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KI als Impuls für Schul- und Unterrichtsentwicklung: Warum auch Grundschulen profitieren können

  • Dr. Anika Limburg
  • Torsten Becker
6 | 15. April 2025

KI an Grundschulen weckt oft Befürchtungen: Droht Kindern Unterricht per „halluzinierendem Chatbot“? Doch was, wenn KI nicht Problem, sondern Lösung ist? Von individueller Förderung bis zur Kommunikation mit mehrsprachigen Familien – Künstliche Intelligenz eröffnet neue Chancen. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, wie KI die Grundschule bereichern kann.

Für Eltern dürfte es ein Schreckensbild sein: Ihre sieben- oder achtjährigen Kinder sitzen im Unterricht stundenlang vor einem halluzinierenden Chatbot – es bleibt völlig unklar, was und ob sie lernen. Auch manch Grundschullehrkraft teilt solche Bedenken. Bei Diskussionen über Künstliche Intelligenz als Thema der Schul- und Unterrichtsentwicklung an Grundschulen scheinen diese Sorgen häufig bewusst oder unbewusst die Position zu stärken, KI von Grundschulen möglichst weit wegzuhalten. Auf den ersten Blick scheint Skepsis auch dringend geboten: Wer möchte kleinen Kindern schon systematisch Bildschirmzeit zumuten, und das mit Anwendungen, deren kompetente Nutzung Expertise voraussetzt und deren Ergebnisse inhaltlich unzuverlässig sowie nicht reproduzierbar sind?

Dennoch können gerade Grundschulen als Orte gelebter Vielfalt enorm von KI profitieren, denn als Schlüsseltechnologie kann sie den besonderen pädagogischen Bedingungen in der Grundschule Rechnung tragen. Sie erleichtert es, den individuellen Lebenswelten und Erfahrungen, Lern- und Sprachständen sowie Begabungen der Kinder besser zu entsprechen und birgt Entlastungspotenzial im administrativen Bereich. Dass die Kinder dabei selbst mit einem digitalen Endgerät arbeiten, ist nur eine von vielen Möglichkeiten, von KI zu profitieren. Drei dieser Einsatzszenarien führen wir im Folgenden aus und plädieren damit dafür, KI als Gegenstand von Schul- und Unterrichtsentwicklung an Grundschulen größere Aufmerksamkeit zu widmen.

KI ermöglicht, erleichtert und professionalisiert Kommunikation

KI hat das Potenzial, einen erheblichen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit zu leisten, indem sie erstmals einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für nicht alphabetisierte Kinder und Kinder ohne Deutschkenntnisse schaffen kann. So ist es möglich, mit Chatbots wie ChatGPT im Voice Mode auf hohem Niveau simultan in zahlreiche Sprachen zu übersetzen – ohne dass Kinder selbst ein digitales Endgerät bedienen müssen. Wer für eine Echtzeit-Zwei-Wege-Übersetzung nicht auf Chatbots zugreifen kann oder mag, dem bietet der Markt eigens für diesen Zweck entwickelte Translatoren. Zudem ermöglicht KI die Erstellung mehrsprachiger Materialien, sodass Schüler:innen unter anderem in ihrer Herkunftssprache lesen und lernen können. Auch die Kommunikation mit nicht deutschsprachigen Eltern wird dadurch erstmals auf niedrigschwellige Weise möglich. Um dieses Potenzial zu heben, benötigen Lehrkräfte keine speziellen technischen Fertigkeiten; es reicht, dem Chatbot den Auftrag zu geben: „Bitte übersetze in folgende Sprache, ohne den Inhalt zu verändern.“ 

KI erweitert nicht nur den Kommunikationsraum, sondern professionalisiert auch die schulische Kommunikation.

Anika Limburg & Torsten Becker

KI erweitert nicht nur den Kommunikationsraum, sondern professionalisiert auch die schulische Kommunikation. Mithilfe von Chatbots lassen sich aktuelle Nachrichten, Gedichte oder literarische Werke in einfache Sprache umformulieren, mit kindgerechten Beispielen anreichern oder an die Lebenswelt der Schüler:innen anpassen. Dadurch können auch komplexe, anspruchsvolle oder beängstigende Themen kindgerecht aufbereitet werden. Alle Kinder profitieren davon, besonders aber Kinder mit Förderbedarf oder sprachlichen Herausforderungen. Gleichzeitig unterstützt KI Lehrkräfte bei der Vorbereitung von Elterngesprächen und -briefen, der Anpassung von Mitteilungen an unterschiedliche Adressaten oder der Erstellung barrierefreier Texte.

KI vereinfacht die Individualisierung von Lernprozessen

Das Vorwissen von Lernenden ist ein entscheidender Faktor für den Lernerfolg (z. B. Ausubel 1963; Hegland & Andre 1992). So ist etwa auch formatives Feedback besonders wirksam (Hattie & Timperley 2007), weil es ausgehend vom individuellen Lernstand gezielt Anregungen zur Weiterentwicklung bereitstellt. Trotz der großen Bedeutung für den Lernerfolg können Lehrkräfte im schulischen Alltag nur selten personalisierte Rückmeldung geben oder zu jedem neuen Inhalt Vorwissen samt bestehender Fehlkonzepte erheben. Eine differenzierte Förderung ist nur eingeschränkt möglich, da sie zeitintensiv ist und eine Lehrkraft in der Regel für 15 bis 30 Schüler:innen die Verantwortung trägt. 

KI-basierte Anwendungen bieten hier völlig neue Möglichkeiten, jedes Kind individuell zu fördern: Sie können Lernstände kontinuierlich analysieren, entsprechende Übungen bereitstellen und adaptives Feedback in Echtzeit geben. Dies kann bedeuten, dass die Schüler:innen selbst mit entsprechenden Tools arbeiten, etwa zum Lesetraining, die Texte individuell an das jeweilige Lesekompetenzniveau anpassen und gezielt Rückmeldungen auf Aussprache, Betonung und Lesegeschwindigkeit geben. Oder Lehrkräfte nutzen KI für die Unterrichtsvorbereitung, um differenzierte Materialien zu generieren, die nicht nur die verschiedenen Leistungsniveaus, sondern auch die Lernpräferenzen der Schüler:innen berücksichtigen. Dabei lässt sich auch der Lebensweltbezug und damit die individuelle Bedeutsamkeit der Lerninhalte besser berücksichtigen.

KI reduziert den Aufwand in administrativen Bereichen

KI-Technologie bietet auch auf der Makroebene der Schulorganisation Entlastungspotenziale (Deutsche Telekom Stiftung 2021). Jenseits großer Sprachmodelle ermöglicht beispielsweise KI-gestützte Mustererkennung aussagekräftige Analysen, um datenbasierte Entscheidungsgrundlagen für die Schulleitung zu schaffen – nicht nur in konkreten Fragen der Personaleinsatzplanung, sondern auch hinsichtlich der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Nicht umsonst zielt das Startchancen-Programm der Bundesregierung explizit auf die Etablierung datengestützter Schul- und Unterrichtsentwicklung (BMBF 2024). Allerdings setzt dies eine durchdachte Datenhaltung und -aufbereitung voraus, die angesichts der vielen sensiblen personenbezogenen Daten hohe Anforderungen an den Datenschutz stellt. Von der Auseinandersetzung mit den Fragen rund um Datifizierung (vgl. hierzu auch die Folge „Datafication“ des Podcasts „Auftrag:Aufbruch“) im Schulwesen profitieren dann aber auch schulische Prozesse, die (noch) ohne KI auskommen. Wer fragt sich sonst schon im Alltag: Welche Daten liegen an welcher Stelle, aus welchen Gründen, für wen und mit welcher Zielsetzung vor?

Letztlich kann generative KI einen großen Beitrag zur Entlastung von unterrichtsfernen Aufgaben leisten, von der Zeugniserstellung über die Materialverwaltung bis hin zu Dokumentationen – Zeit, die Lehrkräfte lieber in pädagogisch-didaktische Tätigkeiten investieren.

Anika Limburg & Torsten Becker

Werden dabei auch Daten von landesweiten Vergleichsarbeiten, Lernstandserhebungen und Diagnosen berücksichtigt, kann eine KI-gestützte Analyse zur frühen Erkennung individueller Förderbedarfe bei Lernenden beitragen. Beispielsweise könnten Schul- und Klassenleistungsdaten (etwa regelmäßige Leseleistungs-Checks oder Fehlzeiten) automatisiert analysiert werden, um auffällige Muster zu identifizieren – etwa plötzliche Verschlechterungen der Leseperformance in einer bestimmten Jahrgangsstufe. Eine solche Auswertung von Lernendendaten wird unter dem Begriff der Learning Analytics diskutiert.

Letztlich kann generative KI einen großen Beitrag zur Entlastung von unterrichtsfernen Aufgaben leisten, von der Zeugniserstellung über die Materialverwaltung bis hin zu Dokumentationen – Zeit, die Lehrkräfte lieber in pädagogisch-didaktische Tätigkeiten investieren. Eine Umfrage der Vodafone Stiftung belegt das empfundene Potenzial für die Übernahme administrativer Aufgaben durch KI (Vodafone Stiftung Deutschland 2023). KI-gestützte Anwendungen könnten wiederkehrende Abläufe intelligent automatisieren, indem sie etwa Eingabemasken vorausfüllen oder Dokumente schneller filtern und sortieren.

KI als Impulsgeber der Entwicklung von Grundschulen

Das Potenzial von KI für die Grundschule ist, so haben wir hier argumentiert, enorm. KI ist kein isoliertes Digitalisierungsthema, sondern ein Katalysator für Schulentwicklung. Sie kann sprachliche Barrieren abbauen, individualisiertes Lernen erleichtern und administrative Prozesse optimieren – mit vielen Einsatzszenarien, die den grundschulischen Fokus auf soziales Lernen nicht beeinträchtigen. Um das Potenzial zu heben, reicht es jedoch nicht aus, geeignete Tools bereitzustellen oder einzelne Lehrkräfte zu schulen. Vielmehr erfordert der sinnvolle Einsatz von KI eine strategische Personal-, Unterrichts- und Organisationsentwicklung. Schulen benötigen eigene Konzepte, um KI-Anwendungen im Spannungsfeld zwischen individueller Förderung und sozialem Lernen sinnvoll einzusetzen.

KI sollte jedoch insbesondere an Grundschulen ausschließlich dort eingesetzt werden, wo ihr Nutzen nachweislich groß ist – nicht als Selbstzweck, sondern als gezieltes Instrument zur Verbesserung von Lehr- und Lernprozessen. Hierbei muss auch über Herausforderungen und Gefahren aufgeklärt werden. Denn Datenschutz- und Urheberrechtsfragen von KI-Anwendungen sind vielfach ungeklärt, im Trainingsprozess von KI-Modellen werden teils bedenkliche Arbeitsbedingungen in Kauf genommen und nicht zuletzt ist der Betrieb solcher Systeme enorm ressourcenintensiv.

Schulen benötigen eigene Konzepte, um KI-Anwendungen im Spannungsfeld zwischen individueller Förderung und sozialem Lernen sinnvoll einzusetzen.

Anika Limburg & Torsten Becker

Um den Nutzen existierender Systeme in der Bildung identifizieren zu können, bedarf es vielfältiger Möglichkeiten zur spielerischen Exploration. Die Entwicklung einer gemeinsamen Haltung zu Schule in einer Kultur der Digitalität ist dabei essenziell.

KI ist damit nicht nur eine weitere technologische Anwendung mit Schulbezug, sondern eine Technologie, die bestehende Schulentwicklungsthemen integrativ bearbeitet und Lösungen für zentrale Herausforderungen von Grundschulen bietet. Als Gegenstand von Schul- und Unterrichtsentwicklung ist sie daher keineswegs abseitig – sondern kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass Grundschulen ihren Bildungsauftrag bestmöglich erfüllen.

Über die Autor:innen

Dr. Anika Limburg

Dr. Anika Limburg ist seit 2024 Direktorin des Bildungscampus Saarland. In dieser Rolle verantwortet sie u.a. die Aus-, Fort- und Weiterbildung der saarländischen pädagogischen Fachkräfte (2. und 3. Phase). Sie ist zudem eines der Gründungsmitglieder des Virtuellen Kompetenzzentrums „KI und wissenschaftliches Arbeiten“ (VK:KIWA) und forscht, denkt und diskutiert seit vielen Jahren zu den Implikationen generativer KI auf das Bildungssystem.

https://www.saarland.de/bildungscampus/

Torsten Becker

Torsten Becker arbeitet in der Fort- und Weiterbildung am Bildungscampus Saarland mit den Schwerpunkten Künstliche Intelligenz sowie Desinformation und Meinungsbildung im digitalen Raum. Daneben ist er als Referent und Lehrbeauftragter u. a. für die Universität des Saarlandes tätig. Seit 2017 engagiert er sich zudem als Mitgestalter in nationalen Bildungs-Netzwerken.

Lizenzhinweis

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Anika Limburg & Torsten Becker

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