende des Systemhauses Bechtle, einer unserer Ausbildungsbetriebe in Bonn, war es uns möglich, einige tausend Legosteine zu kaufen.
Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass wir sogar schon im Vorfeld der Umsetzung Akzeptanz gefunden haben. Während eines Workshops berichtete ein Schüler begeistert, dass er genau diese Methode im Betrieb anwende, aber jetzt endlich mal die theoretische Grundlage dieser Methode verstehe.

Forum: Sie arbeiten an einem Berufskolleg, das naturgemäß einen starken Bezug zur Arbeitswelt hat. Inwieweit ist das Modell übertragbar auf andere Schulformen?

Das Modell ist auf alle Schulformen und Fächer übertragbar unabhängig davon, ob das Thema einen Bezug zur Arbeitswelt hat oder nicht. Die klassische Wissensvermittlung kann doch in sehr vielen Bereichen infrage gestellt werden. Die Digitalisierung eröffnet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, eine neue Kultur des Lernens und Arbeitens zu erfahren. Im Netzwerk und auf Plattformen, wo sie kollaborativ und kreativ arbeiten, können sie echtes Lernen erleben. Unsere Aufgabe besteht dann darin, ihnen die Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen. Das gilt für jede Schulform.

Forum: Was ist die Kernbotschaft, die Sie in Ihrem Workshop auf der Konferenz Bildung Digitalisierung vermitteln wollen?

Es gibt den schönen Spruch: „Machen ist wie wollen: Nur krasser.“ Wir möchten dazu ermutigen, einfach loszulegen. Da wir uns noch ganz am Anfang unseres Prozesses befinden, ist das im Moment die stärkste Erfahrung, die wir gemacht haben. Für uns schien es zunächst kaum vorstellbar, die Unterrichtsfächer und die Klassenverbände aufzulösen, da man mit unüberwindbaren Widerständen rechnet. Letztlich haben wir aber dank der Unterstützung der Schulleitung und der Stundenplaner für alle Herausforderungen eine Lösung gefunden. Uns stehen in unserer Schule beispielsweise keine modernen Lernlandschaften zu Verfügung. Trotzdem haben wir es geschafft, eine Art offene Lern- und Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Die Klassenräume der beteiligten Klassen haben wir direkt gegenüber gelegt. Während des Unterrichts öffnen wir die Türen, so dass die Schüler sich während der Zeit frei bewegen können und in klassenübergreifenden Teams zusammenarbeiten.

Agiles Lernen mit der Projektmanagementmethode Scrum

Workshop von Uta Eichborn und Petra Walenciak, Friedrich-List-Berufskolleg Bonn

15. November 2018, 16:15-17:15 Uhr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

Mehr Infos

Lesen Sie hier das nächste VorWort mit Dr. Lisa Unterberg.


Das Interview führte: Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus, im Auftrag von Forum Bildung Digitalisierung.