Globalisierung, Digitalisierung und Bildung haben Menschen, Städte und Kontinente miteinander vernetzt – in einer Weise, die unser individuelles und kollektives Potenzial in ungeahnte Höhen treibt. Doch dieselben Kräfte haben unsere Welt auch volatiler, komplexer und unsicherer gemacht.
Take-aways
- Die Welt ist unter anderem durch Globalisierung und Digitalisierung volatiler, komplexer und unsicherer geworden.
- Schulen müssen die nächste Generation befähigen, neue gesellschaftliche Modelle für ein Jahrhundert beispielloser Herausforderungen zu entwerfen.
- Bildung reagiert nicht nur auf gesellschaftlichen Wandel, sondern gibt diesem Richtung.
- Künstliche Intelligenz wird zutiefst menschliche Eigenschaften, wie Sinnsuche und Reflexion des eigenen Handelns nicht ersetzen. Um das zu fördern, sollte die Schule der Zukunft nicht auf Standardisierung, sondern auf Mitgestaltung setzen.
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Überall öffnen sich neue Bruchlinien: zwischen grenzenlosem Wirtschaftswachstum und den endlichen Ressourcen unseres Planeten; zwischen Arm und Reich; zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was gesellschaftlich gebraucht wird; und zwischen politischer Steuerung und dem Gefühl vieler Menschen, keine Stimme zu haben.
Niemand sollte die Ursache dieser Spannungen allein im Bildungssystem suchen. Aber ebenso wenig sollten wir unterschätzen, welche Rolle Fähigkeiten, Haltungen und Werte von Menschen für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen spielen. Bildung reagiert nicht nur auf gesellschaftlichen Wandel. Sie gibt ihm Richtung.
Schulen müssen die nächste Generation befähigen, neue gesellschaftliche Modelle für ein Jahrhundert beispielloser Herausforderungen zu entwerfen.
Schulen müssen die nächste Generation befähigen, neue gesellschaftliche Modelle für ein Jahrhundert beispielloser Herausforderungen zu entwerfen. Sie müssen menschliche Größe fördern – mit der richtigen Mischung aus kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten – und jungen Menschen helfen, Sinn, Orientierung und Hoffnung zu finden, gerade dort, wo Unsicherheit herrscht.
In einer Welt, die sich ständig neu erfindet, ist die wichtigste Fähigkeit die Fähigkeit zu lernen. Immer wieder. Ein Leben lang. Deshalb sollten Schulen nicht Energie darauf verwenden, Schüler:innen Dinge beizubringen, die sie morgen selbst lernen können. Die Schüler:innen von heute sind die Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen. Sie lernen nicht mehr nur für Jobs – sie müssen lernen, Jobs zu erfinden. Sie müssen lernen, mutig zu experimentieren, klug zu scheitern und im Scheitern den Rohstoff für Entwicklung zu sehen.
Menschen als Sinnsuchende
In Zeiten der Künstlichen Intelligenz ist es leicht, in eine düstere Erzählung zu verfallen. Wenn Maschinen unsere Texte schreiben, Krankheiten diagnostizieren, Musik komponieren und sogar unsere Kinder unterrichten können – was bleibt dann noch für uns Menschen? Geben wir nach und nach jede Aufgabe an immer effizientere Algorithmen ab?
Das wäre eine gefährlich verkürzte Sicht. Denn wir Menschen sind mehr als eine Sammlung automatisierbarer Tätigkeiten. Wir sind Sinnsuchende. Wir erkennen Muster, wo andere nur Daten sehen. Wir führen nicht nur aus – wir interpretieren. Wir rechnen nicht nur – wir stellen uns etwas vor. Wir treffen moralische Entscheidungen, wo Maschinen nur Optionen berechnen. Wir bauen komplexe soziale Beziehung auf, wo Algorithmen nur Transaktionen sehen. Wir reagieren nicht nur auf die Welt. Wir gestalten sie.
Wir reagieren nicht nur auf die Welt. Wir gestalten sie.
Der Aufstieg der KI sollte diesen menschlichen Raum nicht verkleinern. Er sollte ihn sichtbarer machen. Wenn Maschinen das Routinemäßige immer besser beherrschen, dann müssen Schulen umso entschiedener auf das setzen, was zutiefst menschlich ist: die Fähigkeit, über das eigene Denken nachzudenken; das große Ganze hinter einzelnen Problemen zu erkennen; komplexe menschliche Beziehungen aufzubauen; ethische Entscheidungen zu treffen; und Dinge zu schaffen, die sich nicht aus bestehendem Wissen berechnen lassen.
Schule braucht tiefgreifende Veränderungen
Das sind keine „Soft Skills“. Das sind Überlebenskompetenzen des 21. Jahrhunderts. Und es sind die tragenden Säulen offener Gesellschaften. Sie ermöglichen es Demokratien, kluge Entscheidungen zu treffen, Volkswirtschaften zu innovieren und Gemeinschaften zusammenzuhalten, und zwar genau dann, wenn sich der Boden unter ihnen bewegt.
Wenn Schulen diese Fähigkeiten nicht mit Klarheit und Mut schützen und stärken, dann wird KI nicht nur unsere Arbeit automatisieren. Sie könnte still und leise die Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens untergraben.
Wenn Schüler:innen sich zunehmend von der Schule abwenden, liegt das oft weniger an mangelndem Zugang als an mangelnder Relevanz.
Das erfordert aber tiefgreifende Veränderungen in der Art wie wir Schule organisieren. Wenn Schüler:innen sich zunehmend von der Schule abwenden, liegt das oft weniger an mangelndem Zugang als an mangelnder Relevanz. Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Wie bekommen wir die Jugendlichen durch die Schultür? Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass das, was hinter dieser Tür passiert, Sinn macht? Wenn über ein Drittel der 15-Jährigen in den OECD-Ländern Schule als Zeitverschwendung empfindet, dann ist das ein Warnsignal. Stellen wir uns vor, wir betrieben keine Schule, sondern einen Supermarkt. Und jeden Tag würde ein Drittel unserer Kundschaft den Laden verlassen, ohne etwas zu kaufen. Wir würden keine Konferenz über die „Resilienz unserer Kunden“ einberufen. Wir würden den Kunden nicht mangelnde Disziplin vorwerfen. Klar, wir würden das Sortiment ändern, das Layout neu gestalten, das Einkaufserlebnis radikal verbessern.
Mitgestaltung statt Standardisierung
Ähnliches müssen wir auch in der Bildung tun, noch immer klafft eine große Lücke zwischen der Art, wie Schulen organisiert sind, und der Weise, wie junge Menschen lernen.
Früher war Unterricht strikt nach Fächern organisiert. Die digitale Welt verlangt stärker projektorientiertes Lernen – Erfahrungen, die Schüler:innen helfen, über Fachgrenzen hinweg zu denken, ohne die Tiefe der Disziplinen zu verlieren.
Die Schule der Vergangenheit setzte auf Standardisierung. Alle lernten denselben Stoff, zur selben Zeit, im selben Tempo. Die Schule der Zukunft behandelt die Lernenden nicht als Konsumenten von Unterricht, sondern als Mitgestaltende ihrer Lernumgebung. Wo sie Leistungsbereitschaft entwickeln – den Wunsch, immer besser zu werden. Wo sie Zugehörigkeit spüren – das Gefühl, gesehen und unterstützt zu werden. Und wo sie Autonomie erleben – die Freiheit, ihren eigenen Weg des Lernens zu gestalten.
Die Schule der Zukunft behandelt die Lernenden nicht als Konsumenten von Unterricht, sondern als Mitgestaltende ihrer Lernumgebung.
Der traditionelle Unterricht zerlegte Probleme in kleine Einzelteile die dann getrennt unterrichtet wurden. Moderne Gesellschaften schaffen Wert indem sie Ideen verbinden, Muster erkennen und scheinbar Unverbundenes zusammenbringen. Dort entstehen Innovationen. Die Schule der Vergangenheit war fragmentiert. Fächer getrennt. Schüler:innen nach Karrierewegen sortiert. Schulen abgeschottet von der Welt. Die Schule der Zukunft muss integrierter sein, und sich öffnen – zu ihrer Nachbarschaft, zu Unternehmen, zu Universitäten, zu zivilgesellschaftlichen Organisationen. Fächer müssen miteinander sprechen. Lernende müssen zusammenarbeiten.
Schule sollte nie die Welt von Kindern sein, die Welt muss ihre Schule werden. Damit stärkt Sie unsere Fähigkeit, uns gemeinsam einer ungewissen Zukunft zu stellen.
Lizenzhinweis
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Andreas Schleicher
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