Junge Menschen wachsen in einer Öffentlichkeit auf, die schneller, digitaler und konfliktreicher geworden ist. Demokratiebildung muss darauf reagieren. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen: Wann werde ich gehört, wobei kann ich mitentscheiden, wann muss ich Widerspruch aushalten und wie lerne ich, gemeinsam Lösungen zu finden?
Demokratie beginnt für viele Jugendliche morgens noch vor dem ersten Klingeln. Im Klassenchat kursiert ein Video zum Krieg. Eine Künstliche Intelligenz (KI) beantwortet die Frage, welche Partei am besten zur eigenen Position passt. Noch bevor die erste Unterrichtsstunde beginnt, haben Schüler:innen Informationen bewertet, Positionen bezogen und selbst Öffentlichkeit hergestellt. Demokratiebildung beginnt deshalb längst nicht mehr erst im Politikunterricht. Und sie endet nicht beim Klassenrat. Häufig berichten Lehrkräfte, Schüler:innen seien weniger politikinteressiert und auch der Klassenrat laufe schleppend an.
Die Shell Jugendstudie 2024 zeigt dagegen ein steigendes politisches Interesse. Gleichzeitig erleben viele Jugendliche eine deutliche Lücke zwischen dem Wunsch, sich einzubringen, und den eigenen Einflussmöglichkeiten. In der Vodafone-Jugendstudie von 2022 gaben nur 29 Prozent der 14- bis 24-Jährigen an, das Gefühl zu haben, Politik beeinflussen zu können, obwohl zwei Drittel ihre Generation als eine wahrnahmen, die politisch etwas verändern möchte. Auch die SINUS-Jugendstudie 2024 beschreibt „gefühlte Einflusslosigkeit“ als einen wichtigen Grund für Distanz zu Politik und Beteiligung. Jugendliche wollen gehört und ernst genommen werden, erleben aber gerade Erwachsene häufig als Barriere für Mitsprache und Mitgestaltung.
Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche ihre Meinung bilden, haben sich verändert. Politische und gesellschaftliche Themen begegnen ihnen im Feed, im Klassenchat, in Videos, Memes und Kommentaren. Algorithmen entscheiden mit darüber, was sichtbar wird. Generative KI liefert in Sekunden Antworten, die plausibel klingen, aber nicht zwangsläufig richtig sind. Gleichzeitig können junge Menschen selbst Inhalte veröffentlichen, sich vernetzen, Unterstützer:innen für ihre Anliegen finden und Debatten anstoßen.
Demokratiebildung braucht ein Upgrade
Das ist zunächst weder gut noch schlecht. Es beschreibt die Realität einer Kultur der Digitalität, in der Kommunikation, Gemeinschaft und Öffentlichkeit anders funktionieren als noch vor wenigen Jahren. Deutlich wird: Demokratiebildung braucht ein Upgrade. Nicht weil sich die Grundidee der Demokratie verändert hätte, sondern weil sich die Räume verändert haben, in denen Demokratie stattfindet.
Wenn wir über Demokratiebildung sprechen, denken wir häufig zuerst an den Politikunterricht, an die Wahl der Klassensprecher:innen, an Schüler:innenvertretungen oder den Klassenrat. Aber sie bilden nur einen Ausschnitt der Erfahrungen ab, die junge Menschen heute mit Öffentlichkeit, Beteiligung und Konflikten machen. Schüler:innen sind in diesen Räumen nicht nur Konsument:innen. Sie stellen selbst Öffentlichkeit her.
Demokratiebildung braucht ein Upgrade. Nicht weil sich die Grundidee der Demokratie verändert hätte, sondern weil sich die Räume verändert haben, in denen Demokratie stattfindet.
Wenn wir über Demokratiebildung sprechen, denken wir häufig zuerst an den Politikunterricht, an die Wahl der Klassensprecher:innen, an Schüler:innenvertretungen oder den Klassenrat. Aber sie bilden nur einen Ausschnitt der Erfahrungen ab, die junge Menschen heute mit Öffentlichkeit, Beteiligung und Konflikten machen. Schüler:innen sind in diesen Räumen nicht nur Konsument:innen. Sie stellen selbst Öffentlichkeit her.
Es reicht daher nicht zu fragen, was junge Menschen über Demokratie wissen müssen. Wir müssen auch fragen, was sie können und vor allem erfahren sollten, damit sie sich in einer solchen Öffentlichkeit demokratisch bewegen können. Für uns führt diese Frage zu drei demokratischen Kompetenzen, die zunächst eher unspektakulär klingen: Zuhören – Teilhaben – Aushandeln.
Zuhören, Teilhaben und Aushandeln sind keine bloßen Kommunikationsregeln, sondern der Kern demokratischer Erfahrung. Wer wirklich zuhört, lernt, eine fremde Perspektive ernst zu nehmen, statt sie vorschnell zu bewerten. Wer teilhat, erlebt, dass die eigene Stimme tatsächlich etwas verändert – nicht nur gefragt, sondern gehört wird. Und wer aushandelt, übt genau das, was Demokratie im Kern ausmacht: mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen, ohne dass eine Seite die andere übergeht. Alle drei Kompetenzen lassen sich nicht auswendig lernen, sondern werden nur im Tun erfahrbar.
Demokratie lernt man, indem man sie praktiziert
Schüler:innen können sehr genau erklären, wie eine demokratische Wahl funktioniert, und gleichzeitig erleben, dass in ihrem eigenen Schulalltag fast alle relevanten Entscheidungen von Erwachsenen getroffen werden. Sie können die Bedeutung von Meinungsfreiheit beschreiben, ohne je erfahren zu haben, dass eine unbequeme eigene Position tatsächlich gehört wird. Und sie können lernen, was ein Kompromiss ist, ohne selbst einen aushandeln zu müssen. Genau hier wird Demokratiebildung zu einer Frage der Lernkultur.
Der Klassenrat und die Schüler:innenvertretung sind wichtig. Der größte Teil des Schullebens findet jedoch im Unterricht statt. Dort entscheiden Erwachsene täglich über Themen, Aufgaben, Arbeitsweisen, Zeit und Bewertung. Nicht jede dieser Entscheidungen kann gemeinsam getroffen werden. Interessanter ist die Frage: Bei welcher könnte man es?
Demokratische Erfahrung entsteht dort, wo Schüler:innen nicht nur Adressat:innen pädagogischer Entscheidungen sind. Sie müssen Gelegenheiten bekommen, eine eigene Position zu entwickeln, gehört zu werden, Entscheidungen zu beeinflussen und Verantwortung für deren Folgen zu übernehmen. In unserem Buch „Upgrade: Demokratie lernen“ (Ahl & Poitzmann 2026) beschreiben wir dafür drei zentrale Kompetenzen. Zuhören, Teilhaben und Aushandeln sind keine Zusatzaufgaben, die in einem zusätzlichen Fach gelernt werden müssen. Sie können Teil der Art und Weise werden, wie Unterricht ohnehin stattfindet.
Praxisbeispiel: Trialoge
Die Trialoge, initiiert von Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann, bringen jüdisch-israelische und palästinensische Perspektiven zum Nahostkonflikt in die Schule. In moderierten Gesprächen können Schüler:innen Emotionen und Positionen äußern, unterschiedliche Perspektiven hören und Widersprüche aushalten. Shai Hoffmann beschreibt die dahinterliegende Haltung so: „Wir müssen wieder lernen, wirklich zuzuhören – nicht nur zu antworten, um Recht zu haben.“ (Ahl & Poitzmann 2026)
Gerade bei emotionalen und polarisierten gesellschaftlichen Themen kann es sinnvoll sein, externe Unterstützung in die Schule zu holen. Die Trialoge zum Nahostkonflikt zeigen, wie solche Gesprächsräume gestaltet werden können: erst zuhören und verstehen, dann gemeinsam mit einer Moderation einordnen und reflektieren. So wird Zuhören innerhalb des Klassenraums als Safe Space selbst zur demokratischen Kompetenz.
Mehr anzeigen
Zuhören ist keine Nebenkompetenz
Zuhören bedeutet mehr als zu schweigen, solange jemand anderes spricht. Es heißt, die Perspektive eines anderen Menschen zunächst verstehen zu wollen, nachzufragen und einen Gedanken wiedergeben zu können, bevor wir ihn bewerten. Zuhören, um zu verstehen und nicht vorrangig, um zu antworten. Vor allem heißt es, Verstehen nicht mit Zustimmung zu verwechseln.
Das ist in Kommunikationsräumen, die schnelle Reaktionen belohnen, nicht selbstverständlich. Schule kann dazu einen Gegenraum bieten. Gedanken dürfen hier auch einmal unfertig sein. Nicht die schnellste Wortmeldung muss gewinnen. Eine einfache Regel kann beispielsweise lauten: Eine andere Position erst so wiederzugeben, dass das Gegenüber sagen kann: „Ja, genau das meinte ich“ – und erst danach zustimmen oder widersprechen.
Teilhaben heißt: Meine Stimme hat Folgen
Beteiligung gehört inzwischen zum Selbstverständnis vieler Schulen. Schüler:innen werden befragt, stimmen ab, arbeiten in Gremien oder bringen Ideen ein. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Zwischen „Wir fragen euch nach eurer Meinung“ und tatsächlicher Teilhabe liegt ein Unterschied. Wer zwischen drei bereits festgelegten Varianten wählen darf, beteiligt sich. Der Entscheidungsspielraum bleibt aber begrenzt. Eine gute Orientierung bietet die Partizipationsleiter nach Hart (1997). Es geht um transparente und ernst gemeinte Entscheidungsspielräume. Können Schüler:innen Lernwege wählen oder Regeln mitentwickeln? Gibt es Fragen, bei denen ihre Perspektive nicht nur angehört wird, sondern eine Entscheidung tatsächlich verändert?
Digitale Werkzeuge können solche Prozesse unterstützen. Gerade Schüler:innen, die sich in großen Gesprächsrunden selten melden, finden darüber mitunter einen leichteren Zugang. Gleichzeitig sollte die jeweilige digitale Methode nicht mit Beteiligung verwechselt werden. Entscheidend ist am Ende, dass aus Beteiligung echte Teilhabe mit spürbaren Konsequenzen für die Entscheidung wird.
Praxisbeispiel: ZDF-Format UNBUBBLE
Das ZDF-Format UNBUBBLE bringt Menschen mit unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Positionen zu gesellschaftlichen Streitfragen miteinander ins Gespräch. Ziel ist nicht, Unterschiede aufzulösen, sondern verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen und genau dann einen konstruktiven Austausch zu ermöglichen.
Das lässt sich auch im Unterricht umsetzen: Die Schüler:innen positionieren sich zu einer kontroversen Frage im Raum. Anschließend begründen sie ihre Position, hören andere Argumente und dürfen ihren Standort verändern, wenn ein Argument sie überzeugt. Dabei muss am Ende kein Konsens stehen.
Mehr anzeigen
Aushandeln: Demokratie wird interessant, wenn wir uns nicht einig sind
Wir assoziieren gelingende Zusammenarbeit gern mit Harmonie. Demokratie braucht jedoch gerade für die Situationen Verfahren, in denen das nicht gelingt.
Soll das Smartphone im Unterricht genutzt werden dürfen? Nach welchen Regeln verwenden wir KI? Was empfinden wir als faire Leistungsbewertung? Bei solchen Fragen reicht es nicht, nacheinander Meinungen einzusammeln. Wenn Interessen kollidieren, müssen sie miteinander ausgehandelt werden. Mehrheiten spielen dabei eine Rolle, aber ebenso Minderheiten. Manchmal entsteht ein Kompromiss, manchmal bleibt Dissens bestehen. Und manchmal müssen Einzelne eine gemeinsam getroffene Entscheidung mittragen, obwohl sie nicht deren Wunschlösung entspricht.
Dabei ist nicht alles verhandelbar. Menschenwürde und Grundrechte markieren Grenzen. Demokratiepädagogik bedeutet nicht, jede Position als gleichwertig zu behandeln. Gerade im Umgang mit kontroversen und diskriminierenden Aussagen brauchen Schüler:innen Lehrkräfte, die Diskussion ermöglichen und zugleich den demokratischen Rahmen kenntlich machen.
Wenn KI antwortet, brauchen wir demokratische Urteilskraft
Mit generativer KI verschiebt sich eine zentrale Aufgabe von Schule. Lange bestand eine Herausforderung darin, geeignete Informationen zu finden. Heute bekommen Schüler:innen auf viele Fragen innerhalb weniger Sekunden eine ausformulierte Antwort.
Die eigentliche Arbeit beginnt damit häufig erst. Wer sagt das? Worauf stützt sich eine Aussage? Welche Perspektive fehlt? Solche Fragen gehören zur Medienbildung, aber ebenso zur Demokratiebildung. Denn politische Urteilsfähigkeit setzt voraus, Informationen nicht nur aufnehmen, sondern einordnen zu können. Dazu braucht es Wissen, Quellenkritik und ein Bewusstsein dafür, dass auch scheinbar neutrale Antworten Perspektiven enthalten.
KI kann dafür selbst zum Lerngegenstand werden. Zwei Sprachmodelle beantworten dieselbe politische Frage. Warum unterscheiden sich die Antworten, welche Argumente sind belastbar? Die zentrale Kompetenz besteht dann nicht darin, möglichst geschickt eine KI-Antwort zu produzieren. Schüler:innen brauchen zunehmend eine demokratische Urteilskraft, die ihnen hilft, mit der Fülle und der scheinbaren Eindeutigkeit digital verfügbarer Informationen umzugehen und sie richtig einzuordnen.
Das eigentliche Upgrade betrifft die Lernkultur
Damit kommen wir zu einem Widerspruch, den Schule nicht einfach durch ein neues Unterrichtsthema auflösen kann. Wir können Schüler:innen nur schwer vermitteln, wie wichtig Teilhabe ist, wenn ihr Alltag davon geprägt ist, dass Erwachsene fast alles für sie entscheiden. Wir können sie kaum zum kritischen Denken ermutigen, wenn Aufgaben vor allem darauf zielen, die erwartete Antwort zu finden. Und Aushandeln lässt sich schlecht lernen, wenn Konflikte ausschließlich als Unterrichtsstörung gelten.
Das wichtigste Upgrade der Demokratiebildung ist deshalb gar kein digitales: Es betrifft die Lernkultur. Eine demokratische Lernkultur braucht Räume, in denen Zweifel erlaubt sind und eine Meinungsänderung nicht als Schwäche gilt. In denen nicht immer dieselben Menschen reden und Schüler:innen Verantwortung übernehmen können. Dazu gehört auch, dass Lehrkräfte nicht jede Situation kontrollieren und nicht jede Diskussion mit einem vorher feststehenden Ergebnis beginnen.
Schule ist gerade deshalb ein demokratisch kostbarer Ort, weil dort Menschen zusammenkommen, die sich nicht ausgesucht haben, nicht dasselbe denken und trotzdem miteinander einen gemeinsamen Ort gestalten müssen.
Als „Ort für alle“ haben Schulen besondere demokratische Relevanz
Schule sollte junge Menschen nicht nur auf eine spätere demokratische Teilhabe vorbereiten. Sie ist selbst ein Ort, an dem Demokratie täglich erfahren werden kann.
Dazu gehört, dass Schüler:innen erleben, dass ihre Stimme zählt. Dass sie anderen zuhören können, obwohl sie anderer Meinung sind. Dass Widerspruch möglich ist, ohne das Gegenüber abzuwerten. Dass Interessen ausgehandelt und Entscheidungen gemeinsam getragen werden. Und auch, dass sie lernen, Informationen kritisch zu prüfen und digitale Öffentlichkeit verantwortlich mitzugestalten.
Das alles ist nicht immer harmonisch. Schule ist einer der wenigen Orte unserer Gesellschaft, an denen sehr unterschiedliche Menschen über lange Zeit verbindlich miteinander auskommen müssen. Darin liegt eine Chance, die in der Diskussion über Demokratiebildung häufig unterschätzt wird. Schule ist gerade deshalb ein demokratisch kostbarer Ort, weil dort Menschen zusammenkommen, die sich nicht ausgesucht haben, nicht dasselbe denken und trotzdem miteinander einen gemeinsamen Ort gestalten müssen.
Ahl K. & Poitzmann, N. (2026): Upgrade: Demokratie lernen – Zuhören – Teilhaben – Aushandeln. Hannover: Klett Kallmeyer
Hart, R. (1997): Children’s Participation – The Theory and Practice of Involving Young Citizens in Community Development and Environmental Care. New York: UNICEF
Lizenzhinweis
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Kati Ahl & Nikola Poitzmann
Sie dürfen das Material unter Nennung der Lizenz CC BY 4.0 und des Urhebers nutzen und weiterentwickeln.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken oder Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.