Im Projekt „Leadership und Zusammenarbeit für die digitale Schulentwicklung“ schafft das Forum Bildung Digitalisierung einen Raum für den Erfahrungsaustausch zwischen Schulaufsichten und Schulleitungen. Hier können beide Seiten neue Ansätze der Zusammenarbeit entwickeln. Die Bremer Schulleiterin Lena Jochmann und Eugen Hoffeld, Schulaufsicht aus dem Saarland, waren im Projekt dabei und erklären, welche Impulse sie mitgenommen und wie diese ihre Arbeit verändert haben.
Damit Schulleitungen mit ihren Teams digitale Schulentwicklung wirksam gestalten können, brauchen sie eine Schulaufsicht, die sie auf diesem Weg begleitet und berät. Doch für viele Schulaufsichten ist diese Rollenzuschreibung noch Neuland. Um die Verantwortungsgemeinschaft zu stärken, Kooperationsstrukturen weiterzuentwickeln und neue Wege der Zusammenarbeit zu erproben, hat das Forum Bildung Digitalisierung das bundeslandübergreifende Projekt „Leadership und Zusammenarbeit für die digitale Schulentwicklung” initiiert.
Take-aways
- Digitale Schulentwicklung gelingt in einer Verantwortungsgemeinschaft: Schulleitung und Schulaufsicht arbeiten als Team statt als Einzelkämpfer:innen und klären gemeinsam, wer wofür zuständig ist.
- Damit die Verantwortungsgemeinschaft gelebt wird, braucht es eine konstruktive Fehlerkultur, gemeinsame Zielvereinbarungen und regelmäßige Austauschräume, die alle als wirksam erleben.
- Die Rolle der Schulaufsicht sollte sich vom Kontrollieren zum Beraten, Unterstützen und Begleiten entwickeln. Das bedeutet, Schulen Raum und Rückendeckung zu geben, Neues auszuprobieren.
- Reflexionstools wie der Golden Circle können dabei helfen, Entwicklungsprozesse und Maßnahmen im Bereich der Schulentwicklung zu hinterfragen.
Mehr anzeigen
Herr Hoffeld, was fand im Projekt statt?
Eugen Hoffeld: Bei den ersten Veranstaltungen im Projekt waren zunächst Schulaufsichten unter sich – ein kleiner Kreis von neun Personen. Es ging zunächst darum, sich mit der eigenen Rolle auseinanderzusetzen und zu überlegen, wie die Schulaufsicht die Schulleitungen bei der digitalen Schulentwicklung unterstützen kann. Erst bei den letzten Terminen kamen dann die Schulleitungen dazu. Da waren wir dann insgesamt 20 Personen. Vieles im Projekt fand auf einer Metaebene statt. Wir haben aber auch konkrete Methoden ausprobiert. Dazu gab es praktische Übungen – zum Beispiel die Aufgabe, ein Objekt zum Fliegen zu bringen. Wie schafft man das als Team, wenn nicht geklärt ist, durch welchen Impuls es fliegt? Solche Übungen machen systemische Gedanken ohne viele Worte erfahrbar.
Frau Jochmann, was war für Sie das Besondere an diesem Projekt?
Lena Jochmann: Für mich war das der Perspektivwechsel. Schulaufsicht und Schulleitung schauen unterschiedlich auf Schule und ihre digitale Entwicklung. Den jeweils anderen Blickwinkel einzunehmen, hilft in der gemeinsamen Arbeit und fördert Offenheit. Wichtig war auch: Wir hatten viel Zeit, Fragen zu digitaler Schulentwicklung gemeinsam zu reflektieren. Das klingt vielleicht nicht besonders, aber Zeit ist etwas, das man im Schulalltag eigentlich nie hat.
Was hat Sie motiviert, an dem Projekt teilzunehmen?
Lena Jochmann: Ich leite eine noch sehr junge Schule. Digital Leadership spielt für mich dabei eine große Rolle, und als aufwachsende Schule befinden wir uns weiterhin in einem intensiven Aufbau- und Entwicklungsprozess. Die Veranstaltung im Rahmen des Projekts passte daher sehr gut zu unserer engen Zusammenarbeit mit der Schulaufsicht und den damit verbundenen Entwicklungsfragen.
Eugen Hoffeld: Ich bin jemand, der die eigene Rolle ständig reflektiert. Ich frage mich immer: Was kann ich tun, damit es an Schulen runder läuft? Bin ich beratend unterwegs? Bin ich eher eine Schulaufsicht, die nur draufschaut? Der Austausch mit Schulaufsichten aus anderen Bundesländern bot mir die Möglichkeit zu prüfen: Gehe ich insbesondere bei der Schulentwicklung in der Digitalität in die richtige Richtung – oder braucht es hier eine andere Führung?
Wir sind nicht Einzelkämpfer:innen, sondern ein Team, eine Verantwortungsgemeinschaft.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Projekt mitgenommen – insbesondere auch in Bezug auf digitale Schulentwicklung?
Eugen Hoffeld: Für mich war das vor allem der Golden Circle. Bei diesem Führungs- und Kommunikationsmodell steht immer die Frage im Zentrum: Warum machen wir etwas? Was ist unser Ziel? Davon ausgehend entwickeln wir Strategien dafür, was wir konkret umsetzen wollen. Der Golden Circle ist wirklich eine Leidenschaft von mir geworden. Und ich habe festgestellt: Wenn ich Schulleitungen motiviere, auf das Warum zu schauen, nimmt ihnen das Stress. Dann geht es nicht darum, noch ein Projekt oder noch eine Vorgabe abzuarbeiten, sondern sie nehmen eine gestaltende Rolle ein. Das ist im Kontext von Digitalität besonders wichtig. Denn sonst geht es oft nur um Tablets oder Tools, aber nicht darum, dass Schüler:innen damit besser lernen können.
Lena Jochmann: Konkret hat sich vielleicht noch gar nicht so viel verändert – ich wende noch keine Methoden im Alltag an. Aber das Projekt hat in der Haltung viel angestoßen. Mit Blick auf die digitale Schulentwicklung war für mich der springende Punkt, nicht zuerst auf Ressourcen zu schauen und zu sagen: Das haben wir nicht, das können wir nicht. Oder aber: Ja, das haben wir, dann können wir das machen. Viel wichtiger ist, sich immer wieder auf die Frage zu fokussieren: Was wollen wir mit der Digitalisierung erreichen? Außerdem habe ich die Idee des Perspektivwechsels in meine Schule getragen – ins Leitungsteam, ins Kollegium und in die Arbeit mit der Schulaufsicht.
Eugen Hoffeld: Ja, der Perspektivwechsel ist entscheidend. Nach einigen Jahren in der Schulaufsicht verliert man manches aus dem Blick, was für Schulleitungen zentral ist. Im Austausch ist dann die Erkenntnis gewachsen: Wir sind nicht Einzelkämpfer:innen, sondern ein Team, eine Verantwortungsgemeinschaft.
Golden Circle nach Simon Sinek
Was verstehen Sie unter einer Verantwortungsgemeinschaft?
Lena Jochmann: In Schule denkt man oft: ich und meine Klasse, ich und mein Jahrgang, ich und meine Schule. Auch Schulleitung und Schulaufsicht stehen manchmal eher in Konkurrenz. Aber in einer Verantwortungsgemeinschaft geht es um das Wir und darum, die eigenen Kräfte mit anderen zu verzahnen: wir als Schule, wir als Schulleitungen, wir als Schulen im Stadtteil, wir als Schulen in einem Land.
Eugen Hoffeld: Eine Schulleitung muss merken: Ich bin nicht allein, die Schulaufsicht ist da. Wobei ich den Begriff „Schulaufsicht” nicht besonders mag, sondern die Bezeichnung „Schulrat” bevorzuge. Da steckt das Beraten, Unterstützen und Begleiten drin – also die Aufgaben, die auch die Bildungsministerkonferenz im Zielbild zur Rolle und Arbeit der Schulaufsicht beschrieben hat. Das bedeutet aber auch, dass Schulaufsicht Kontrolle abgibt und loslassen kann. Manchmal frage ich die Schulleitung: Wie würdest du entscheiden? Was ist dein Part, was ist mein Part? Was hättest du dir mehr von mir gewünscht? Und ich sage, was ich mir gewünscht hätte. So entsteht geteilte Verantwortung.
Lena Jochmann: Wichtig ist, die Verantwortungsbereiche zu klären. Was liegt bei mir als Schulleitung? Was liegt bei der Schulaufsicht? Das heißt nicht, Verantwortung wegzuschieben, sondern darüber ins Gespräch zu kommen.
Welche Anforderungen stellt die digitale Schulentwicklung an die Verantwortungsgemeinschaft?
Eugen Hoffeld: Gerade wenn es um Schulentwicklung in der Digitalität geht, müssen Schulen Neues ausprobieren können. Dafür brauchen sie den entsprechenden Raum, aber auch die Rückendeckung durch die Schulaufsicht.
Lena Jochmann: Die digitale Schulentwicklung steht immer wieder vor neuen Fragen. Da muss man gemeinsam Ziele entwickeln und immer wieder neue Lösungen finden. Dazu braucht es viel Raum für den Austausch. Eigentlich gilt das aber nicht nur für die digitale Schulentwicklung, sondern für alle Bereiche der Schulentwicklung.
Eugen Hoffeld: Und wichtig ist, dass dieser Austausch von allen als wirksam erlebt wird und nicht als Pflichttermin und Zeitverschwendung.
Fehler gelten schnell als Scheitern. Dabei sollten sie ein Anlass sein, gemeinsam genauer hinzuschauen.
Was sind die größten Herausforderungen auf diesem Weg?
Lena Jochmann: Eine große Hürde ist unsere Fehlerkultur. Fehler gelten schnell als Scheitern. Dabei sollten sie ein Anlass sein, gemeinsam genauer hinzuschauen. Außerdem vergessen wir oft, Dinge, die gelingen, auch zu feiern.
Eugen Hoffeld: Im Rahmen des Projekts haben wir gesehen: Der Schulaufsicht fehlt oft noch das Verständnis dafür, dass Beraten, Unterstützen und Begleiten zu ihrer Rolle gehören. Es gibt zwar das Zielbild der Bildungsministerkonferenz, aber noch nicht überall ist dieses etabliert.
Was könnte helfen, damit dieses Selbstverständnis wächst?
Lena Jochmann: Es braucht nächste Schritte, damit so eine Verantwortungsgemeinschaft gelebt wird. Es sollte zum Beispiel selbstverständlich sein, dass Schulaufsicht und Schulleitung gemeinsam Zielvereinbarungen treffen, sich dazu regelmäßig austauschen und gemeinsam reflektieren.
Eugen Hoffeld: Es müsste mehr solcher Austauschräume geben und sie sollten alle Schulaufsichten erreichen.
Lizenzhinweis
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Annette Kuhn
Sie dürfen das Material unter Nennung der Lizenz CC BY 4.0 und des Urhebers nutzen und weiterentwickeln.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken oder Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.