Forum Bildung Digitalisierung
  • Lern- und Prüfungskultur

Schule der Zukunft zwischen Digitalisierung, Chancengerechtigkeit und neuer Lernkultur – die Universitätsschule Dresden

7 | 20. Juli 2026

Der Schulversuch Universitätsschule Dresden erprobt und erforscht seit der Schulgründung 2019, wie eine Schule der Zukunft aussehen kann. Mit großer Kreativität wird Schulorganisation von den individuellen Lernwegen aller Schüler:innen aus gedacht. Möglich wird dies auch durch den Einsatz digitaler Werkzeuge.

Die Diskussion über die Schule der Zukunft wird häufig von technologischen Entwicklungen dominiert. Künstliche Intelligenz, digitale Endgeräte oder Lernplattformen gelten vielen als zentrale Treiber zukünftiger Schulentwicklung. Gleichzeitig zeigen internationale Vergleichsstudien seit Jahren, dass Bildungsungleichheiten weiterhin eng mit sozialer Herkunft verbunden sind und dass die Heterogenität von Lerngruppen zunimmt. Die Frage nach der Schule der Zukunft lässt sich deshalb nicht allein über Technik beantworten. Sie ist vielmehr eng mit der Frage verbunden, wie Lernen organisiert werden kann, damit möglichst unterschiedliche Kinder und Jugendliche erfolgreich lernen und an Bildung teilhaben können.

Vor diesem Hintergrund wurde die Universitätsschule Dresden als gemeinsamer Schulversuch der Landeshauptstadt Dresden und der Technischen Universität Dresden gegründet. Der Schulversuch verfolgt den Auftrag, innovative Formen des Lehrens, Lernens und Zusammenlebens zu entwickeln, wissenschaftlich zu begleiten und hinsichtlich ihrer Wirkungen zu untersuchen. Die Schule versteht sich dabei ausdrücklich als Reallabor schulischer Entwicklung. Pädagogische Konzepte werden nicht unter künstlichen Bedingungen erprobt, sondern im Alltag einer öffentlichen Schule entwickelt, umgesetzt, wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt. Die Universitätsschule ist damit zugleich Schule, Forschungsprojekt und Ort der Lehrkräfteausbildung.

Take-aways
  • Die Frage nach der Schule der Zukunft lässt sich nicht allein über Technik beantworten. Digitale Technologien können pädagogische Prozesse unterstützen, ersetzen diese jedoch nicht. 
  • Schulentwicklung steht vor der Herausforderung, Schüler:innen auf eine Welt vorzubereiten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, die Fähigkeit zur selbstständigen Aneignung von Wissen jedoch bedeutsamer wird. 
  • Zukunftsrelevante Kompetenzen entwickeln sich vor allem dort, wo Lernende Verantwortung für komplexe Aufgaben übernehmen und gemeinsam Lösungen entwickeln müssen.
  • Unterschiedliche Schüler:innen benötigen unterschiedliche Unterstützung, Zeitbudgets und Lernwege.
  • Digitalisierung spielt bei der Schulentwicklung vor allem als Werkzeug zur Gestaltung individueller, kooperativer und gerechter Lernprozesse eine Rolle.

Mehr anzeigen

Schule neu denken – Lernen als Entwicklungsprozess

Ausgangspunkt des Schulversuchs ist die Annahme, dass Lernen kein linearer Prozess ist. Kinder lernen nicht alle zur gleichen Zeit, nicht mit derselben Geschwindigkeit und nicht über den einen Zugang. Dennoch sind viele Schulen bis heute durch Strukturen geprägt, die von einer weitgehenden Gleichzeitigkeit des Lernens ausgehen. Jahrgangshomogene Gruppen, feste Unterrichtstakte, standardisierte Lernwege und eine starke Orientierung an Noten bilden vielerorts weiterhin die Grundstruktur schulischer Organisation.

Die Universitätsschule verfolgt einen anderen Ansatz. Lernen wird als sozialer, dialogischer und tätigkeitsbezogener Entwicklungsprozess verstanden. Ziel ist es, Lernumgebungen zu schaffen, die individuelle Entwicklung innerhalb gemeinsamer Lernprozesse ermöglichen. Individualisierung wird dabei nicht als individuelles Abarbeiten von Aufgaben verstanden, sondern als pädagogisch gestalteter Prozess innerhalb einer Gemeinschaft von Lernenden. Schüler:innen sollen zunehmend Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, Lernprozesse planen, reflektieren und gemeinsam mit Anderen gestalten.

Die Schule organisiert Lernen deshalb in jahrgangsgemischten Gruppen, projektorientierten Lernformaten und individualisierten Lernwegen. Damit verändert sich nicht nur Unterricht, sondern die gesamte Organisation von Schule. Fragen der Zeitstruktur, der Lernbegleitung, der Leistungsbewertung, der Digitalisierung und der Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams werden zu zentralen Bestandteilen von Schulentwicklung.

Digitalisierung als Werkzeug, nicht als Ziel

Die Erfahrungen des Schulversuchs zeigen zugleich, dass Digitalisierung allein keine Schule der Zukunft schafft. Digitale Technologien können pädagogische Prozesse unterstützen, ersetzen diese jedoch nicht. Gerade die Erfahrungen während der Corona-Pandemie haben deutlich gemacht, dass soziale Beziehungen, Kooperation und gemeinsame Lernprozesse zentrale Voraussetzungen erfolgreichen Lernens bleiben.

An der Universitätsschule werden digitale Technologien deshalb nicht additiv eingesetzt, sondern als Bestandteil der Lern- und Schulorganisation verstanden. Bereits mit Gründung der Schule wurde parallel eine digitale Lern- und Schulmanagementsoftware entwickelt. Sie dient nicht primär der Vermittlung von Lerninhalten, sondern unterstützt die Organisation individueller Lernwege, die Dokumentation von Lernentwicklungen sowie die Kommunikation zwischen Schüler:innen, Eltern und Pädagog:innen. Dieses digitale Werkzeug ermöglicht damit Transparenz über komplexe Lernprozesse und schafft Voraussetzungen dafür, dass individualisierte Lernwege organisatorisch überhaupt handhabbar werden.

Gleichzeitig weisen die erhobenen Daten darauf hin, dass digitale Medien insbesondere dort lernwirksam werden, wo sie eng mit selbstregulierten und projektorientierten Lernformen verbunden sind.

Anke Langner

Die Befragungen der Schüler:innen zeigen, dass digitale Medien für die Lernenden selbstverständlicher Bestandteil ihres schulischen Alltags geworden sind. Digitale Werkzeuge werden ab der vierten Jahrgangsstufe immer intensiver zur Recherche, zur Erstellung von Präsentationen, zur Dokumentation von Projekten sowie zur Organisation eigener Lernprozesse genutzt. Gleichzeitig weisen die erhobenen Daten darauf hin, dass digitale Medien insbesondere dort lernwirksam werden, wo sie eng mit selbstregulierten und projektorientierten Lernformen verbunden sind.

Damit verschiebt sich die Perspektive auf Digitalisierung grundlegend. Nicht die Frage, welche Technik angeschafft wird, steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche pädagogischen Ziele mit digitalen Werkzeugen unterstützt werden können.

Selbstregulation als Schlüsselkompetenz

Eine der zentralen Herausforderungen zukünftiger Schulentwicklung besteht darin, Schüler:innen auf eine Welt vorzubereiten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, die Fähigkeit zur selbstständigen Aneignung von Wissen jedoch zunehmend bedeutsam wird. Selbstreguliertes Lernen wird deshalb an der Universitätsschule als zentrale Bildungsaufgabe verstanden.

Die Entwicklung selbstregulativer Kompetenzen erfolgt dabei nicht zufällig. Mit den Lernpfaden wurde bereits im ersten Schuljahr des Schulversuchs ein Instrument entwickelt, das individuelle Lernentwicklung sichtbar macht und strukturiert. Lernpfade dienen der Orientierung der Schüler:innen, als Basis der Zielvereinbarung zwischen Schüler:in und Mentor:in und der Reflexion von Lernprozessen. Sie ermöglichen Schüler:innen, ihren Lernweg nachzuvollziehen und zunehmend eigenverantwortlich zu gestalten. Gleichzeitig bleiben Lernprozesse pädagogisch begleitet und werden nicht an die Lernenden delegiert.

Die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Selbstregulation nicht allein auf individuelle Planung beschränkt. Vielmehr umfasst sie auch die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen zu arbeiten, Verantwortung in Gruppen zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Lernprozesse kontinuierlich anzupassen. Selbstregulation wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für lebenslanges Lernen.

Projektlernen als Antwort auf eine komplexe Welt

Ein weiterer zentraler Baustein der Universitätsschule ist das Projektlernen, der pädagogische Kern des Schulkonzepts. Projektlernen unterscheidet sich grundlegend von einer Unterrichtsorganisation, in der Lerninhalte primär fachsystematisch vermittelt werden. Ausgangspunkt sind reale Fragestellungen, Probleme oder Herausforderungen. Die Schüler:innen recherchieren Informationen, entwickeln Lösungsansätze, dokumentieren ihre Ergebnisse und präsentieren diese vor anderen. Fachliches Lernen erfolgt dabei nicht isoliert, sondern eingebettet in sinnhafte Zusammenhänge.

Die Bedeutung solcher Lernformen wird angesichts gesellschaftlicher Transformationsprozesse zunehmend sichtbar. Zukunftsrelevante Kompetenzen wie Problemlösefähigkeit, Kooperation, Kommunikation oder selbstständiges Arbeiten entstehen selten durch die Bearbeitung standardisierter Aufgaben. Sie entwickeln sich vor allem dort, wo Lernende Verantwortung für komplexe Aufgaben übernehmen und gemeinsam Lösungen entwickeln müssen.

Lernformate an der Universitätsschule Dresden

Die bisherigen Lernstandserhebungen der Universitätsschule zeigen dabei, dass Schüler:innen trotz deutlich anderer Lernorganisation vergleichbare Entwicklungen in Mathematik, Lesen und Schreiben aufweisen wie Schüler:innen an Vergleichsschulen. Gleichzeitig erwerben sie zusätzliche Kompetenzen in den Bereichen des selbstregulierten und projektorientierten Lernens, die durch klassische Leistungstests nur eingeschränkt erfasst werden.

Dabei wird deutlich, dass Chancengerechtigkeit nicht durch Gleichbehandlung entsteht. Unterschiedliche Schüler:innen benötigen unterschiedliche Unterstützung, Zeitbudgets und Lernwege.

Anke Langner

Schule als Ort von Chancengerechtigkeit

Zentral für das Konzept ist auch die Frage nach Chancengerechtigkeit. Die Universitätsschule geht davon aus, dass Bildungsungleichheit nicht allein durch zusätzliche Förderangebote reduziert werden kann. Vielmehr müssen schulische Strukturen selbst daraufhin überprüft werden, inwieweit sie Teilhabe ermöglichen oder erschweren.

Die Universitätsschule verfolgt deshalb den Anspruch, die Vielfalt der Stadtgesellschaft abzubilden und unterschiedliche Lernvoraussetzungen innerhalb gemeinsamer Lernsettings zu organisieren. Jahrgangsmischung, individualisierte Lernwege, projektorientierte Lernformen und digitale Lernbegleitung werden dabei nicht primär als didaktische Innovationen verstanden, sondern als Instrumente zur Ermöglichung von mehr Chancengerechtigkeit in schulischer Bildung.

Dabei wird deutlich, dass Chancengerechtigkeit nicht durch Gleichbehandlung entsteht. Unterschiedliche Schüler:innen benötigen unterschiedliche Unterstützung, unterschiedliche Zeitbudgets und unterschiedliche Lernwege. Die Herausforderung besteht darin, diese Unterschiede zu verstehen und anzuerkennen, ohne neue Formen der Separation zu erzeugen.

Die Erfahrungen des Schulversuchs zeigen zugleich, dass innovative Schulentwicklung dauerhaft auf geeignete strukturelle Rahmenbedingungen angewiesen bleibt. Personelle Ressourcen, digitale Infrastruktur, multiprofessionelle Zusammenarbeit und geeignete Lernräume sind keine Randbedingungen, sondern zentrale Voraussetzungen für die Umsetzung individualisierter und inklusiver Lernkonzepte.

Was Schulen daraus lernen können

Die Universitätsschule Dresden liefert keine Blaupause für die Schule der Zukunft. Sie zeigt jedoch, dass viele gegenwärtige Herausforderungen von Schule nicht durch einzelne Maßnahmen gelöst werden können. Digitalisierung, Chancengerechtigkeit, Selbstregulation und neue Lernkulturen stehen in einem engen Zusammenhang. Werden sie isoliert betrachtet, bleiben Veränderungen häufig punktuell und werden nicht nachhaltig.

Die bisherigen Erfahrungen des Schulversuchs deuten darauf hin, dass die Schule der Zukunft vor allem dort entsteht, wo Lernen als Entwicklungsprozess verstanden wird, wo Schüler:innen zunehmend Verantwortung für ihr Lernen übernehmen können und wo wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch für Schulentwicklung genutzt werden. Digitalisierung spielt dabei eine wichtige Rolle – allerdings nicht allein als Ziel von Schulentwicklung, sondern als Werkzeug zur Gestaltung individueller, kooperativer und gerechter Lernprozesse. Die zentrale Frage lautet daher weniger, welche Technik Schulen benötigen, sondern wie Schulen organisiert werden müssen, damit möglichst viele Kinder und Jugendliche erfolgreich lernen können.

Über die Autor:innen

Anke Langner

Prof. Dr. Anke Langner ist seit 2013 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der Technischen Universität Dresden (TUD) und die wissenschaftliche Leitung des Schulversuchs Universitätsschule Dresden (USD). Neben der 2019 gegründeten USD als Reallabor zur Schule der Zukunft leitete und leitet sie weitere Projekte für eine zukunftsfähige Bildung an der TUD, unter anderem „QuaBIS – Qualifizierung von Bildungs- und Inklusionsreferent:innen“ und „ALSO – Alternatives Lehramtspraktikum“.

Anke Langner bei LinkedIn

Lizenzhinweis

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Anke Langner

Sie dürfen das Material unter Nennung der Lizenz CC BY 4.0 und des Urhebers nutzen und weiterentwickeln.

Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken oder Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Ähnliche Artikel

  • Lern- und Prüfungskultur

Digitaler MINT-Unterricht? Erfolgreich mit einer neuen Lern- und Prüfungskultur!

Im digitalen Zeitalter gehören die MINT-Fächer zu den Vorreitern der zeitgemäßen Unterrichtsgestaltung. Durch die Verknüpfung des Potenzials digitaler Medien mit individuellen, forschenden, kreativen und projektorientierten Arbeitsaufträgen kann der MINT-Unterricht emotional anregender, wirkungsvoller, kompetenzorientierter und personalisierter gestaltet werden. Die Digitalisierung des Unterrichts wird allerdings nur dann erfolgreich sein, wenn mit einer Veränderung der Lernkultur auch ein Wandel der Prüfungskultur verbunden ist.

8 Minuten | 22. September 2022
  • Lern- und Prüfungskultur

Lehren und Lernen aus der entstehenden Zukunft

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben zu einem mediengesteuerten Transformationsprozess beigetragen, der auch die Schule bewegt. Dabei sind Lehrkräfte vielfach und unerwartet vor ganz neue Aufgaben gestellt, die zum Teil völlig neue Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern. Wenn hier Konzepte einer neuen Praxis entstehen sollen, gilt es, Schule und Unterricht vom Lernen junger Menschen her (neu) zu denken. Digitale Medien können dabei eine herausragende Rolle spielen.

11 Minuten | 17. Dezember 2019
  • Lern- und Prüfungskultur

UnLearn School – Die fünf Dimensionen des Lernkulturwandels

Wir erleben momentan eine Zeit vieler Transformationsprozesse. Gesellschaft verändert sich. Lernen verändert sich. Und auch Schule steht vor der Aufgabe, sich zu verändern, Entwicklungen aufzugreifen und junge Menschen zu befähigen, in dieser transformativen Zeit Verantwortung für sich selbst, für andere und die Welt zu übernehmen. Das im Rahmen von „UnLearn School“ entworfene Entwicklungsmodell für den Lernkulturwandel zeigt fünf zentrale Dimensionen und Entwicklungsgrade auf diesem Weg zum Lernen der Zukunft auf.

7 Minuten | 15. August 2024