Digitale Souveränität ist längst zu einem bildungspolitischen Ziel geworden. Doch wie lässt sie sich messen? Ein neuer Score aus München und schulische Praxisbeispiele aus Lübeck und dem Landkreis Harz liefern erste Antworten.

Im Katharineum zu Lübeck treffen dunkelrote Backsteinmauern und hohe Gotikfenster auf einen modernen Schulbetrieb. Hinter den dicken Klostermauern des ältesten Gymnasiums Lübecks wird seit fast 500 Jahren unterrichtet. Im Inneren finden sich historische Klosternischen und schwere Eichentüren, daneben zeitgemäße Whiteboards und schlanke Linux-Computer. Bereits seit 2009 arbeitet das gesamte pädagogische Netzwerk der Schule vollständig mit Open-Source-Software.

Vorangetrieben hat die Umstellung Frank Poetzsch-Heffter. Der stellvertretende Schulleiter kam 2001 ans Katharineum und übernahm dort die Verantwortung für die IT-Systeme. Seinen ersten Linux-Computerraum hatte er vier Jahre zuvor an einer anderen Schule eingerichtet. Am Anfang waren es vor allem praktische Gründe. „Windows schränkt die Administrator:innen sehr stark ein und schafft Abhängigkeiten“, sagt Poetzsch-Heffter. Unter Linux ließen sich Systeme leichter kopieren, verändern und auf neue Rechner übertragen.

Was zunächst eine technische Entscheidung war, gewann bald auch eine pädagogische Dimension. In offenen Systemen könne er mit Schüler:innen besser nachvollziehen, wie Programme geschrieben sind und wie sie sich verändern lassen. Geschlossene Systeme ließen dagegen oft nur die Auswahl zwischen verschiedenen Hersteller-Optionen zu. „Letztendlich hat man kaum die Möglichkeit, in die Systeme reinzuschauen und sie zu verstehen.“

„Digitale Souveränität meint nicht Autarkie“

Heute würde man Poetzsch-Heffters Anspruch unter einem Begriff zusammenfassen: digitale Souveränität. Der Begriff steht längst in politischen Strategien, Förderprogrammen und Konferenzpapieren. Geopolitische Spannungen haben die Abhängigkeit Europas von großen amerikanischen und chinesischen Technologiekonzernen offengelegt. Digitale Souveränität soll Unabhängigkeit sichern, Kontrolle über Daten ermöglichen, offene Standards fördern und eigene Gestaltungsspielräume erhalten. Doch wie digital souverän können Schulen werden? Und wie lässt sich Souveränität messen?

Souveränität bedeutet für mich, selbst entscheiden zu können, auf welche Angebote ich zugreife.

Laura Dornheim
Chief Digital Officer, Stadt München

Rund 640 Kilometer Luftlinie südlich von Lübeck versucht die Stadt München, sich diesen Fragen zu nähern. Als IT-Referentin und Chief Digital Officer verantwortet Laura Dornheim die Digitalisierung der Münchner Stadtverwaltung. Ihr Referat betreibt außerdem die IT der städtischen und staatlichen Schulen in München. „Souveränität meint nicht Autarkie“, rückt Dornheim ein häufiges Missverständnis gerade. Eine Verwaltung müsse nicht jedes Programm selbst entwickeln oder ihre Server selbst zusammenbauen. Sie dürfe Verträge schließen und mit Unternehmen kooperieren. Nur dürfe daraus keine Alternativlosigkeit entstehen. „Souveränität bedeutet für mich, selbst entscheiden zu können, auf welche Angebote ich zugreife.“

Auch die Gleichsetzung von Open Source mit digitaler Souveränität hält Dornheim für zu einfach. „Open Source spielt eine wichtige Rolle bei der Frage nach digitaler Souveränität“, sagt sie, „ist aber lange nicht der einzige Faktor.“ Freie Software könne Abhängigkeiten verringern, garantiere aber nicht automatisch einen souveränen Betrieb. Umgekehrt sei ein Produkt nicht allein deshalb problematisch, weil es aus den USA komme. Auch ein deutsches Unternehmen könne eine marktbeherrschende Stellung besitzen und seine Kund:innen so eng an sich binden, dass ihnen faktisch keine Wahl bleibe.

Souveränität auf einer Skala von eins bis fünf

Wie aber lässt sich digitale Souveränität messen? Vor mehr als einem Jahr beauftragte Dornheim ein Team, nach einem praxistauglichen Prüfverfahren zu suchen. Das Team fand wissenschaftliche Arbeiten und umfangreiche Strategiepapiere – aber kein Instrument, mit dem eine Kommune ihre digitale Souveränität unmittelbar messen konnte. Also entwickelte das IT-Referat kurzerhand selbst einen Souveränitäts-Check, wissenschaftlich begleitet von der Technischen Universität München.

Der Score nimmt verschiedene Kriterien der Softwarenutzung in den Blick: unter anderem Hersteller- und Anbieterabhängigkeiten, Wechselmöglichkeiten, Open Source, standardisierte Schnittstellen und Dateiformate. Dafür verdichtete das IT-Referat bestehende wissenschaftliche Ansätze zu einem kompakten Fragenkatalog mit quantitativer Bewertung.  Jeder untersuchte Dienst erhält einen Wert zwischen eins und fünf – von hochgradig souverän bis nicht souverän. „Eine schlechte Note bedeutet nicht, dass ein Programm unbrauchbar oder unsicher ist“, erklärt Dornheim. Sie zeige, dass die Stadt wenig Kontrolle besitzt, stark an einen Anbieter gebunden ist oder kaum realistische Alternativen hat.

Ein offener Souveränitäts-Check unter freier Lizenz

Der Check ist bewusst als übertragbares Werkzeug angelegt: München hat die Methodik unter einer freien Lizenz veröffentlicht, sodass andere Verwaltungen, Schulträger oder Schulen sie übernehmen und anpassen können. Gemessen wird dabei nicht nur die Unabhängigkeit von einem Anbieter, sondern auch die Steuerbarkeit eines Dienstes: Wie viel Einfluss besitzt die Organisation auf Betrieb, Weiterentwicklung und Daten?

Im September und Oktober 2025 wählte die Stadt München aus ihren eigenen Anwendungsservices 194 besonders geschäftskritische Dienste aus und bewertete sie. Die Einzelergebnisse seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, insgesamt falle die Bilanz aber durchaus passabel aus. Dornheim versteht die Auswertung weniger als Zeugnis denn als Landkarte: Der Score zeige, wo die Stadt bereits Handlungsspielräume besitzt, wo sie nach Alternativen suchen kann und wo sie Abhängigkeiten vorerst hinnehmen muss. „Aus dem Bauchgefühl, dass wir gut aufgestellt sind, sind nun nachvollziehbare Ergebnisse geworden.“

Für die Münchner Schulen hat die Stadt den Score noch nicht gesondert berechnet. Dornheim hält eine Übertragung auf den Bildungsbereich aber für relevant. „Schulen verarbeiten sensible Daten, kaufen mit Steuergeld Lizenzen und führen Kinder früh an digitale Werkzeuge heran“, fasst sie zusammen. Für große Anbieter sind Schulen damit ein strategisch wichtiger Ort: Was im Klassenzimmer zum Standard wird, erscheint oft auch im Studium und im Beruf als alternativlos.

Landkreis Harz: Wenn der Schulträger die Kontrolle behält

Statt auf die Initiativen einzelner Schulen setzt der Landkreis Harz bei digitaler Souveränität auf eine gemeinsame Strategie: In Halberstadt laufen die technischen Fäden von 33 Schulen an insgesamt 42 Standorten an einem Ort zusammen: Rund 11.000 Geräte werden über eine gemeinsame Open-Source-Infrastruktur verwaltet. Der Landkreis behält den Überblick darüber, wohin die Daten fließen, und kann die Systeme grundsätzlich zu einem anderen Anbieter umziehen. Technische Grundlage ist Puavo, eine Open-Source-Plattform für schulische Geräte und Benutzerkonten.

„Digitalisierung ist für uns kein Technikprojekt, sondern ein Bildungsprojekt“, sagt Carolin Becker, Amtsleiterin für Schulverwaltung und Bildung. Der Landkreis wolle Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Schulen „zuverlässig, sicher, digital, nachhaltig, bildungsgerecht und unabhängig arbeiten können – heute und auch zukünftig“. Mehr als sieben Millionen Euro investierte der Schulträger nach eigenen Angaben daher in Glasfaseranschlüsse, WLAN, Firewalls, Hardware, offene Lehr- und Lernplattformen und den Aufbau einer eigenen Schul-IT. Das Geld kam aus dem DigitalPakt Schule, weiteren Investitionsprogrammen und dem Kreishaushalt.

Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um strategische Unabhängigkeit.

Carolin Becker
Amtsleiterin für Schulverwaltung und Bildung, Landkreis Harz

Der Weg dorthin begann 2019 mit einem groß angelegten Testlauf. Die Schul-IT testete verschiedene Open-Source-Systeme zunächst an Pilotschulen. Lehrkräfte und Schüler:innen wurden in die Bewertung einbezogen. Erst nach rund einem Jahr fiel die Entscheidung auf Puavo, ein freies, auf Linux basierendes Betriebs- und Verwaltungssystem, das speziell für den Einsatz an Schulen entwickelt wurde. „Der Schulträger hat sich nicht für Open Source entschieden, weil es Open Source ist – sondern weil es die beste Lösung für unsere Schulen war.“ Auch Microsoft-Produkte hätten ihre Berechtigung, sagt Becker. „Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um strategische Unabhängigkeit.“ Ende 2020 wurde der Vertrag mit Puavo geschlossen, 2021 begann der flächendeckende Rollout.

Open Source: Einfacher Betrieb und Kontrolle über Daten

Seit die Schulen im Landkreis Harz auf die gemeinsame Open-Source-Infrastruktur umgestellt wurden, hat sich der Betrieb an vielen Stellen vereinfacht: Neue Geräte können kurzfristig eingerichtet werden, Sicherheitsupdates müssen nicht mehr an jeder Schule einzeln organisiert werden. Weil das Betriebssystem geringere Anforderungen an die Hardware stellt, lassen sich zudem ältere Rechner länger nutzen. Die Laptop-Klassensätze bestehen deshalb zum Teil aus gebrauchten Businessgeräten. So bleiben Mittel für neue Ausstattung, Support und pädagogische Entwicklung.

Zur digitalen Unabhängigkeit gehört im Harz auch die Kontrolle über die eigenen Daten. Der Landkreis weiß, wo sie gespeichert und verarbeitet werden. Schüler:innen erhalten eine eigene E-Mail-Adresse und einen Cloudspeicher, auf den sie auch außerhalb der Schule zugreifen können.

Dahinter steht eine Schul-IT mit eigenem Personal: Sechs Mitarbeitende betreuen gemeinsam mit einem Dienstleister rund 11.000 Geräte und 17.000 Nutzende. Für Geräteverwaltung, Benutzerkonten, Cloud, Videokonferenzen, Datensicherung und E-Mail fallen laut netzpolitik.org derzeit etwa 700.000 Euro pro Jahr an. Open Source ist also nicht kostenlos. Der Landkreis bezahlt jedoch nicht allein für die Nutzung eines Produkts, sondern für eine Infrastruktur, die er selbst kontrollieren und weiterentwickeln und bei Bedarf zu einem anderen Anbieter übertragen kann.

Technische Souveränität reicht nicht aus

Doch eine souveräne Infrastruktur macht noch keine souveränen Nutzer:innen. Das zeigt sich am Katharineum in Lübeck. Dort wollte der stellvertretende Schulleiter Frank Poetzsch-Heffter vor Kurzem von seinen Schüler:innen wissen, ob sie verstanden hätten, weshalb ihre Schule mit Linux arbeitet. Die interne Umfrage fiel ernüchternd aus. „Die nutzen einfach das, was da ist“, sagt er. „Wenn da ein Linux läuft, läuft da ein Linux.“ Dass hinter freier und proprietärer Software unterschiedliche Modelle und auch Weltanschauungen stehen, werde von vielen kaum reflektiert. „Was für ein Konstrukt dahinter steht, ist den meisten Schüler:innen gar nicht klar.“

Was für ein Konstrukt dahinter steht, ist den meisten Schüler:innen gar nicht klar.

Frank Poetzsch-Heffter
Stellvertretende Schulleiter, Katharineum zu Lübeck

Wie digitale Souveränität auch pädagogisch wirksam werden kann, zeigt dagegen die Computer-AG. Rund zehn Schüler:innen übernehmen dort Aufgaben im First-Level-Support, bearbeiten Fehler und arbeiten direkt an den Systemen. Sie erleben, dass Software etwas ist, das sich untersuchen, verändern und reparieren lässt. Einige nutzen inzwischen auch auf ihren privaten Geräten Linux. Erst durch diese praktische Auseinandersetzung seien Reflexionen über Datenhoheit, Sicherheit und Abhängigkeiten entstanden.

Wenn das Wissen mit einer Person geht

Bleibt die Frage, wie nachhaltig das Wissen über digitale Souveränität im Bildungssystem verankert ist. Poetzsch-Heffter geht demnächst in den Ruhestand – und damit wird sichtbar, wie fragil digitale Souveränität sein kann, wenn Wissen und Verantwortung wesentlich an einer einzelnen Person hängen. Schon heute orientiert sich die Schule bei Lern- und Stundenplanplattformen wieder stärker an zentral bereitgestellten, teils proprietären Lösungen des Landes.

Für Poetzsch-Heffter müsste ein Souveränitäts-Score deshalb auch erfassen, ob Wissen und Verantwortung dauerhaft in einer Schule oder bei ihrem Schulträger verankert sind. „Ich wünsche mir, dass das in den Entscheidungsebenen gesehen wird“, sagt er, „und dass sich mehr bewegt, als das in den letzten zehn Jahren passiert ist.“

Über die Autorin

Anja Reiter

Anja Reiter arbeitet als freie Journalistin in München, vor allem zu Bildungs-, Umwelt-, Digitalisierungs- und Gesellschaftsthemen. Sie schreibt nicht nur, sondern moderiert auch Podiumsdiskussionen, gibt Workshops für den journalistischen Nachwuchs und hilft bei der Konzeption von Magazinen. Außerdem ist sie Mit-Autorin der „Freienbibel 2“, dem Praxishandbuch für freie Journalist:innen.

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