Erstmals wurden in der PISA-Studie 2025 Kompetenzen im Bereich „Lernen in der digitalen Welt“ erfasst. Samuel Greiff, Leiter der PISA-Studie in Deutschland, erklärt, warum er diesem Themenfeld sehr viel Bedeutung beimisst – und wo Deutschland Schwerpunkte setzen sollte.
Take-aways
Hoher Stellenwert digitaler Kompetenzen: Die PISA-Verantwortlichen haben die Ergebnisse zum Themenfeld „Lernen in der digitalen Welt“ gleichzeitig mit den Kernbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften veröffentlicht. Das Thema steht damit auf einer Stufe mit den Basiskompetenzen.
Viele Jugendliche im Digitalen sehr kompetent: Anders als in den Kernbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, in denen nur knapp ein Zehntel der deutschen Schüler:innen die höchsten Kompetenzstufen erreicht, sind es beim „modellbasierten Problemlösen“ 25 Prozent. Ein Viertel erreicht jedoch auch hier keine Basiskompetenzen.
Lernstandsdiagnostik ausbaufähig: Im internationalen Vergleich nutzen Schulen in Deutschland digitale Medien zur Lernstandsdiagnostik deutlich seltener. Sie können eine große Unterstützung sein, um individuelle Lernfortschritte digital zu beobachten.
Estland als Impulsgeber: Der Blick nach Estland, einem PISA-Spitzenland, zeigt, dass die Nation konsequent in digitale Infrastrukturen investiert und zugleich die kontinuierliche, begleitende Fortbildung für Lehrkräfte sicherstellt.
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Herr Greiff, PISA 2025 misst Kompetenzen im Themenfeld „Lernen in der digitalen Welt“. Wieso ist das wichtig?
Neben den Kernbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften ist es auch Aufgabe von Schule auf die neuen Anforderungen von heute und morgen vorzubereiten. Deshalb gibt es in den PISA-Studien die sogenannte innovative Domäne, die eine enorm wichtige Ergänzung zu den Kerndomänen ist. Sie wechselt in jeder Erhebungsrunde, und 2025 stand das „Lernen in der digitalen Welt“ im Fokus, um zu schauen, wie Jugendliche mit digitalen Werkzeugen Probleme erfolgreich lösen können.
Wird PISA diesen Themenbereich weiter im Blick haben?
Ja, grundsätzlich schon, allerdings wird es keine erneute Testung von „Lernen in der digitalen Welt“ geben. In PISA 2029 wird Medien- und KI-Kompetenz die innovative Domäne sein. Beide sind absehbar neue Basiskompetenzen. Aktuell entwickeln wir in Kooperation mit der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) das Framework, um Medien- und KI-Kompetenz zu erfassen. Das ist sehr facettenreich. Es geht zunächst darum, den Zugang zu sichern. Sind junge Menschen in der Lage, mit Software und Apps umzugehen? Es geht aber auch darum, im digitalen Raum ethisch angemessen und verantwortungsvoll zu handeln, sich möglicher Risiken bewusst zu sein und Inhalte bewerten zu können.
Dass wir die Ergebnisse zum modellbasierten Problemlösen jetzt mitveröffentlicht haben, zeigt, dass wir diese Kompetenz gleichwertig auf der Höhe von Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sehen.
Zurück zu PISA 2025. Was genau haben Sie im Bereich „Lernen in der digitalen Welt“ gemessen?
Es ging um zwei Aspekte: selbstreguliertes Lernen und modellbasiertes Problemlösen. Zum ersten Aspekt werden wir im kommenden Frühjahr Ergebnisse veröffentlichen. Der Begriff „modellbasiertes Problemlösen“ klingt zwar abstrakt, es geht aber um eine sehr konkrete Frage: Bin ich in der Lage, Probleme so zu strukturieren, dass sie ein Computer bearbeiten könnte und kann ich mit dieser Zielsetzung digitale Technologien sinnvoll nutzen? Das modellbasierte Problemlösen ist also sehr kognitiv orientiert, während es beim selbstregulierten Lernen stärker um die individuelle, reflektierte Umsetzung geht. Dass wir die Ergebnisse zum modellbasierten Problemlösen jetzt mitveröffentlicht haben, zeigt, dass wir diese Kompetenz gleichwertig auf der Höhe von Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sehen.
Etwa ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland erreicht beim modellbasierten Problemlösen ein sehr hohes Kompetenzniveau, ein Viertel allerdings verfügt über keine ausreichenden Basiskompetenzen. Wie ordnen Sie das ein?
Das ist auf der einen Seite eine gute Nachricht. Beim modellbasierten Problemlösen haben wir mit 25 Prozent der Schüler:innen in den Kompetenzstufen V und VI eine breite Spitze. Diese Jugendlichen können zum Beispiel Programme erstellen, um komplexe Probleme zu lösen. Zum Vergleich: In den Kerndomänen gehören zu den höchsten Kompetenzstufen V und VI jeweils keine zehn Prozent. Auf der anderen Seite hat allerdings ein Viertel der Jugendlichen im modellbasierten Problemlösen keine ausreichenden Basiskompetenzen. Auch hier sehen wir, dass der Grad an Bildungsgleichheit im deutschen Bildungssystem gering ist. Und dass die zentrale Trennlinie zwischen sozial privilegierten und sozial benachteiligten Jugendlichen verläuft.
Gute digitale Bildung braucht nicht unbedingt superschnelles WLAN, sondern in erster Linie gute pädagogische Konzepte.
Die PISA-Studie zeigt auch, dass es sich auf die Kompetenzen auswirkt, ob digitale Technik vorhanden ist, sie zuverlässig funktioniert und ob es Unterstützung bei technischen Problemen gibt. Ist die Frage des Zugangs zu digitalen Medien also nach wie vor ein Hebel für eine positive Entwicklung?
Vorweg: PISA gibt uns eine genaue Bestandsaufnahme, wie sich das deutsche Bildungssystem entwickelt und wo es steht. Wenn wir über Ursachen und Wirkmechanismen sprechen, dann gehen wir immer über die PISA-Studie hinaus. Aber die empirische Bildungsforschung gibt uns viele Hinweise. Etwas salopp formuliert: Gute digitale Bildung braucht nicht unbedingt superschnelles WLAN, sondern in erster Linie gute pädagogische Konzepte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ein Mindestmaß an guter Infrastruktur grundlegend ist: Es sollte nicht 20 Minuten dauern, bis die Laptops hochgefahren oder die Tablets einangeschaltet sind.
Nur 55 Prozent der Schulleitungen in Deutschland erklären, dass ihre Schulen digitale Medien zur Lernstandsdiagnostik nutzen. In Estland sind es 87, in den Niederlanden 92 Prozent. Warum gibt es hierzulande so eine Zurückhaltung?
Ja, andere Staaten sind hier deutlich weiter. Was uns vielfach fehlt, sind gute Formate und auch eine gewisse Verpflichtung, den Unterricht kontinuierlich weiterzuentwickeln und so zu gestalten, dass er auf unterschiedliche individuelle Lernbedürfnisse ausgerichtet ist. Und da können digitale Tools unglaublich hilfreich sein. Für eine Lehrkraft ist es unmöglich, 30 Jugendliche gleichzeitig im Blick zu haben, auch wenn sie noch so gute diagnostische Kompetenzen hat. Aber es gibt gute Instrumente, um den individuellen Lernfortschritt digital zu beobachten. Hier kann die Lehrkraft dann gezielt pädagogisch reagieren. Und wenn wir nicht individualisiert fördern, wachsen die Ungleichheiten.
Wenn wir nicht individualisiert fördern, wachsen die Ungleichheiten.
Welches Potenzial sehen Sie im digital gestützten Unterricht?
Ich sehe viel, auch noch ungenutztes Potenzial. Um es heben zu können, müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein. Allein dadurch, dass man viele Tablets kauft, kommt man nicht weiter, die Erfahrung haben wir in der Vergangenheit auch schon gemacht. Erfolg hat der Einsatz digitaler Materialien nur dann, wenn er das Lernen erleichtert und didaktisch klug gestaltet ist. Wir müssen uns deshalb gut überlegen, was wir an Strukturen, vor allem auch in der Lehrkräfteausbildung, ändern müssen und welche verpflichtenden Module wir eventuell brauchen, um die Lehrkräfte mitzunehmen und mit Medienkompetenz auszustatten. Beim Digitalpakt 2.0 liegt aus meiner Sicht der Fokus noch zu stark auf der Ausstattungs- und Infrastrukturfrage.
Auch die Nutzung von KI ist Thema in PISA. Schüler:innen in Deutschland nutzen KI relativ häufig, was sich aber negativ auf die Kompetenzen auswirken kann. Was schließen Sie daraus?
Durch PISA sehen wir Zusammenhänge, keine strengen Kausalbezüge. Wenn wir feststellen, dass es einen Zusammenhang zwischen hoher KI-Nutzung und niedrigeren Kompetenzen gibt, ist es auch möglich, dass diejenigen, die Probleme haben, eher auf die KI zurückgreifen. Trotzdem: Natürlich gibt es die große Gefahr, dass KI das Denken auslagert. Eine Studie zeigt zum Beispiel, dass Schüler:innen, die KI genutzt haben, in dem Moment schlechter abschneiden, wenn man ihnen die KI wegnimmt, im Vergleich zu den Schüler:innen, die ohne KI lernen mussten. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) hat hervorgehoben, dass Kinder – gerade in der Grundschule – zuerst die Basiskompetenzen benötigen, bevor KI eine Rolle spielen sollte. Dem schließe ich mich uneingeschränkt an. Gleichzeitig hat die KI, wenn sie den Lernprozess begleitet, ein Riesenpotenzial, etwa für die Differenzierung von Unterricht.
Von welchem Land könnte Deutschland besonders lernen?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen, aber in Estland ist digitale Bildung schon im Kindergarten ein Thema, wenn die Kinder sich zum Beispiel mit einem BeeBot beschäftigen, einem kleinen, knallgelben Roboter, der ein bisschen aussieht wie eine Biene. Insgesamt ist das Land sehr offen für technische Innovationen und verfolgt eine nachhaltige, nationale Strategie. Estland hat grundsätzlich verstanden, dass man das Bildungssystem dynamisch weiterentwickeln muss, um mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen mitzuhalten. Dazu passt, dass es mittlerweile keinen Behördengang mehr gibt, den man nicht digital erledigen kann. Estland investiert konsequent in digitale Infrastrukturen, aber eben auch in kontinuierliche, begleitende Fortbildungen für Lehrkräfte.
Sehen Sie eine Gefahr darin, dass Digitalisierung in der Bildung insgesamt zu undifferenziert als ein wesentlicher Faktor für schwindende Kompetenzen gesehen wird?
Es gibt die Gefahr, dass unterschiedliche Themen vermischt werden. Smartphone- und Social-Media-Nutzung etwa sind nicht gleichzusetzen mit digitaler Bildung. Und auch innerhalb des Unterrichts müssen wir differenzieren, ob es darum geht, Medienkompetenz bei den Schüler:innen aufzubauen oder digitale Medien zu nutzen, um einen differenzierteren oder interaktiveren Deutsch- oder Mathematikunterricht zu machen. Ähnlich komplex ist es bei der KI: Sie kann dazu beitragen, dass Bildungsunterschiede noch größer werden, weil Schüler:innen unterschiedlich gute Zugänge und Unterstützung zu und für die Nutzung der Technologien haben. Gleichzeitig hat sie das Potenzial, durch individuelle Förderung Ungleichheiten zu verringern. Für mich steht jedenfalls fest: Schule muss sich an unsere Realitäten – und zu denen gehören digitale Medien – anpassen, nicht umgekehrt.
Weitere Informationen und Beispielaufgaben zu PISA 2025 finden sich auf der Website vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB). Eine Zusammenfassung mit grafischen Darstellungen der wichtigsten Ergebnisse stellt das ZIB in seiner Reihe PISA Kompakt zur Verfügung. Über aktuelle Entwicklungen rund um PISA informiert eine Sonderausgabe des Newsletters ZIB aktuell.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Holger Schleper
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