Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einem immer leistungsstärkeren Assistenzsystem und verschiebt damit die Rolle des Menschen vom Ausführenden zum Steuernden. Was bedeutet das für die Schule als Organisation und die schulische Bildung? AI Leadership entwickelt sich dabei zur zentralen Zukunftskompetenz und der Transfer ins Schulsystem ist unabdingbar.

Generative Künstliche Intelligenz (KI) hat die nächste Entwicklungsstufe erreicht. Während ChatGPT gerne als „Praktikant” charakterisiert wurde, erleben wir nun KI-Assistenzsysteme in Form von KI-Agenten, die ein deutlich höheres Leistungsniveau zeigen. Das Zusammenspiel mit diesen KI-Systemen erfordert von uns Menschen einen Rollenwechsel in Verbindung mit neuer Expertise zur KI–Steuerung, die wir als AI Leadership bezeichnen. Sie ist aus unserer Sicht die zentrale Zukunftskompetenz im sogenannten agentischen Zeitalter. Die Besonderheit der KI-Agenten ist, dass sie im Gegensatz zu einfachen Chatbots nicht nur auf unsere Eingaben reagieren, sondern eigenständig innerhalb definierter Grenzen agieren können. Der Einsatzvielfalt sind kaum Grenzen gesetzt. Daher dringen sie zunehmend mehr in unser berufliches und privates Leben ein – gerade der Bildungsbereich ist davon in besonderer Weise betroffen.

Take-aways
  • AI Leadership ist die Kompetenz, KI-Systeme werteorientiert und reflektiert zu steuern, ohne die Entscheidungshoheit abzugeben. Sie ist die zentrale Zukunftskompetenz im agentischen Zeitalter.
  • Die Rolle des Menschen entwickelt sich historisch vom Ausführen zum Steuern: vom Manufakturisten über den Maschinisten zum Manager von KI-Agenten.
  • In den Fokus rücken vor allem metakognitive Kompetenzen: strategische Steuerung, ethische Reflexion und die bewusste Gestaltung der Mensch-KI-Zusammenarbeit.
  • Für Schulen gelingt der Transfer über vier Felder – Verstehen, Anwenden, Mitgestalten, Reflektieren – und als kontinuierlicher Veränderungs- und Weiterbildungsprozess.

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Was bedeutet AI Leadership?

AI Leadership bezeichnet die Kompetenz, den Einsatz von KI-Systemen in einem werteorientierten, transparenten und reflektierten Rahmen zu steuern, ohne die Entscheidungshoheit an die eingesetzten Technologien abzugeben (Buck & Weßels 2025). Der Begriff steht in enger Verbindung zu etablierten Konzepten wie Digital Literacy, Data Literacy und AI Literacy, erweitert diese jedoch um eine entscheidende Dimension: die aktive Führungs- und Steuerungskompetenz. Hinter AI Leadership verbirgt sich ein Bündel miteinander verzahnter Fähigkeiten:

  • Strategische Zielklärung und Governance: Wo und wie setzen wir KI systematisch ein?
  • Technisches Urteilsvermögen: Das Validieren und kritische Prüfen von KI-generierten Inhalten, um eine blinde Übernahme fehlerhafter Ergebnisse zu verhindern
  • Ethisch-rechtliche Sensibilität: Der reflektierte Umgang mit Datenschutz und Fairness
  • Rolleninteraktion: Die bewusste Gestaltung der Mensch-KI-Rollen und deren Umsetzung als Veränderungsprozess

AI Leadership ist die Kompetenz, KI-Systeme werteorientiert zu steuern, ohne die Entscheidungshoheit an die Technologie abzugeben.

Doris Weßels und Miriam Maibaum

Vom Manufakturisten zum Manager: Evolution und neue Rollenverteilung

Der Weg ins agentische Zeitalter lässt sich als historische Evolution der menschlichen Arbeitsrolle verstehen (Weßels 2024). Am Anfang steht der Manufakturist, der ganz ohne Maschinen, allein mit Handwerk und eigener Erfahrung, produziert. Mit der Industrialisierung wird daraus der Maschinist, der die Maschine als Werkzeug bedient und ihre Kraft für seine Zwecke nutzbar macht. Im agentischen Zeitalter schließlich tritt der Manager hervor, er führt die Tätigkeit nicht mehr selbst aus, sondern orchestriert einen oder mehrere KI-Agenten, die Aufgaben entsprechend ihres festgelegten Autonomiegrads ausführen. Mit jeder Stufe dieser Entwicklung wächst die Distanz zur unmittelbaren Ausführung und zugleich die Verantwortung des Menschen für den gesamten Prozessablauf. Gerade dieser jüngste Übergang vom Bedienen zum Orchestrieren macht AI Leadership zur Schlüsselkompetenz.

Die im Infokasten aufgeführten Grundmuster beschreiben, wie sich die Rollenverteilung in der Interaktion von Mensch und Maschine im agentischen Zeitalter kategorisieren lässt (nach Aumüller, Behrens, Kavanagh, Przytarski & Weßels 2024):

Die Kernfrage von AI Leadership lautet demnach: Welche dieser Rollen wollen und dürfen wir der KI kontextabhängig erlauben?

Welche Kompetenzen jetzt in den Fokus rücken

Diese neue Form des Dialogs von Menschen mit KI-Systemen ähnelt einem „Ping-Pong”-Spiel, bei dem beide Dialogpartner:innen sich immer wieder neu auf die andere Seite einstellen müssen. Bei den menschlichen Akteuren können sich neue Kompetenzen bilden, die wir als „New Skilling” bezeichnen.

Sie entstehen aus der unvorhersehbaren Interaktion von Mensch und generativem KI-System: Indem die lernende Person Ziele setzt, Prompts formuliert, KI-generierte Ergebnisse prüft, verwirft oder weiterentwickelt, durchläuft sie einen Entwicklungsprozess, in dem sich Problemverständnis, Lösungsstrategien und Urteilsvermögen schrittweise anpassen. Dieser Prozess wirkt rekursiv, das heißt jeder Dialogschritt verändert die Ausgangslage des nächsten und verläuft zugleich auf zwei Ebenen:

  • explizit, etwa durch das bewusste Erlernen von Prompting- und Validierungsstrategien, und
  • implizit, durch die in der Regel unbewusste Verinnerlichung von Routinen in der Mensch-KI-Interaktion.

Wir unterscheiden zwischen einer kognitiven Erweiterung im weiteren Sinne und einer metakognitiven Selbststeuerung im engeren Sinne (Weßels & Maibaum 2026). Zur kognitiven Erweiterung, den instrumentell-technischen Fähigkeiten, zählen ein Grundverständnis der algorithmischen Arbeitsweise generativer KI-Systeme, fundiertes Wissen über deren Leistungsspektrum und Grenzen einschließlich systematischer Verzerrungen und sogenannter Halluzinationen, also frei erfundener, aber plausibel wirkender Ergebnisse, die Dialogkompetenz im schrittweisen Prompting sowie ein kritisches Urteilsvermögen bei der Validierung der Ergebnisse.

New Skilling beschreibt den spezifischen und kontinuierlichen Lernprozess, der durch die Interaktion von Menschen mit generativen KI-Systemen entsteht.

Doris Weßels und Miriam Maibaum

Den eigentlichen Kern von New Skilling bildet jedoch die metakognitive Selbststeuerung, worunter auch AI Leadership zu führen ist. Hierunter gefasst werden:

  1. die konzeptionelle Kompetenz zur Nutzung von KI-Potenzialen, 
  2. die Managementkompetenz zur strategischen Zielausrichtung und Anpassung an permanente Veränderung, 
  3. die Selbstreflexionskompetenz im Umgang mit ethischen und rechtlichen Anforderungen unter hoher Unsicherheit sowie
  4. die Organisations- und Führungskompetenz bei der Gestaltung hybrider Mensch-KI-Kollaboration. 

Der Stifterverband ordnet AI Leadership in seinem Rahmenwerk Future Skills 2030 lediglich den technologischen Spitzenkompetenzen zu (Stifterverband 2025), während unser Ansatz darüber hinausgeht. Wie sich New Skilling und somit auch AI Leadership in der schulischen Bildung für Lehrkräfte und Schulleitungen definiert, zeigt die folgende Abbildung:

New-Skilling in der schulischen Bildung (angelehnt an Weßels & Maibaum 2026)

Implikationen für Schulen und Schulleitungen

Für Schulen ergeben sich zwei Herausforderungen. Erstens stellt sich die Frage nach der Bewertung menschlicher Leistung neu: Wenn KI Texte, Analysen und Lösungen mitproduziert, was genau prüfen und bewerten wir dann? Welche Kompetenznachweise brauchen wir künftig und wie sichern wir einen fairen, gleichberechtigten Zugang zu den Werkzeugen? Zweitens wird AI Leadership selbst zum Bildungsziel, für Lernende und für Lehrende gleichermaßen.

Wir verstehen die Kompetenzentwicklung dabei als Stufenmodell: von der KI-Einsatzkompetenz für den operativen Einsatz über die KI-Nutzungskompetenz für den strategischen Einsatz bis zur KI-Führungskompetenz, also AI Leadership. Für Schulleitungen kommt eine weitere Ebene hinzu: Sie führen nicht nur sich selbst und ihre Teams im Umgang mit KI, sondern gestalten die digitale Transformation ihrer gesamten Organisation. Damit wird AI Leadership zur Schlüsselkompetenz einer modernen Schulführung.

Doch wie kann der Transfer auf der Ebene der Schulführung gelingen? Das Leadership LAB Schleswig-Holstein hat das KI-Kompetenzmodell für Lehrende und Lernende (Alles, Falck, Flick & Schulz 2025) eigens für Schulleitungen adaptiert. Sie strukturiert AI Leadership in vier Handlungsfelder: Verstehen meint, KI so weit zu durchdringen, dass fundierte Entscheidungen zur Schulentwicklung möglich werden, inklusive datenschutzrechtlicher und bildungspolitischer Rahmenbedingungen. Anwenden bedeutet, KI gezielt und sicher für die Leitungstätigkeit einzusetzen, etwa in Kommunikation, Organisation und Planung. Mitgestalten heißt, die eigene Schule systematisch vorzubereiten, durch ein schulweites KI-Leitbild, eine KI-Strategie, passende Fortbildungsstrukturen und die Vernetzung mit externen Partnern. Reflektieren schließlich verlangt die bewusste Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken, mit Blick auf Schulklima, Lehrkräfte sowie Schüler:innen, ebenso wie die Moderation von Unsicherheiten im Kollegium.

„KI Leadership Schulleitung“ des Leadership LAB Schleswig-Holstein nach Alles, Falck, Flick & Schulz 2025

Entscheidend ist, dass dieser Transfer nicht als einmaliges Fortbildungsereignis, sondern als kontinuierlicher Veränderungs- und Weiterbildungsprozess angelegt wird. Schulträger, Schulaufsichten und Landesinstitute können ihn unterstützen, indem sie Strukturen, Ressourcen und einen rechtssicheren Rahmen bereitstellen und so den einzelnen Schulen den Rücken stärken.

New Skilling ist im agentischen Zeitalter unumgänglich

Für eine wirksame Gestaltung der Mensch-Maschine-Interaktion im agentischen Zeitalter geht es nicht nur um reine Produktivitätssteigerung, sondern darum, dass wir Menschen noch Teil des Spiels bleiben (Meckel 2025). Das Erlernen neuer Fähigkeiten (New Skilling) und der Kompetenzzuwachs durch AI Leadership sind Antworten auf diese Frage. Für Schulen sind die geforderten neuen Kompetenzen damit weit mehr als eine technische Fertigkeit. Sie sind eine Frage der Haltung, die kritisches Denken, Verantwortung und Gestaltungswillen in den Mittelpunkt stellt. Wer Schule heute führt, sollte AI Leadership nicht als Zusatzqualifikation begreifen, sondern als eine Kernaufgabe von heute und der kommenden Jahre.

Transparenzhinweis zum KI-Einsatz der Autorinnen: Dieser Beitrag wurde unter ko-kreativer Nutzung generativer KI-Systeme erstellt. Zum Einsatz kam Claude Cowork auf Basis Opus 4.8. Die inhaltliche Konzeption, Auswahl, Bewertung und redaktionelle Verantwortung liegen bei Doris Weßels und Miriam Maibaum.

Über die Autor:innen

Doris Weßels

Prof. Dr. Doris Weßels war Professorin für Wirtschaftsinformatik und leitet das Zukunftslabor Generative KI an der F&E GmbH. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Einsatz generativer KI in Bildung und Wissenschaft sowie das wissenschaftliche Schreiben. Mailkontakt: doris.wessels@haw-kiel.de

Doris Weßels bei LinkedIn

Miriam Maibaum

Dr. Miriam Maibaum ist als Projektleiterin im Zukunftslabor Generative KI tätig. Sie forscht und publiziert gemeinsam mit Doris Weßels zu New Skilling und AI Leadership im Kontext generativer KI. Mailkontakt: miriam.maibaum@zgki.de

Miriam Maibaum bei LinkedIn

Lizenzhinweis

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Doris Weßels & Miriam Maibaum

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