Die Berufsbildenden Schulen Wechloy in Oldenburg haben für ihr Projekt „Schnackbar – Mit VR und KI zu neuen Wegen des Lernens“ den KI-Innovationspreis BBS 2025 im Schwerpunkt Demokratiebildung erhalten. Doch die Schule beschäftigt sich längst nicht mehr nur mit einem einzelnen KI-Projekt.
Im Interview sprechen Schulleiter Oliver Pundt und Projektleiterin Judith Jung über ihren umfassenden Ansatz für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz – vom Unterricht über Leistungsbewertung und Prüfungen bis hin zu Fragen von Datenschutz, Desinformation und kritischem Denken.
Wie ist die Idee für das Projekt „Schnackbar – Mit VR und KI zu neuen Wegen des Lernens“ entstanden?
Oliver Pundt: Der erste Impuls kam aus einem Gespräch mit unserem Schulamtsleiter. Er fragte mich, was ich vom Metaverse halte und wie man es in Schule einbinden könnte. Kurz darauf hatten wir einen Truck auf dem Schulhof, in dem verschiedene Unternehmen gezeigt haben, was man mit VR-Brillen machen kann. Das hat uns neugierig gemacht.
Zunächst wollten wir mit Virtual Reality (VR) etwas im Rechnungswesen machen. Das Fach ist für viele Schüler:innen sehr abstrakt: Werteströme in einem Unternehmen oder das Zusammenspiel von Konten kann man sich schwer vorstellen. Wir wollten diese Zusammenhänge sichtbar machen. Dann haben wir gemerkt: Das ist für eine Schule ein ziemlich großer Wurf. Und weil Frau Jung und ich beide Deutschlehrkräfte sind, haben wir überlegt, wo wir VR sinnvoller einsetzen könnten. Statt Rechnungswesen haben wir uns auf Kommunikation festgelegt – und das war im Nachhinein der richtige Weg.
Judith Jung: Gerade beim Sprechen gibt es ein strukturelles Problem: In einer Klasse mit 20 Schüler:innen kann immer nur eine Person sprechen und eine Lehrkraft zuhören und Rückmeldung geben. Das bedeutet sehr wenig tatsächliche Sprechzeit. Gleichzeitig erleben wir, dass viele Jugendliche Hemmungen haben, vor anderen zu sprechen. Unsere Idee war deshalb: Wir schaffen einen Raum, in dem Schüler:innen sprechen und trainieren können, ohne dass 20 andere zuhören.
Wie funktioniert die „Schnackbar“ konkret?
Judith Jung: Wir haben mittlerweile mehrere Module. Im Kommunikationscenter können Schüler:innen beispielsweise Präsentationen vor einem virtuellen Publikum üben. Dabei bekommen sie Rückmeldungen zu ihrer Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke, Gestik, ihrem Blickkontakt oder der Verwendung von Füllwörtern. Das Entscheidende ist: Die Rückmeldung bekommen sie zunächst nur für sich. Sie können die Tür schließen, ausprobieren und Fehler machen, ohne dass die ganze Klasse zuschaut. Das führt zu viel Selbstreflexion. Später kam ein zweites Modul hinzu: das Sprachcenter. Hier sprechen die Lernenden mit einem KI-Avatar und können Alltagssituationen oder berufliche Gespräche in einer Fremdsprache trainieren. Das System passt das Gespräch an das jeweilige Sprachniveau an und gibt anschließend Feedback zu Grammatik, Wortschatz und Gesprächsführung.
Die „Schnackbar“ ist ein Lernprojekt der Berufsbildenden Schulen Wechloy, das Virtual Reality und Künstliche Intelligenz verbindet, um Kommunikationskompetenzen zu trainieren.
Das Kommunikationscenter: Schüler:innen üben Präsentationen vor einem virtuellen Publikum. Das System analysiert unter anderem Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke, Blickkontakt, Gestik und Füllwörter. So können die Lernenden zunächst selbstständig und ohne Publikum trainieren.
Das Sprachcenter: Hier führen Lernende Gespräche mit KI-Avataren. Die Situationen reichen von Alltagsgesprächen bis zu beruflichen Kommunikationssituationen. Das System passt sich an das jeweilige Sprachniveau an und gibt individuelles Feedback zu Wortschatz, Grammatik und Gesprächsführung.
Der entscheidende pädagogische Ansatz: Die Technologie ersetzt den Unterricht nicht, sondern schafft zusätzliche Möglichkeiten für individuelles, wiederholbares und fehlerfreundliches Üben.
Was verändert sich dadurch im Unterricht?
Judith Jung: Normalerweise haben wir in einer Klasse mit 20 Schüler:innen folgende Bedingungen: Eine Person spricht, die Lehrkraft hört zu. Mit KI und VR können dagegen 20 Schüler:innen gleichzeitig sprechen und jeweils individuelle Rückmeldungen bekommen. Das ist für die Individualisierung von Lernprozessen ein enormer Gewinn. Die Lehrkraft erhält anschließend beispielsweise eine Auswertung darüber, welche grammatikalischen Strukturen in einer Klasse noch nicht sicher sitzen oder wo einzelne Schüler:innen besondere Unterstützung brauchen. Dann kann sie gezielt darauf eingehen. Wichtig ist uns aber: Wir lösen den Unterricht nicht auf. Wir ergänzen und multiplizieren ihn.
Die „Schnackbar“ ist ein konkretes Projekt. Sie beschäftigen sich inzwischen aber wesentlich umfassender mit KI. Wie entwickelt eine Schule eine KI-Strategie?
Oliver Pundt: Zunächst muss man sich überhaupt auf den Weg machen. KI ist nicht wegzudiskutieren. Sie wird die Arbeitswelt und damit gerade berufsbildende Schulen massiv verändern. Wir gehen bei KI grundsätzlich so vor wie bei anderen Entwicklungsprozessen an unserer Schule: Wir suchen zunächst Kolleg:innen, die intrinsisch motiviert sind und sagen: „Ich möchte das ausprobieren.“ Diese Menschen qualifizieren wir, geben ihnen Zeit und Unterstützung und entwickeln gemeinsam konkrete Ideen. Dann geht es darum, darüber zu sprechen, Erfahrungen zu teilen und weitere Kolleg:innen mitzunehmen. Eine Schule entwickelt sich nicht dadurch, dass eine Schulleitung eine Strategie auf ein Papier schreibt. Sie entwickelt sich, indem Menschen etwas ausprobieren und daraus ein gemeinsames Verständnis entsteht.
Eine Schule entwickelt sich nicht dadurch, dass eine Schulleitung eine Strategie auf ein Papier schreibt. Sie entwickelt sich, indem Menschen etwas ausprobieren und daraus ein gemeinsames Verständnis entsteht.
Wie gehen Sie mit Kolleg:innen um, die KI skeptisch gegenüberstehen?
Oliver Pundt: Es gibt natürlich Ängste. Manche fragen sich: Kann ich das überhaupt? Ersetzt KI irgendwann meinen Beruf? Deshalb braucht es Überzeugungsarbeit, Fortbildung und vor allem Zeit. Gleichzeitig gibt es bei uns verpflichtende Schulungen. Unsere KI-Schulung beispielsweise durchlaufen sowohl Lehrkräfte als auch Schüler:innen.Wir haben rund 130 Lehrkräfte. Man kann sich nicht darauf konzentrieren, die letzten Skeptiker:innen zu überzeugen. Viel sinnvoller ist es, mit den Motivierten anzufangen und die Entwicklung wachsen zu lassen.
Was bedeutet das konkret für die Schüler:innen?
Judith Jung: Wir haben eine schulweite sechsstündige KI-Einheit entwickelt. Unser Ziel war zunächst, alle Schüler:innen auf ein Mindestniveau an KI-Wissen zu bringen. Im ersten Jahr ging es stärker um die Grundlagen: Was ist KI? Was ist ein Large Language Model? Wie verändert KI die Arbeitswelt? Durch die Erfahrungen aus dem Unterricht haben wir die Einheit inzwischen weiterentwickelt. Wir haben gemerkt, dass es nicht genügt, Schüler:innen zu erklären, was KI technisch kann. Wir müssen auch darüber sprechen, wie man mit KI lernen kann, ohne den eigentlichen Lernprozess zu verlieren.
Das klingt nach einem wichtigen Punkt: Wie vermitteln Sie einen kritischen Umgang mit KI?
Judith Jung: Wir fragen gemeinsam: Welche Kompetenzen bleiben beim Menschen? Kommunikation, kritisches Denken, Kollaboration und weitere Fähigkeiten, die wir als zentrale Zukunftskompetenzen betrachten. Ein großes Problem ist die Versuchung, KI für den einfachsten Weg zu nutzen. Ein Arbeitsblatt fotografieren, in die KI geben und eine Sekunde später die Lösung haben – das funktioniert technisch wunderbar. Aber was bleibt davon im Kopf? Wir vermitteln deshalb auch Grundlagen darüber, wie Lernen funktioniert. Wenn sich Lernen immer leicht anfühlt, heißt das nicht, dass es besonders effektiv ist. Nachhaltiges Lernen muss in gewisser Weise anstrengend sein. KI kann dabei trotzdem sehr hilfreich sein. Schüler:innen können sich beispielsweise von einer KI abfragen lassen oder mit ihr ein Quiz durchführen. Dann müssen sie selbst aktiv denken und kommen zu einem wesentlich besseren Lernprozess, als wenn sie sich nur eine Zusammenfassung erstellen lassen.
Gehören auch Datenschutz und Desinformation dazu?
Judith Jung: Unbedingt. Die Schüler:innen lernen, welche Daten sie in KI-Systeme eingeben dürfen und welche nicht. Auch Urheberrecht und die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI gehören dazu. Wir beschäftigen uns außerdem mit Deepfakes und Desinformation. In der Fachoberschule haben wir dazu beispielsweise eine eigene Unterrichtseinheit durchgeführt. Die Schüler:innen bekommen Beispiele, die teilweise sehr schwer als Fälschung zu erkennen sind. Das erzeugt einen wichtigen Aha-Effekt. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen: Woran erkenne ich eine mögliche Desinformation? Wie kann ich eine Information überprüfen? Auf welchen Seiten kann ich gegenchecken? Auch im Politikunterricht spielt das eine Rolle.
Und wie sieht es mit der Kennzeichnung von KI aus?
Judith Jung: Wir wollen als Lehrkräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir selbst KI einsetzen oder KI-generierte Bilder verwenden, kennzeichnen wir das. Wir haben dafür sogar ein entsprechendes Logo entwickelt. Das erwarten wir auch von unseren Schüler:innen. Wenn sie beispielsweise einen Text mit KI überarbeiten, sollen sie angeben, dass sie KI eingesetzt haben und wofür. Natürlich können wir nicht alles kontrollieren. Aber wir wollen eine Haltung entwickeln, die Transparenz als selbstverständlich betrachtet.
Natürlich können wir nicht alles kontrollieren. Aber wir wollen eine Haltung entwickeln, die Transparenz als selbstverständlich betrachtet.
KI stellt auch klassische Prüfungsformate infrage. Wie reagieren Sie darauf?
Oliver Pundt: Schule entwickelt sich ohnehin gerade in Richtung kooperativer und offener Lernformen. Schüler:innen bearbeiten zunehmend komplexe Aufgabenstellungen, lösen Probleme und präsentieren ihre Ergebnisse. Eine reine Präsentation ist in Zeiten von KI allerdings schwieriger zu bewerten. Deshalb gewinnt das anschließende Gespräch an Bedeutung: Kann die Schülerin oder der Schüler erklären, was sie oder er präsentiert hat? Kann die Person Rückfragen beantworten und die eigenen Entscheidungen begründen? Natürlich bleiben auch klassische Klausuren möglich. Wir müssen nicht alles abschaffen. Entscheidend ist, dass vorher klar ist, ob eine Leistung mit oder ohne KI erbracht werden soll. Deshalb arbeiten wir mit verschiedenen Kategorien: lernen mit KI, lernen ohne KI und lernen trotz KI.
Wie könnten Prüfungen künftig aussehen?
Judith Jung: Ich wünsche mir Leistungsformate, in denen verschiedene Kompetenzen sichtbar werden. Zum Beispiel zunächst eine kurze Klausur, anschließend eine Aufgabe, die im Team gelöst und kommuniziert werden muss, und am Ende eine Reflexion: Wie habe ich gearbeitet? Was hat gut funktioniert? Was würde ich anders machen? Dann hätten wir ein Portfolio verschiedener Leistungsnachweise, das nicht nur Fachwissen, sondern auch Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Problemlösung berücksichtigt. Das ist natürlich organisatorisch anspruchsvoll. Aber wenn wir diese Kompetenzen für die Zukunft brauchen, können wir sie nicht gleichzeitig in Prüfungen ignorieren.
Ich wünsche mir Leistungsformate, in denen verschiedene Kompetenzen sichtbar werden.
Was würden Sie einer Schule empfehlen, die heute mit der Entwicklung einer KI-Strategie beginnt?
Judith Jung: Erst einmal loslaufen und sich umschauen. Der Berg wirkt am Anfang riesig. Man steht unten und denkt: Wo soll ich anfangen? Ich würde nicht mit einer Einzelperson starten, die alles alleine macht. Besser ist ein Team, idealerweise aus Kolleg:innen eines Bildungsgangs, die gemeinsam Unterricht entwickeln. Diese Menschen sollten Fortbildungen bekommen und anschließend auch Zeit haben, das Gelernte umzusetzen. Dann würde ich klein anfangen: ein konkretes Projekt auswählen, ausprobieren, Schüler:innen mitnehmen, Erfahrungen sammeln und anschließend erweitern.
Oliver Pundt: Ich würde drei Dinge ergänzen: Motivation, Einsatz und Umsetzung. Es braucht Menschen, die Lust darauf haben – aber auch eine Schulleitung, die dahintersteht. Und es kostet Zeit und Geld. Dann muss man es einfach machen: im Unterricht einsetzen, erproben, Schüler:innen und Kollegium mitnehmen. Wenn man das tut, beginnt man automatisch, systematischer zu werden. So wird aus einem Projekt irgendwann Schulentwicklung.
Dann muss man es einfach machen: im Unterricht einsetzen, erproben, Schüler:innen und Kollegium mitnehmen. Wenn man das tut, beginnt man automatisch, systematischer zu werden. So wird aus einem Projekt irgendwann Schulentwicklung.
Wo sehen Sie die Schule in fünf oder zehn Jahren?
Oliver Pundt: Ich glaube, dass sich gerade die berufsbildenden Schulen massiv verändern werden, weil sich auch die Berufe verändern. Diesen Wandel müssen wir mitgestalten. Ich glaube nicht, dass es dabei um die eine große KI-Anwendung gehen wird. Vielmehr wird KI integrativ zum täglichen Arbeitsablauf gehören.
Judith Jung: Ich habe ein sehr positives Zukunftsbild. Ich hoffe, dass Schule Schüler:innen künftig stärker individuell abholen kann und nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip allen dasselbe anbietet. Wenn KI fachliche Vermittlung und individuelle Rückmeldungen unterstützt, bleibt möglicherweise mehr Zeit für das, was Schule ebenfalls ausmacht: gemeinsam arbeiten, als Team wachsen und Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler:innen gestalten.
Oliver Pundt: Dafür brauchen Schulen Unterstützung und auch die Erlaubnis, Dinge auszuprobieren. Es muss eine gewisse Fehlerresilienz geben. Vielleicht stellt sich ein Tool als der falsche Weg heraus. Aber auch daraus lernen wir. Unser VR-Projekt hat uns gezeigt: Selbst wenn wir morgen alle Brillen in die Ecke stellen würden, hätten wir unglaublich viel über Lernprozesse, Interaktion und vor allem über die Individualisierung von Lernen gelernt.
Die Berufsbildenden Schulen Wechloy in Oldenburg verbinden berufliche Bildung mit allgemeinbildenden Angeboten und richten ihre Unterrichtsentwicklung zunehmend auf die Veränderungen der Arbeitswelt aus.
KI ist dabei nicht auf einzelne Projekte beschränkt. Die Schule hat eine schulweite KI-Lerneinheit über sechs Unterrichtsstunden entwickelt, die allen Schüler:innen grundlegendes Wissen über KI vermittelt. Die Lehrkräfte werden dafür ebenfalls geschult. Die Inhalte reichen von den Grundlagen generativer KI über Lernstrategien bis zu Datenschutz, Urheberrecht, Deepfakes und gesellschaftlichen Auswirkungen.
Darüber hinaus gibt es in einzelnen Berufsbereichen vertiefende Halbjahreskurse, in denen Auszubildende konkrete betriebliche Problemstellungen mit KI bearbeiten. Die Erfahrungen werden auch mit anderen berufsbildenden Schulen geteilt.
Lizenzhinweis
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Birte Gernhardt
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