Künstliche Intelligenz in Schulen
Künstliche Intelligenz (KI) oder auch Artificial Intelligence (AI) revolutioniert den Alltag. Die Potenziale sind groß, trotzdem wird KI vielerorts in der Bildung weiterhin als Fremdkörper wahrgenommen. Welche KI-Kompetenzen müssen Schulen jungen Menschen vermitteln?
Künstliche Intelligenz (KI) oder auch Artificial Intelligence (AI) revolutioniert den Alltag. Die Potenziale sind groß, trotzdem wird KI vielerorts in der Bildung weiterhin als Fremdkörper wahrgenommen. Welche KI-Kompetenzen müssen Schulen jungen Menschen vermitteln?
Künstliche Intelligenz erfordert neue Kompetenzen
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte legt in einer Studie im März 2026 dar, dass neun von zehn Führungskräften in Deutschland überzeugt sind, dass KI ihre Geschäftsmodelle bis 2028 grundlegend verändert. 35 Prozent der Befragten beklagen aber, dass Beschäftigten die notwendigen Fähigkeiten im Umgang mit KI fehlen. Zwar würden viele KI anwenden – die Prinzipien, Grenzen und Risiken jedoch nicht ausreichend kennen.
Wie sehr die Debatte auch den bildungspolitischen Raum prägt, zeigen die Diskussionen um den Chatbot telli für Schulen. Hinter telli steht mit dem Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) das Medieninstitut der Länder. Seit Juni 2025 wird der Chatbot nach und nach in den Bundesländern eingeführt. In der privatwirtschaftlichen EdTech-Szene gibt es daran Kritik. Unter anderem bemängelt der EdTech-Verband, dass deutsche und europäische EdTech-Unternehmen durch die staatlich unterstützte Eigenentwicklung ihre wichtigste Referenz- und Skalierungsbasis verlören.
Künstliche Intelligenz in der Bildung
Fest steht: KI verändert den Bildungsbereich disruptiv, wie eine Expert:innengruppe des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) konstatiert. Es sei wichtig, sich in der Schule mit KI auseinanderzusetzen, betont die Gruppe und hält zusammenfassend die folgenden Aspekte fest.
Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung
Für den Bildungsbereich formulierte Erwartungen an KI reichen von euphorischen Utopien zur Innovation des Bildungssystems bis hin zu dystopischen Vorstellungen. Mit ihrer Handreichung ordnen Scheiter et al. häufig geäußerte Argumente, die einer Nutzung von KI an deutschen Schulen scheinbar entgegenstehen, vor dem Hintergrund der verfügbaren Evidenz ein und stellen Orientierungwissen für die Bildungspraxis bereit.
Zentrale Aspekte der Expert:innen-Gruppe:
- KI ist eine zukunftsrelevante Technologie, die Alltag und Berufsleben prägen wird.
- Schüler:innen müssen vorbereitet werden, reflektiert mit KI umzugehen.
- KI bietet Entlastungspotenziale für Lehrkräfte und Schulorganisation.
- KI bietet Potenziale für die Neugestaltung von Bildungsprozessen.
Allen Beteiligten im Schulsystem verlangt das viel ab – nicht zuletzt ein hohes Maß an Agilität. Internationale und nationale Institutionen haben daher einen Handlungsrahmen für den Umgang mit KI in der Bildung erstellt. Das Papier der Europäischen Kommission und Organization for Economic Cooperation and Development (OECD) thematisiert „Empowering Learners for the Age of AI“. Es führt vier Bereiche auf, wie Lernende mit KI interagieren:
Engaging with AI beschreibt das Nutzen von KI als Werkzeug, um auf neue Inhalte und Informationen zuzugreifen oder Empfehlungen zu erhalten. Creating with AI umfasst die Zusammenarbeit mit KI in einem kreativen oder problemlösenden Prozess. Dagegen betont Managing AI eher, Aufgaben an eine KI zu delegieren, um die Ergebnisse dann als Puzzle-Teil für die „menschliche“ Projektaufgabe zu nutzen. Designing AI zielt schließlich darauf ab, die Funktionsweise von KI-Systemen zu verstehen und mitzugestalten.
In Deutschland sind das Impulspapier „Large Language Models und ihre Potenziale
im Bildungssystem” der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) und die Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) zum Umgang mit KI an Schulen zentrale Bezugspunkte.
Fünf Bereiche des KMK-Papiers:
- Einfluss und Auswirkungen von KI auf Lernen und Didaktik
- Veränderung der Prüfungskultur durch KI
- Professionalisierung von Lehrkräften
- Regulierung
- Zugangsfragen zu generativen KI-Anwendungen im Kontext von Chancengerechtigkeit
Künstliche Intelligenz im Unterricht
Die Anwendungsszenarien für KI im Unterricht sind vielfältig. Der KI-Experte und Lehrer Hauke Pölert schildert Potenziale von KI für den Unterricht, die er als Geschichtslehrkraft erprobt hat. Insbesondere hebt er dabei die folgenden Aspekte hervor.
- Individuelle Unterstützung durch KI: Lernende erhalten eine Rückmeldung zu individuell verfassten Texten
- Effektive Lernzeit: Lernende arbeiten intensiver mit und an ihren Texten, als es in isolierten Arbeitsphasen – ohne konkretes Zwischenfeedback – der Fall ist
- Herausforderungen von KI-Feedback: KI-Feedback kann selbst bei ungenügenden Abgaben zu positiv ausfallen, denn die Systeme wollen Nutzende möglichst lange halten. Auf der anderen Seite führt genau dieser Mechanismus dazu, dass die KI auch bei sehr guten Abgaben unablässig Optimierungsbedarf sieht.
Auch im Deutschunterricht kann KI genutzt werden, um ein vertieftes Textverständnis zu fördern. Beispielhaft zeigt das ein Unterrichtsszenario, um ein Gedicht zu interpretieren. Die Oberstufen-Schüler:innen formulieren zunächst im Unterricht entwickelte Fragen zu einzelnen Strophen, die sie einem Large Language Model (LLM) stellen. Die Antworten werden diskutiert und kritisch reflektiert – auch in Bezug darauf, wie objektiv die KI antwortet.
KI verlangt eine neue Prüfungskultur
Grundlegend verändern wird KI auch, wie Prüfungen in Schulen funktionieren. Muss Wissen, das in schulischen Prüfungen abgefragt wird, noch erlernt werden, wenn eine KI das übernehmen könnte? Und lassen sich Prüfungsergebnisse immer zweifelsfrei auf individuelle Leistungen zurückführen, wenn KI so viele Unterstützungsmöglichkeiten bietet? Die Kultusminister:innen empfehlen in ihrer Handreichung, sich an der Kultur der Digitalität zu orientieren. Unterm Strich wird es um die Alternativen gehen, Prüfungen über, mit, von, trotz und ohne KI zu gestalten.
Blog für Schulentwicklung, Digitalisierung, Fortbildung, Unterricht und KI:
In seinem Blog beleuchtet der Lehrer und KI-Experte Joscha Falck Ansätze und Ideen für den Aufbrauch in eine neue Prüfungskultur.
Vor diesem Hintergrund wollen die Kultusminister:innen in Prüfungsformaten stärker auf kollaborative und dialogische Formate setzen. Zwei Beispiele dafür: Nordrhein-Westfalen ermöglicht im Abitur – erstmals ab 2029 – eine Prüfung, die aus einer Präsentation und einem anschließenden Fachgespräch besteht. Und Niedersachsen führt einen Kombinierten Leistungsnachweis ein. Er umfasst einen schriftlichen und/oder praktischen Teil sowie ein Fachgespräch.
Wie es um die KI-Kompetenzen von Lehrkräften steht
Um KI im Unterricht sinnvoll nutzen zu können, müssen Lehrkräfte über entsprechende Kompetenzen verfügen, was auch auf breiter Linie gefordert wird. Zugleich gibt es Stimmen von Schüler:innen und Studierenden, dass Lehrende KI eher aus den Klassen- und Seminarräumen heraushalten möchten. Laut „Trendmonitor KI in der Bildung” der Deutsche Telekom Stiftung hat sich das KI-Angebot für schulische Zwecke in Deutschland zwischen 2021 und 2025 etwa verdreifacht. Dennoch ist KI noch weit von einer alltäglichen Integration in den Schulalltag entfernt. In der Bildung sei KI noch ein Fremdkörper, stellt KI-Expertin Doris Weßels von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel (HAW) fest.
Trendmonitor KI in der Bildung
Der „Trendmonitor KI in der Bildung“ der Deutsche Telekom Stiftung erscheint jährlich und bietet Orientierung zu Chancen, Herausforderungen und Entwicklungen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Schulkontext. Zusätzlich bietet der Trendmonitor Spezial verschiedene Sonderanalysen mit thematischem Fokus.
Dazu passt, dass der Monitor Lehrkräftebildung im Frühjahr 2026 zu dem Ergebnis kommt, dass es einzig in Rheinland-Pfalz landesweite Vorgaben gab, KI-Kompetenzen als Querschnittsthema im Lehramtsstudium zu verankern. Im Schulbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung gaben mehr als 30 Prozent der befragten Lehrkräfte an, in den vorigen zwölf Monaten KI-Tools beruflich nie verwendet zu haben. Hier zeichnet sich jedoch eine Trendwende ab. Laut einer Erhebung der Deutsche Telekom Stiftung im Januar 2026 liegt der Wert nur noch bei 11 Prozent.
KI-Fortbildungen für Schulleitungen und Lehrkräfte
Den größten Fortbildungsbedarf sehen die Lehrkräfte bei der Nutzung von KI für die Unterrichtsgestaltung. Aber auch für die Auswertung von Leistungen und Arbeiten der Schüler:innen sehen Lehrkräfte viel KI-Potenzial: 47 Prozent der Befragten wünschen sich laut Deutschem Schulbarometer 2025 mehr Wissen dazu. Kein Interesse an KI-Fortbildungen für Lehrkräfte haben lediglich sechs Prozent. Speziell im Hinblick auf Schulleitungen zeigt eine Anfang 2026 vom Forum Bildung Digitalisierung publizierte Bestandsaufnahme, dass bei KI-Fortbildungen Tool-Wissen dominiert, als Schulentwicklungsthema kommt es hingegen noch zu kurz.
Deutsches Schulbarometer Lehrkräfte 2025
Die Robert Bosch Stiftung veröffentlicht unter dem Titel „Deutsches Schulbarometer“ seit 2019 regelmäßig repräsentative Befragungen zur aktuellen Situation der Schulen in Deutschland durchführen. Seit der Erhebung im November 2023 wird das Deutsche Schulbarometer als längsschnittliche Panelstudie weitergeführt, um die Situation von Lehrkräften dauerhaft zu beobachten.
Lernen und KI – aktuelle Erkenntnisse und Studien
Nicht zuletzt angesichts der großen Dynamik im Bereich wirkt das Zusammenspiel von Lernen und KI schnell uferlos. Umso wertvoller kann es sein, systematisch auf den Bereich zu blicken und sich auf zentrale Aspekte zu fokussieren. Der Lehrer und KI-Experte Joscha Falck liefert dafür eine Blaupause:
Beim Lernen mit KI geht es darum, dass Schüler:innen Wissen erwerben, wie sie KI-Tools nutzen können, um das eigene Lernen zu unterstützen. Beim Lernen durch KI stehen adaptive Lern- und Tutorsysteme im Vordergrund. Mit ihrem individuell zugeschnittenen Feedback und Korrekturen können sie Lernende unterstützen.
Das Nutzen von KI sollte damit verbunden sein, zu wissen, wie KI funktioniert und wo Grenzen liegen. Dieses Lernen über KI ist wichtig, um Ergebnisse einordnen und hinterfragen zu können. Quellenkritik gewinnt an Bedeutung, nicht zuletzt, weil die KI halluzinieren kann und nicht objektiv ist. Das Vermitteln von Medienkompetenz und speziell von AI Literacy wird auch deshalb immer wichtiger. Es muss immer auch darum gehen, Schüler:innen deutlich zu machen, was Bias und Fairness in KI-Systemen bedeuten.
Eng verknüpft damit ist das Lernen trotz KI: Schüler:innen sollte vermittelt werden, nach Autonomie und Selbstbestimmung zu streben, und nicht von einer Maschine abhängig zu sein. Das heißt unter anderem, Lernformate zu fördern, die das kollaborative, zwischenmenschliche Arbeiten adressieren.
Das ist auch ein wichtiger Baustein für die Persönlichkeitsentwicklung, für die Lernen ohne KI wesentlich ist. Um Kritikfähigkeit, Selbstständigkeit und auch Wertebewusstsein zu fördern, haben Angebote außerhalb des Fächerkanons ihren Wert, so etwa Erlebnispädagogik oder Sport- und Theaterkurse.
Auch die Wissenschaft widmet sich dem Zusammenspiel von Künstlicher Intelligenz und Bildung. So steht die Wirksamkeit von KI-Anwendungen im Forschungszweig „Artificial Intelligence in Education“ im Mittelpunkt. Vor allem Intelligente Tutorielle Systeme (ITS), die Lernenden adaptives Feedback geben oder geeignete Materialien und Aufgaben zur Wiederholung bereitstellen, nehmen die Forschenden in den Blick. Dabei zeigt sich, dass sich der KI-Einsatz positiv auf die Lernleistung auswirkt. Er ist aber weniger wirkungsvoll, wenn es um die lernbezogene Haltung und Motivation geht.
Wie KI die Schulorganisation und die Planung von Unterricht erleichtern kann
Lehrkräfte müssen die KI-Werkzeuge trotz ihrer Komplexität pädagogisch sinnvoll einsetzen. Für die administrativen Aufgaben, die im Schulalltag viel Raum einnehmen, aber auch für die didaktische Arbeit gibt es viele Möglichkeiten.
So bieten KI-Technologien für die Schulorganisation Entlastungspotenziale, etwa bei Fragen der Einsatzplanung von Personal, aber auch bei der Planung außerschulischer Aktivitäten.
Das „Bürokratie-Monster” lasse sich bspw. durch KI zähmen, erklärt Frauke Kracht in ihrem Artikel für den Kompetenzverbund lernen:digital. Zumindest den Entwurf für einen diplomatisch formulierten Elternbrief kann eine mit Stichpunkten gefütterte KI liefern. Und auch Vorschläge für Protokolle von Fachkonferenzen kann sie aus Notizen erstellen und gleich eine To-do-Liste entwerfen.
Auch bei der Unterrichtsplanung kann die KI Lehrkräfte flankierend in ihrer didaktischen Arbeit unterstützen:
- Die KI kann als Material-Fabrik Textvorlagen in unterschiedliche Niveaustufen umwandeln.
- Die KI kann einen Vorschlag für einen Unterrichtsverlaufsplan für eine vorgegebene Jahrgangsstufe mit heterogenem Niveau erstellen.
- Die KI kann die Rechtschreibung in Texten von Schüler:innen prüfen und Vorschläge für ein förderliches Feedback geben.
Wie Schüler:innen KI nutzen
Bei den Schüler:innen in Deutschland ist KI im Alltag angekommen. Laut JIM-Studie 2025 haben 84 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ChatGPT bereits genutzt, die Hälfte nutzt das Large Language Model mehrmals in der Woche.
JIM-Studie 2025
Seit 1998 wird mit der JIM-Studie im jährlichen Turnus eine Basisstudie zum Medienumgang der Zwölf- bis 19-Jährigen durchgeführt. Neben einer aktuellen Standortbestimmung sollen die Daten zur Erarbeitung von Strategien und Ansatzpunkten für neue Konzepte in den Bereichen Bildung, Kultur und Arbeit dienen.
Quelle: JIM 2024
KI habe den Unterricht längst verändert, stellte Hessens Landesschulsprecher Gaston Liepbach bereits 2024 fest. Der Wunsch unter Schüler:innen ist groß, dass der Umgang mit KI-Anwendungen fester Bestandteil im Unterricht ist. Schon 2024 forderten das laut einer Studie der Vodafone Stiftung knapp 60 Prozent.
Vor- und Nachteile von KI für Schüler:innen
Verbunden ist der wachsende Einsatz von KI an Schulen mit einer großen Hoffnung: KI in der Schule kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen. Unter anderem, weil sie das Potenzial hat, für nicht alphabetisierte Kinder und Kinder, die keine Deutschkenntnisse haben, einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu schaffen, wie Anika Limburg und Torsten Becker vom Bildungscampus Saarland schreiben.
KI revolutioniert das personalisierte Lernen. Der KI-Experte Max Mundhenke bringt es auf den Punkt: KI-Tutoren seien rund um die Uhr verfügbar, passen sich Lernenden an und sind unendlich geduldig. Schüler:innen selbst nennen Lernen im eigenen Tempo und auf eigenem Niveau als großen Vorteil.
Gleichzeitig gilt es, potenzielle Nachteile im Blick zu haben. „Man verlernt das Lernen.“ Diese Gefahr sieht fast die Hälfte der befragten Schüler:innen in der Studie „Pioniere des Wandels“. Dieses „Skill Skipping“, bei dem Schüler:innen allein maschinengenerierte Ergebnisse abliefern und sich dem Lernprozess entziehen, gilt es durch kluge Einbindung von KI in den Unterricht zu vermeiden.