Weil seine Arbeitsbelastung zu groß wurde, begann Schulleiter Pavle Madzirov von der Sekundarschule am Biegerpark in Duisburg, mit KI zu arbeiten. Heute prägt sie den Alltag seiner gesamten Schule. KI-bezogene Schulentwicklung ist für ihn vor allem eines: eine Frage der Haltung.
Ein Nachmittag im Juni 2024: Im Foyer der Sekundarschule am Biegerpark in Duisburg wird über Künstliche Intelligenz (KI) gestritten. Acht Schüler:innen, acht Lehrkräfte und acht Elternteile diskutieren über ChatGPT, Fobizz und andere KI-Tools – und darüber, wie die Schule künftig mit ihnen umgehen will. Soll ihre Nutzung verpflichtend gekennzeichnet werden? Und was bedeutet der Einzug von KI für das Miteinander an der Schule?
Die Schulkonferenz will sogenannte KI-Richtlinien verabschieden. Die Diskussion ist lebhaft, streckenweise hitzig. Alle bringen sich ein: Schüler:innen fordern mehr Freiräume zum Ausprobieren, Lehrkräfte teilen Erfahrungen aus dem Unterricht, Eltern äußern Ängste und Unsicherheiten aus dem Alltag zuhause. Es geht um Fairness, Transparenz und die Sorge, die Entwicklung könne aus dem Ruder laufen. Am Ende steht ein Kompromiss: Es gibt keine allgemeine Kennzeichnungspflicht, aber die Verpflichtung, dass Schüler:innen die Nutzung von KI im Unterricht bei der jeweiligen Lehrkraft anmelden.
Die KI bleibt professionell und wird nicht emotional. Das gelingt uns Menschen nicht immer.
Schulleiter Madzirov erinnert sich gut an diesen Moment. „Der erste Entwurf unserer KI-Richtlinien hatte mit dem letzten nicht mehr viel zu tun“, sagt er. Vor der Schulkonferenz waren die Ideen durch alle Gremien gewandert. „Das war ein Glanzstück an Demokratie.“ Seine eigene Position – eine Kennzeichnungspflicht für jede KI-Nutzung – hält er bewusst zurück. „Ich habe den Prozess moderiert und bin neutral reingegangen. Das Ergebnis ist das Ergebnis.“
Die Sekundarschule am Biegerpark ist eine integrierte Schulform ohne Oberstufe. Rund 750 Schüler:innen lernen hier, mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und aus verschiedenen sozialen Milieus. Schon vor dem KI-Boom galt die Schule als digital gut aufgestellt: stabiles Glasfaser-WLAN, 800 Tablets und 140 PCs. Gleichzeitig arbeitet sie unter begrenzten finanziellen Bedingungen. „Unser Motto: Wir versuchen, aus wenig viel zu machen“, sagt Madzirov.
Mit Experimentierfreude zum Erfolg
Sein erster Kontakt mit KI entstand aus einer Art Notwehr. „Die Flut an E-Mails wurde immer größer. Kein Tag verging, ohne dass ich mit unbeantworteten Nachrichten nach Hause ging.“ Hinzu kamen Aufgaben, auf die das pädagogische Team nicht ausreichend vorbereitet war – etwa rechtliche Fragen oder komplexe organisatorische Entscheidungen. „Wir sind keine Jurist:innen, müssen aber täglich rechtliche Entscheidungen treffen.“
Madzirov begann zu experimentieren – mit schnellen Erfolgserlebnissen: Konzeptentwürfe, die früher Stunden dauerten, entstehen nun in Sekunden. Das Kinderschutzkonzept entwickelte sein Team vollständig mithilfe von KI, „natürlich mit anschließender sorgfältiger Prüfung und Diskussion“. Auch heikle E-Mails formuliert Madzirov inzwischen mit KI-Unterstützung. „Die KI bleibt professionell und wird nicht emotional. Das gelingt uns Menschen nicht immer.“ Elternbriefe gehen teilweise bi- oder sogar trilingual raus, was die Kommunikation deutlich erleichtert.
Ich setze auf Freiwilligkeit. Die KI muss durch Leistung überzeugen, nicht durch Vorgaben.
Auffällig ist: Madzirov spricht ungern über Tools. Ihm geht es um etwas Grundsätzliches: Haltung. Welche Haltung braucht eine Schulleitung, um KI sinnvoll zu integrieren und Menschen dafür zu gewinnen? „Ich setze auf Freiwilligkeit. Die KI muss durch Leistung überzeugen, nicht durch Vorgaben.“ Das heißt: keine verpflichtenden Anwendungen, keine zentral verordneten Tools. Lehrkräfte entscheiden selbst, ob und wie sie KI einsetzen. Fortbildungen werden angeboten, aber nicht vorgeschrieben. „Innovation entsteht aus intrinsischer Motivation, nicht aus Druck.“ So konnten alle Lehrkräfte im eigenen Tempo einsteigen, Erfahrungen sammeln und den Einsatz an ihren Unterricht anpassen. „Genau das hat zu einer hohen Akzeptanz geführt.“
Mein Leadership-Tipp:
Statt KI sofort flächendeckend einzuführen, hat es sich bewährt, mit kleinen, kontrollierten Pilotprojekten zu beginnen. So lassen sich Erfahrungen sammeln, ohne das System zu überfordern. Wichtig ist außerdem, engagierte Lehrkräfte früh einzubinden und als Multiplikator:innen zu gewinnen. Ergänzend braucht es klare, aber flexible Regeln: Sie geben Orientierung, ohne Entwicklung zu blockieren. Wer zu früh zu stark standardisiert, bremst Dynamik – wer gar keine Leitplanken setzt, riskiert Beliebigkeit.
Führungsaufgabe Innovation
Seine Führungsaufgabe sieht Madzirov nicht darin, jede Entwicklung zu kontrollieren, viel lieber möchte er einen klaren Rahmen schaffen. „Als Schulleiter muss ich Leitlinien definieren, ohne Innovation abzuwürgen.“ Lehrkräfte brauchen Orientierung, etwa beim Einsatz von KI in Leistungsnachweisen oder in der Unterrichtsvorbereitung. Gleichzeitig müsse eine Kultur entstehen, in der Ausprobieren ausdrücklich erlaubt ist und Fehler als Teil des Lernprozesses gelten.
Heute begegnet man KI an der Sekundarschule in Duisburg überall: Lehrkräfte erstellen Materialien damit, Schüler:innen arbeiten mit Chatbots, Verwaltungsabläufe werden automatisiert. „KI durchdringt bei uns alle Handlungsfelder“, sagt Madzirov. Er selbst nutzt KI auch als Sparringspartner, etwa zur Vorbereitung schwieriger Gespräche. „In einem Mobbingfall etwa reagierten mehrere Eltern sehr emotional“, erzählt er. Unterschiedliche Wahrnehmungen trafen aufeinander, Schuldzuweisungen standen im Raum. „Ich habe KI nicht zur Bewertung genutzt, sondern zur strukturierten Vorbereitung des Gesprächs.“
Die KI-Regeln sind inzwischen etabliert, die Praxis hat sich eingespielt. Bereits zum zweiten Mal ist die Schule für den Deutschen KI-Schulpreis nominiert, 2024 wurde sie von Bitkom e. V. als Leuchtturmschule für Künstliche Intelligenz ausgezeichnet. Und Madzirov hat durch die KI-Unterstützung wieder Zeit für das Wesentliche: pädagogische Arbeit. Unterricht weiterentwickeln, strategisch planen, Gespräche mit Lehrkräften führen. Auch Hospitationen sind wieder häufiger möglich – und geben ihm einen direkteren Einblick in den Schulalltag. Sein Ziel formuliert er so: „Mich wieder stärker darauf konzentrieren zu können, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten.“
Stadt: Duisburg
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Schulform: Sekundarschule
Schüler:innen: ca. 750
Kollegium: ca. 88
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