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Gesundes Aufwachsen in der digitalen Welt ist eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe

7 | 1. Juli 2026

Pauschale Verbote oder freier Zugang? Beides greift zu kurz. Ob digitale Medien die Entwicklung junger Menschen fördern oder belasten, entscheidet das Zusammenspiel von digitaler Umwelt, sozialem Umfeld und individuellen Kompetenzen – und damit auch die Schule.

Online-Plattformen und KI-gestützte Chatbots sind zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen geworden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Auswirkungen ihre Nutzung auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Gesundheit junger Menschen hat – zumal sich die psychische Gesundheit der jungen Generation in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Ein Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien liegt nahe, ist bislang jedoch nicht abschließend geklärt.

Die Untersuchungen der vergangenen zehn Jahre machen deutlich, dass digitale Medien weder grundsätzlich gesundheitsförderlich noch grundsätzlich gesundheitsschädlich sind. Es lassen sich sowohl positive als auch negative Zusammenhänge feststellen. Online-Plattformen und Chatbots können vielfältige Möglichkeiten für soziale Unterstützung, Kreativität, Zugehörigkeit, Information und emotionale Entlastung eröffnen. Gleichzeitig zeigen sich Nutzungsformen, die durch zeitliche Entgrenzung, dauernden sozialen Vergleich, emotionalen Konkurrenzdruck, Kontrollverlust oder passiven Konsum gekennzeichnet sind.

Eine Million junge Menschen sind nach Schätzungen von schweren und dauerhaften Beeinträchtigungen betroffen, rund 300.000 weisen sogar Anzeichen eines suchtartigen Nutzungsverhaltens auf.

Klaus Hurrelmann

Für die große Mehrheit der Jugendlichen sind digitale Medien ein förderlicher Bestandteil des Alltags. Auch bei intensiver Nutzung kommt es in der Regel nicht zu gravierenden Problemen. Bei etwa 30 Prozent lassen sich dagegen problematische Zusammenhänge erkennen: von Konzentrations- und Leistungseinbußen über Unsicherheiten in sozialen Beziehungen bis hin zu suchtgefährdenden Verhaltensmustern. Eine Million junge Menschen sind nach Schätzungen von schweren und dauerhaften Beeinträchtigungen betroffen, rund 300.000 weisen sogar Anzeichen eines suchtartigen Nutzungsverhaltens auf.

Diese Unterschiede machen deutlich, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob digitale Medien grundsätzlich gut oder schlecht sind. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen sie die Entwicklung fördern und unter welchen sie zum Risiko werden.

Die Diskussion um ein Verbot des Zugangs

Besonders intensiv wird derzeit die Forderung diskutiert, die Nutzung digitaler Medien für junge Menschen bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich einzuschränken oder zu verbieten. Befürworter:innen eines Verbots führen drei Argumente an: Erstens trage der Staat gegenüber Minderjährigen eine besondere Verantwortung und müsse bei einer Suchtgefahr digitaler Plattformen ähnlich handeln wie bei Alkohol oder Glücksspiel. Zweitens brauche es angesichts der strukturellen Machtasymmetrie zwischen jungen Menschen und Plattformbetreibern einen Schutz vor Manipulation und Kontrollverlust. Drittens könnten Plattformen Polarisierung, Desinformation und Radikalisierung begünstigen, weswegen Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt geschützt werden müssten.

Digitale Medien sind jedoch zu einem zentralen Bestandteil der Lebenswelt junger Menschen geworden. Ein Ausschluss würde sie von einem wichtigen Erfahrungsraum ihrer Generation fernhalten.

Klaus Hurrelmann

Digitale Medien sind jedoch zu einem zentralen Bestandteil der Lebenswelt junger Menschen geworden. Ein Ausschluss würde sie von einem wichtigen Erfahrungsraum ihrer Generation fernhalten. Zudem entsteht digitale Mündigkeit nicht durch Abschirmung, sondern muss durch Erfahrung erworben werden. Auch die praktische Durchsetzbarkeit ist zweifelhaft. Zuletzt würde sich ein Verbot unterschiedslos an alle Kinder und Jugendlichen richten – ohne zwischen der großen Mehrheit, die digitale Medien kompetent nutzt, und jener Minderheit, bei der Überforderung oder gesundheitliche Belastungen auftreten, zu unterscheiden. Damit lenkt es von der entscheidenden Frage ab: Welche Bedingungen entscheiden darüber, ob digitale Erfahrungen die Entwicklung fördern oder beeinträchtigen?

Bedeutung digitaler Medien für die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter

Eine Antwort bietet das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung, das Entwicklung als aktiven Prozess begreift. Heranwachsende sind keine passiven Empfänger:innen äußerer Einflüsse, sondern setzen sich fortlaufend mit den Anforderungen ihrer Umwelt auseinander und versuchen, diese mit ihren individuellen Voraussetzungen in Einklang zu bringen. Entwicklung gelingt, wenn innere und äußere Realität produktiv aufeinander bezogen werden.

Die äußere Realität ist heute stärker als je zuvor durch digitale Medien geprägt, wodurch sich die Anforderungen an die Realitätsverarbeitung verändern. Digitale Kommunikationsräume erzeugen durch permanente Erreichbarkeit, hohe Informationsdichte und ständige Sichtbarkeit sozialer Beziehungen einen dauerhaften Strom von Reizen und Vergleichen, der hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und emotionale Stabilität stellt.

Eine unterstützende Familie und vertrauensvolle Beziehungen wirken als Schutzfaktoren, ebenso Selbstvertrauen, emotionale Stabilität und die Fähigkeit zur Selbstregulation.

Klaus Hurrelmann

Ob diese Anforderungen produktiv verarbeitet werden, hängt von drei Faktoren ab: von der Beschaffenheit der Inhalte, vom sozialen Umfeld und von den persönlichen Voraussetzungen. Je stärker Inhalte auf emotionale Erregung setzen und durch Algorithmen verbreitet werden, die Aufmerksamkeit um jeden Preis binden sollen, desto anspruchsvoller wird ihre Verarbeitung. Eine unterstützende Familie und vertrauensvolle Beziehungen wirken als Schutzfaktoren, ebenso Selbstvertrauen, emotionale Stabilität und die Fähigkeit zur Selbstregulation.

Welche Folgen die Nutzung digitaler Medien hat, ergibt sich aus der Wechselwirkung zwischen den Anforderungen der digitalen Umwelt und den Ressourcen, die junge Menschen zu ihrer Bewältigung mitbringen. Eine nachhaltige Präventionsstrategie muss daher die Ressourcen junger Menschen und ihrer sozialen Umwelt so stärken, dass möglichst alle Kinder und Jugendlichen in die Lage versetzt werden, die Chancen der digitalen Welt zu nutzen, ohne an ihren Risiken zu scheitern.

Prävention durch Regulierung, Strukturierung und Kompetenzförderung

Folgt man diesem Ansatz, dann muss eine nachhaltige Präventionsstrategie an allen drei Faktoren ansetzen, die über die Qualität der Nutzung digitaler Medien entscheiden. Sie muss erstens die digitalen Umwelten und ihre Inhalte regulieren und begrenzen, zweitens die sozialen Kontexte stärken, in denen junge Menschen aufwachsen, und drittens ihre persönlichen Kompetenzen fördern.

Begrenzen: Die digitale Umwelt gestalten

Die Risiken digitaler Medien entstehen nicht allein aus dem Verhalten der Nutzer:innen, sondern in erheblichem Maße aus der Gestaltung digitaler Umwelten. Eine zukunftsorientierte Regulierung sollte deshalb Transparenz über algorithmische Prozesse schaffen, manipulative Designformen begrenzen, die Verantwortung der Plattformen für die sozialen Folgen ihrer Systeme stärken und monopolartige Machtkonzentrationen eindämmen. Mit dem Digital Services Act der Europäischen Union existiert bereits ein rechtlicher Rahmen für einen solchen Weg, allerdings wird dieser Rechtsrahmen bislang nur zögerlich genutzt.

Begleiten: Die sozialen Kontexte stärken

Ob digitale Anforderungen bewältigt werden können, hängt davon ab, welche Unterstützung und Struktur junge Menschen in ihrem Alltag erhalten. Die wichtigste Sozialisationsinstanz ist die Familie. Kinder und Jugendliche können digitale Herausforderungen besonders gut meistern, wenn sie Interesse, Orientierung und altersangemessene Freiräume erfahren. Neben der Familie kommt auch den Bildungsinstitutionen eine herausragende Bedeutung zu, da hier nahezu alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden können. Sie schaffen jene sozialen Räume, in denen digitale Erfahrungen eingeordnet, reflektiert und pädagogisch begleitet werden können.

Klare Regeln für die Nutzung digitaler Medien, geschützte Zeiten ohne permanente Erreichbarkeit, eine ausgewogene Verbindung von digitalen und analogen Lernformen sowie eine professionelle Unterstützung pädagogischer Fachkräfte tragen dazu bei, dass Selbststeuerung, Konzentrationsfähigkeit und soziale Kompetenz wachsen können. Von besonderer Bedeutung ist dabei die aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Gestaltung von Regeln.

Befähigen: Digitale Mündigkeit entwickeln

Langfristig entscheidend ist die Fähigkeit, mit den Anforderungen digitaler Lebenswelten selbstständig und verantwortlich umzugehen. Junge Menschen sollen zu selbstbestimmten Nutzer:innen und schließlich zu aktiven Gestalter:innen ihrer digitalen Umwelt werden. Sie müssen dazu befähigt werden, den Herausforderungen kompetent zu begegnen. Wo junge Menschen digitale Inhalte selbst gestalten und veröffentlichen, entstehen Erfahrungsräume für Verantwortung, Selbstwirksamkeit und demokratische Teilhabe. Gesundes Aufwachsen in der digitalen Welt wird damit zu einer Aufgabe der Bildung und zu einer gemeinsamen Verantwortung von Politik, Institutionen, Familien und den jungen Menschen selbst. Gerade in Schulen gehören digitale Grundbildung, Medien- und Informationskompetenz sowie der reflektierte Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu den zentralen Bildungsaufgaben des 21. Jahrhunderts.

Ziel muss es sein, die jungen Menschen dazu zu befähigen, diese Welt kompetent, selbstbestimmt und verantwortlich mitzugestalten.

Klaus Hurrelmann

Gemeinsame Verantwortung für die digitale Welt

Gesundes Aufwachsen in der digitalen Welt ist eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Kinder und Jugendliche benötigen digitale Erfahrungsräume, zugleich aber Schutz, Orientierung und die Möglichkeit, schrittweise digitale Mündigkeit zu entwickeln. Belastende und manipulative Strukturen digitaler Umwelten müssen daher dort begrenzt werden, wo sie entstehen. Familie, Kindertageseinrichtungen und Schulen müssen junge Menschen bei der Verarbeitung ihrer digitalen Erfahrungen begleiten. Und Kinder und Jugendliche selbst müssen befähigt werden, digitale Medien kritisch, selbstbestimmt und verantwortungsvoll zu nutzen. Diese drei Ebenen ergänzen einander, so würde etwa Begrenzung ohne Begleitung zu bloßer Kontrolle führen.

Dauerhaft wird dieser Schutz durch die Gestaltung der digitalen Umwelt, die Stärkung sozialer Kontexte und die Förderung persönlicher Ressourcen erreicht. Gesundes Aufwachsen in der digitalen Welt ist deshalb eine gemeinsame Verantwortung von Politik, Plattformanbietern, Bildungsinstitutionen, Familien und den jungen Menschen selbst. Ziel muss es sein, die jungen Menschen dazu zu befähigen, diese Welt kompetent, selbstbestimmt und verantwortlich mitzugestalten.

Über die Autor:innen

Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann ist Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik.

Lizenzhinweis

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Klaus Hurrelmann

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