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Antonia Weggebakker: „Ich sehe mich als Übersetzerin zwischen Pädagogik und Technik“

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5 | 9. Juni 2022

Antonia Weggebakker

Antonia Weggebakker studierte Romanistik (B.A.) und Linguistik (M.A.) an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Von 2018-2020 absolvierte sie ein zweijähriges wissenschaftliches Volontariat im LVR-Zentrum für Medien und Bildung in Düsseldorf und war unter anderem verantwortlich für die Bildungs-App BIPARCOURS. Seit September 2020 ist sie Koordinatorin für Digitalität in der Bildung der Kreisverwaltung Viersen.

Liebe Frau Weggebakker, immer wieder wird gefordert, dass Schulleitungen und Schulträger enger zusammenarbeiten. Nun arbeiten Sie im Kreis Viersen in einer Position, die genau zwischen diesen beiden Akteuren vermittelt. Wie kam es dazu?

Das war das Ergebnis einer wissenschaftlichen Bedarfsanalyse des Learning Lab der Universität Duisburg-Essen, die wirklich versucht hat, sämtliche Akteursgruppen einzubeziehen: von den beteiligten Abteilungen beim Schulträger, die Schulleitungen der sechs kreiseigenen Schulen über Lehrkräfte, Schüler:innen, Eltern bis hin zu den Medienberatenden des Kreises und der Schulaufsicht. Es gab Interviews, Online-Befragungen und einen Workshop.

Und was kam dabei heraus?

Eben dass wir eine koordinierende und unterstützende „Nahtstelle“ benötigen, die zwischen allen Akteuren vermittelt und als Anlaufstelle beim Schulträger für den Themenkomplex Digitalität im Unterricht funktioniert.

Also eine Nahtstelle und keine Schnittstelle?

Ja, auf dieses Bild bin ich beim LabBD gestoßen, an dem ich auch teilnehme. Ich finde das viel passender, als die „Schnittstellen“, die immer wieder gefordert werden. Denn schließlich geht es darum, dass wir verschiedene Bedarfe verschiedener Systeme zusammenbringen – das System Schule, dem System der kommunalen Verwaltung, aber auch nur durch Überwindung der Grenzen zwischen innerer und äußerer Schulangelegenheiten. Und da wir uns da alle gemeinsam auf den Weg machen.

Genau daran hakt es ja gerade noch in vielen Kommunen.

Richtig, das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Alle Akteure agieren ja innerhalb ihres Systems. Es gilt über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, Verständnis für das Handeln des Anderen zu schaffen. Es müssen sowohl in der Schule als auch beim Schulträger neue Standardprozesse geschaffen werden. Dabei muss zunächst im jeweiligen eigenen System erarbeitet werden, welches Ziel man bei der digitalen Schulentwicklung verfolgt. Und dies alles bei einem ohnehin schon vollen Terminkalender und anderen Baustellen bei allen Beteiligten.

Es geht darum, dass wir verschiedene Bedarfe verschiedener Systeme zusammenbringen.

Antonia Weggebakker

Wie genau kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Grundsätzlich ist das Ziel, die pädagogischen Bedarfe der Schulen in Einklang zu bringen mit der Medienentwicklungsplanung des Kreises Viersen als Schulträger – etwa durch die Koordinierung von Schuldigitalisierungsprojekten. Da geht es um die Moderation von Arbeitsgruppensitzungen zwischen den beteiligten Abteilungen und darum, konkrete Arbeitspakete und das weitere Vorgehen zu besprechen. Darüber hinaus begleite und unterstütze ich die kreiseigenen Schulen auf ihrem digitalen Schulentwicklungsprozess.

Was heißt das konkret?

Zum Beispiel, dass ich an einigen Schulen an den schulinternen Arbeitskreisen zur Digitalität im Unterricht beziehungsweise Medienentwicklung teilnehme. Ich unterstütze dann die Medienkonzeptarbeit, helfe bei der Vorbereitung und Durchführung von pädagogischen Fachtagen und stelle dort auch selbst Apps vor. Zu klärende Fragen oder offene Anliegen seitens der Schulleitung und des Kollegiums zu Digitalisierungsprojekten kann ich von dort wiederum mit zum Schulträger nehmen und besprechen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen Schulträgern und Schulleitungen?

Die Schulen haben ganz individuelle pädagogische Bedarfe, je nachdem, ob es sich um Berufskollegs, Förderschulen mit verschiedenen Förderschwerpunkten oder ein Weiterbildungskolleg handelt. Auf der anderen Seite agiert der Schulträger aus einem Bedürfnis heraus, möglichst große Anteile der technischen Ausstattung zu standardisieren. Diesen Spannungsbogen müssen wir so gut es geht auflösen. Fragen wie „Warum dauert die Anschaffung so lange?“ seitens der Schulen oder „Aus welchen pädagogischen Gründen benötigt man für bestimmte Ausbildungsgänge an den Berufskollegs einen stärkeren Prozessor?“ seitens des Trägers müssen im offenen und transparenten Austausch und auf gleicher Augenhöhe besprochen werden. Ein Kollege beschrieb meine Rolle neulich (sehr passend) als Übersetzerin zwischen Pädagogik und Technik.

Es gilt über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, Verständnis für das Handeln des Anderen zu schaffen.

Antonia Weggebakker

Sie arbeiten erst seit knapp zwei Jahren in Ihrer jetzigen Position. Konnten Sie in dieser Zeit schon Veränderungen anstoßen?

Ich denke schon. Zum Beispiel haben wir zwei Austausch- und Planungsgruppen gestartet, in deren Rahmen wir uns als Schulträger alle vier bis sechs Wochen mit den Medienbeauftragten der kreiseigenen Schulen treffen und auf operativer Ebene Medienausstattungsprojekte und Bedarfe besprechen. Demnächst wird die erste Sitzung in der Planungsgruppe Medienentwicklung stattfinden. Dabei geht es um die strategische Medienentwicklung unter Einbezug der Schulleitungs- und Amtsleitungsebene sowie unter Einbezug der Medienberatenden des Kreises Viersen sowie der Schulaufsicht, Generale Bildung in der digitalen Welt.

Wie sieht es beim Thema technische Ausstattung aus?

Wir sind als Schulträger mitten im Prozess, die Digitalisierung in den kreiseigenen Schulen Schritt-für-Schritt voranzubringen: vom Ausbau der Infrastruktur an den Schulgebäuden über die Ausstattung der Lernenden und Lehrenden mit digitalen Endgeräten aus den Förderprogrammen hin zur Erneuerung und Ausbau der digitalen Präsentationstechnik. Zuletzt wurde ein Standort des Förderzentrums West mit interaktiven, digitalen Bildschirmen ausgestattet.

Welches Leitbild schwebt Ihnen für eine moderne Schule im 21. Jahrhundert vor?

Das ist eine sehr spannende Frage, die ich auch den kreiseigenen Schulen regelmäßig stelle. Aktuell würde ich sie so beantworten: der Einsatz digitaler Endgeräte und Software als selbstverständliches Lehr-/Lernmittel. Kollaboratives Arbeiten über eine digitale Plattform (LMS, Kommunikation etc.). Nutzung pädagogischer Flächen außerhalb des Klassenraums etwa der Schulhof, Schulgarten oder die Schulflure. Mehr Zeitfenster für projektorientiertes Lernen. Eine zeitgemäße Prüfungskultur, in der digitale Leistungsnachweise, etwa Erklärvideos, etabliert sind und über die auch die erworbenen Medienkompetenzen und die vier Kompetenzen des 4-K-Modells sichtbar gemacht werden. Und auch ein weiterentwickeltes Rollenverständnis der Lehrkräfte, die sich kontinuierlich weiterqualifizieren müssen.

Über die Autor:innen

Klaus Lüber

Klaus Lüber studierte Kulturwissenschaft, Publizistik und Philosophie in Berlin und München. Als freier Redakteur und Autor arbeitet er unter anderem für den F.A.Z.-Verlag, die Volkswagenstiftung und den Thinktank iRights.Lab. Zu seinen Lieblingsthemen zählen Innovation, Digitalisierung und Bildung. Er lebt und arbeitet in Berlin.

https://www.klauslueber.de/

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