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Bob Blume: „Demokratie kann man nicht über ein Arbeitsblatt lernen“

  • Anja Reiter
  • Bob Blume
  • Gabriel Brommer
6 | 26. Mai 2025

Wie demokratisch ist Schule wirklich – und was müsste sich ändern, damit Schüler:innen mehr mitgestalten können? Der Lehrer, Autor und Bildungsinfluencer Bob Blume und Gabriel Brommer, Teilnehmer am Beteiligungsprojekt Generation BD, sprechen im Interview über Scheindemokratie im Klassenzimmer, echte Teilhabe und die Transformation von Schule als Gemeinschaftsaufgabe. Anlass für das Gespräch ist eine Podiumsdiskussion der Generation BD auf der re:publica 25.

Schule wird für Schüler:innen gemacht – doch wenn es um Bildungspolitik geht, bleibt ihre Perspektive oft außen vor. Genau das will das Projekt Generation BD ändern. Im Rahmen des gemeinsamen Beteiligungsprojekts des Forum Bildung Digitalisierung und der Deutsche Telekom Stiftung haben junge Menschen Forderungen zur schulischen Transformation erarbeitet. Auf der re:publica 25 bringen sie ihre Impulse in einem prominent besetzten Panel zur Diskussion.

Mit dabei: Bob Blume, Lehrer, Autor und Bildungsinfluencer, der sich seit Jahren für eine neue Schulkultur stark macht – und Gabriel Brommer aus der Generation BD. Im Interview anlässlich ihres gemeinsamen Auftritts sprechen sie über Demokratie im Klassenzimmer, überforderte Bildungssysteme – und darüber, warum junge Stimmen nicht nur gehört, sondern endlich ernst genommen werden müssen.

Take-aways

Demokratie im Alltag lernen: Demokratie bedeutet nicht nur Wissen über Institutionen, sondern echte Teilhabe im Schulalltag – z. B. Mitbestimmung bei 
Lernprozessen oder schulischen Abläufen, nicht bloß theoretisches Lernen am Arbeitsblatt.

Schule als Gemeinschaftsprojekt: Das derzeitige System ist hierarchisch und oft „Scheindemokratie“, in dem Schüler:innen wenig Mitbestimmung erleben. Für echte Demokratie braucht es Räume für Selbstwirksamkeit, Kreativität und Beteiligung.

Partizipation stärkt Engagement: Schüler:innen müssen Erfahrung mit echter Einflussnahme sammeln, damit sie später in der Gesellschaft aktiv und selbstbewusst mitgestalten – nur dann wirkt Demokratiebildung über die Schule hinaus.

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Bob Blume

Bob Blume ist Lehrer, Autor, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium Bühl. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule, schreibt Kolumnen bei t-online und Gastbeiträge für den Spiegel. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet. Sein Buch „Warum noch lernen?“ wurde kurz nach Erscheinen zum SPIEGEL-Bestseller.

Gabriel Brommer

Gabriel Brommer ist Teilnehmer der Generation BD, einem gemeinsamen Beteiligungsprojekts des Forum Bildung Digitalisierung und der Deutsche Telekom Stiftung. Er hat die Schule in Stuttgart abgeschlossen und engagiert sich an der Schnittstelle von Bildung, Digitalisierung und Politik. Außerdem ist er Gründer der kreativen Medienagentur SecSeven.

Bob, du bist Lehrer, Sachbuchautor und Podcaster – und sprichst viel über das Thema Partizipation von Schüler:innen. Ein Blick zurück in deine eigene Schulzeit: Hattest du in der Schule das Gefühl, dass deine Meinung zählt?

Bob Blume: Ich habe eine Waldorfschule in Hagen besucht – und hatte dort zum Glück immer das Gefühl, gesehen und gehört zu werden. Zwar gab es nur wenige explizite partizipative Elemente. Die Kommunikation auf Augenhöhe und der fehlende Leistungs- und Notendruck im Waldorfsystem haben aber dazu geführt, dass ich mich nicht so sehr in einer Struktur gefangen gefühlt habe, gegen die ich mich auflehnen hätte müssen.

Gabriel, du hast deine Schullaufbahn erst vor Kurzem beendet. Wie blickst du auf die Zeit zurück?

Gabriel Brommer: Ich hatte eine ganz passable Schulzeit. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, in der Schule nicht ausreichend lernen zu können – vor allem in den letzten Schuljahren vor dem Fachabitur. In einem Klassenzimmer mit 30 Schüler:innen ist individuelle Förderung auch nur schwer möglich. Häufig war mir oder meinen Mitschüler:innen nicht klar, warum ein Thema relevant ist. Daher habe ich mich lieber zu Hause mit Dingen beschäftigt, die mich interessieren und auf diese Weise selbstständig gelernt. Mit 16 habe ich mein eigenes Gewerbe gegründet und wichtige praktische Erfahrungen gesammelt.

Bob Blume: Gabriel spricht hier eine ganz wichtige Frage an: Wozu sind Schulen im Jahr 2025 überhaupt noch da? Lehrkräfte sind längst nicht mehr das einzige Medium für Informations- und Wissensvermittlung, daher muss sich ihre Rolle wandeln. Ich bin mir aber sicher, dass es immer noch gute Gründe für Schule gibt: Wenn Lehrkräfte inspirieren und Orientierung bieten. Wenn sie mit Schüler:innen zusammen Projekte angehen und diese auf neue Themen aufmerksam machen. Wenn Lehrkräfte Offenheit mitbringen für die Ideen von Schüler:innen. All das sind gute Gründe, in die Schule zu gehen.

Ein kleines Gedankenexperiment: Wenn Schule ein Staat wäre, welche Staats- oder Regierungsform hätte er aktuell? Wäre Schule eine Demokratie oder eher eine Autokratie?

Gabriel Brommer: Schule, wie ich sie kenne, hat mit Demokratie wenig zu tun. Wenn, dann mit Scheindemokratie. Den Schüler:innen werden im besten Fall ein paar Optionen vorgeschlagen, aus denen sie wählen dürfen. Viel häufiger werden Dinge aber einfach von oben diktiert. Vereinzelt gibt es löbliche Ausnahmen: Lehrkräfte, die Partizipation tatsächlich zulassen und Freiheiten innerhalb des Systems ausschöpfen.

Bob Blume: Für mich wäre Schule am ehesten eine Monarchie. Von oben werden Standards heruntergereicht, die Schüler:innen erfüllen müssen. Was zählt, ist nicht der Prozess, sondern das Endprodukt. Daraus ergibt sich ein unglaublicher Leistungsdruck. Aus meiner Sicht sollte Schule aber ein Ort sein für Kreativität, Selbstwirksamkeit und zum Ausprobieren. Und damit auch ein Ort, der Scheitern ermöglicht. Denn in jedem Scheitern steckt die Möglichkeit des persönlichen Wachstums.

Für mich wäre Schule am ehesten eine Monarchie. Von oben werden Standards heruntergereicht, die Schüler:innen erfüllen müssen. Was zählt, ist nicht der Prozess, sondern das Endprodukt.Daraus ergibt sich ein unglaublicher Leistungsdruck.

Bob Blume

Bob, du sprichst oft über eine nötige Transformation des Schulsystems. Viele Reformvorschläge entstehen „top-down“. Wie gelingt es, das Prinzip „bottom-up“ in der oft hierarchischen Bildungswelt zu etablieren?

Bob Blume: Ich bin mir leider gar nicht mehr so sicher, ob Transformation innerhalb des bestehenden Systems gelingen kann. Zwei Dinge aber machen mir Hoffnung: Die Alternativlosigkeit von Corona hat großen Druck auf das Schulsystem erzeugt. Plötzlich waren Dinge möglich, die zuvor nicht denkbar waren. Seit Corona gibt es beispielsweise viel mehr Kommunikationssysteme und den Willen, digital zu arbeiten.

Und was macht dir noch Hoffnung?

Bob Blume: Wenn junge Leute sich mit frischen Ideen über Veränderungen im Bildungssystem Gedanken machen! Die Arbeit der Generation BD und anderer Initiativen sorgt dafür, dass die Diskussion nicht nur entlang der immer gleichen tradierten Stränge geführt wird. Auch wenn der Wirkungsgrad solcher Initiativen nur schwer zu beurteilen ist, ist die Arbeit enorm wichtig.

Gabriel Brommer: Natürlich können wir mit unseren Forderungen nicht das gesamte schulische Bildungssystem umkrempeln. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Lehrkräfte und auch Verantwortungsträger:innen sich mit unserem Impulspapier auseinandergesetzt haben und wahrgenommen haben, dass wir sehr lösungsorientierte Ansätze ausgearbeitet haben.

Das Impulspapier befasst sich auch mit dem Thema Demokratielernen. Bob, wie können aus deiner Sicht im Unterricht demokratische Werte vermittelt werden, ohne dass es bei abstrakten Begriffen wie „Partizipation“ oder „Mitbestimmung“ bleibt?

Bob Blume: Demokratielernen wird von Politiker:innen häufig falsch verstanden. Es geht nicht um die Verfassungsviertelstunde oder das Singen der deutschen Nationalhymne. Demokratie kann man nicht über ein Arbeitsblatt lernen, über das man kognitiv versteht, was den Bundestag vom Bundesrat unterscheidet. Für mich bedeutet Demokratielernen, die Möglichkeit zu haben, mitzuentscheiden – über den eigenen Lernprozess, über das schulische Leben und das Miteinander.

Wie kann eine solche Form der Beteiligung realistisch in den Schulalltag integriert werden?

Bob Blume: Lehrkräfte können Schüler:innen bereits im Kleinen partizipieren lassen: Sie können Schüler:innen mitbestimmen lassen, welche Lektüre gelesen wird oder welche Aufgaben in der Gruppe bearbeitet werden. Auch Poolstunden, in denen Schüler:innen selbstgewählte Projekte bestreiten können, sind sinnvoll. Partizipation muss nicht immer bedeuten, an politischen Hebeln zu drehen. Partizipation kann auch bedeuten, dass Schüler:innen autonom handeln.

Schule, wie ich sie kenne, hat mit Demokratie wenig
zu tun. Wenn, dann mit Scheindemokratie.

Gabriel Brommer

Gabriel, wie kann man Schüler:innen dazu ermutigen, ihre Stimme zu erheben – auch wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen nicht zugehört wird?

Gabriel Brommer: Viele Schüler:innen wissen gar nicht, dass es Partizipationsformate wie die Generation BD gibt. Außerdem denken viele: Das bringt nichts, die Politik macht ohnehin, was sie will.

Bob Blume: Das ist ein Zirkelschluss: Um partizipieren zu können, muss man wissen, dass es Möglichkeiten gibt. Um die Möglichkeiten wahrzunehmen, muss ich wissen, dass es sie gibt. Darum müssen partizipative Elemente auch in der Schule gestärkt werden, wo alle Schüler:innen teilhaben. Nur wer Selbstwirksamkeit erfahren hat, kommt überhaupt auf die Idee, sich auch anderswo zu engagieren. Wenn Schule junge Leute in eine Ohnmacht reinlehrt, dann haben später Populist:innen ein einfacheres Spiel. Die Anfälligkeiten für Scheinlösungen steigt, wenn es innerhalb der Schule keine Möglichkeit gibt, Selbstwirksamkeit zu erleben.

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Bob, was nimmst du dir aus dem Austausch mit Gabriel und anderen jungen Leuten mit?

Bob Blume: Dass die Erzählungen der angeblich so unpolitischen, trägen Generation Z bis Alpha aus Unkenntnis erwachsen sind. Dass wir mehr Austausch solcher Art brauchen, damit die Entscheidungsträger:innen auf einer realistischen Grundlage entscheiden – und nicht aufgrund eines Bildes von Schule, das sie aus den Medien ableiten. Schule ist die Institution, die immer von den jungen Leuten ausgehen muss. Das tut sie im Moment viel zu wenig. Daher müssen wir uns in Zukunft viel mehr mit denen austauschen, die es wirklich betrifft.

Über die Autor:innen

Anja Reiter

Anja Reiter arbeitet als freie Journalistin in München, vor allem zu Bildungs-, Umwelt-, Digitalisierungs- und Gesellschaftsthemen. Sie schreibt nicht nur, sondern moderiert auch Podiumsdiskussionen, gibt Workshops für den journalistischen Nachwuchs und hilft bei der Konzeption von Magazinen. Außerdem ist sie Mit-Autorin der „Freienbibel 2“, dem Praxishandbuch für freie Journalist:innen.

https://anjareiter.com/

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Anja Reiter

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