Berufsorientierung funktioniert immer seltener über feste Berufsbilder. In einer Arbeitswelt, die unter anderem durch Künstliche Intelligenz (KI) und Globalisierung beweglicher wird, brauchen Schüler:innen mehr als Informationen über Berufe: Sie brauchen Orientierung in Zeiten schneller Veränderungen sowie ein Gefühl für ihre Kompetenzen und Interessen.

Berufsorientierung stand lange unter einer inzwischen problematischen Annahme: Es gibt Berufe, über die man sich informieren kann, und aus dieser Information ergibt sich eine tragfähige Entscheidung. In der digitalen Arbeitswelt verändern sich jedoch nicht nur Tools, es verschieben sich vor allem Tätigkeiten und berufliche Anforderungen. Zaniboni, Pfrombeck & Grote (2025) beschreiben hierbei Unsicherheit als prägendes Merkmal gegenwärtiger Arbeit und Karrieren. Als Quellen dieser Unsicherheit nennen sie unter anderem technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Umbrüche und unvorhergesehene globale Ereignisse. Für Schule sollte sich daraus ableiten: Berufsorientierung darf sich nicht darauf beschränken, heutige berufliche Optionen zu erklären. Sie muss jungen Menschen auch helfen, Wandel einzuordnen und Unsicherheit auszuhalten.

Take-aways

1.     Berufsorientierung sollte heute weniger als Berufskatalog und stärker als Kompetenz-Kompass verstanden werden, weil sich Anforderungen, Tätigkeiten und Karrierewege durch Digitalisierung, Globalisierung und Krisen laufend verändern.

2.     Schüler:innen brauchen vor allem Unterstützung dabei, Unsicherheit einzuordnen, eigene Interessen und Stärken zu reflektieren sowie tragfähige Entscheidungen unter Transformationsbedingungen vorzubereiten.

3.     Berufliche Orientierung ist sozial eingebettet: Eltern, Gleichaltrige und berufliche Rollenvorbilder beeinflussen, welche Wege Jugendliche überhaupt als erreichbar, passend oder attraktiv wahrnehmen.

4.     Eine zeitgemäße Berufsorientierung sollte digitale Veränderungen sichtbar machen, zugleich aber die Rolle des Menschen stärken, etwa Urteilskraft, Verantwortung, Zusammenarbeit, Vertrauen und die Kompetenz, mit KI reflektiert umzugehen.

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Berufliche Orientierung entsteht nicht im luftleeren Raum

Analysen auf Basis der Internationalen Schulleistungsstudie PISA 2022 zeigen ergänzend, dass sich der Anteil Jugendlicher, die unsicher hinsichtlich ihrer Karrierepläne sind, nach der Pandemie nahezu verdoppelt hat und in einigen Volkswirtschaften erhöht blieb; höhere Unsicherheit ging dabei mit geringer Selbstwirksamkeit einher (Guo, 2025). Für Schule ist das eine wichtige Botschaft: Jugendliche brauchen auch Unterstützung dabei, wie man unter unsicheren Bedingungen Entscheidungen vorbereitet. Berufliche Aspirationen, also berufliche Ziele, Ambitionen und Wünsche, entstehen zudem nicht losgelöst von sozialen Kontexten. Für Deutschland zeigt Bittmann (2024), dass diese Aspirationen in nicht-akademischen Schulzweigen im Durchschnitt niedriger, zugleich aber vielfältiger sind als in akademischen. Zudem spielen Eltern bei beruflichen Aspirationen insbesondere im akademischen Schulzweig eine Rolle. Demgegenüber sind Einflüsse Gleichaltriger (peers) vor allem in nicht-akademischen Schulzweigen relevant. Daran schließen Böhle, Beckmann & Granato (2025) an: In ihrer deutschen Interventionsstudie stehen Peer- und Elternkontexte ebenfalls in Zusammenhang mit beruflichen Aspirationen. Zugleich zeigen sie, dass die Begegnung mit beruflichen Rollenvorbildern im Durchschnitt mit höheren Aspirationen für den jeweils vorgestellten Ausbildungsberuf zusammenhängt. Berufsorientierung findet also nie im luftleeren Raum statt. Sie ist sozial gerahmt: durch Erwartungen, Vergleichsmaßstäbe und wahrgenommene Anschlussmöglichkeiten.

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Warum Interessen, Selbststeuerung, soziale Ressourcen und Emotionen wichtiger werden

Die neuere Karriereforschung zeigt beruflichen Erfolg als von mehreren Einflussbereichen geprägt. Dazu zählen unter anderem das soziale Kapital, Sponsorship und karrierebezogenes Selbstmanagement. Außerdem werden Formen interpersonaler Unterstützung wie Mentoring oder auch beziehungsbezogene Verhaltensweisen wie Networking als relevante Faktoren für Karriereerfolg diskutiert (für einen Überblick: Seibert, Akkermans & Liu 2024). Für Schule folgt daraus eine klare Richtung: Berufsorientierung sollte nicht nur Wissen über Wege und Abschlüsse vermitteln, sondern auch Selbststeuerung, Kommunikationsfähigkeit sowie den systematischen und reflektierten Umgang mit sozialer Unterstützung durch relevante Netzwerke ernst nehmen. Um die Berücksichtigung der digitalen Transformation in der Berufsorientierung zu überprüfen, können sich Lehrende konkret an folgenden Aspekten orientieren:

Plattform whatchado

Die Plattform macht Berufe und berufliche Wege über persönliche Geschichten und Videos sichtbar. Hilfreich für Jugendliche, die noch kein klares Bild von Arbeitswelten haben.

All das müsste zudem an die Situation und Bedarfe spezifischer Schüler:innengruppen angepasst werden. Ein Beispiel: In einer großen repräsentativen Studie mit Neuntklässler:innen in Deutschland lagen die beruflichen Aspirationen von Mädchen im Durchschnitt höher als die von Jungen. Die Autor:innen berichten zudem, dass Unterschiede in beruflichen Interessen – auch korrespondierend mit dem sozioökonomischen Status der Wunschberufe – einen relevanten Anteil dieses Geschlechtsunterschieds erklären konnten (Wicht, Miyamoto & Lechner 2022). Das lenkt den Blick stärker auf gruppenspezifische Interessenprofile und Passungsfragen.

Bei all diesen fachlich-inhaltlich fokussierten Betrachtungen bleibt zu beachten: Der Blick auf berufliche Perspektiven ist immer auch emotional gefärbt. So zeigen Rochat, Gaillard & Dan-Glauser (2025) in einer experimentellen Studie mit jungen Menschen aus einem Schweizer Jugend-Integrationsprogramm, dass in Fotos dargestellte berufsbezogene Tätigkeiten beziehungsweise Karriereoptionen sehr verschiedene Emotionen auslösen können. Im Experiment berichteten die Teilnehmenden je nach Option unter anderem Freude, Stolz, Hoffnung versus Angst, Ärger, Scham und teils auch gemischte Gefühle. Wer Berufsorientierung zeitgemäß gestalten will, sollte deshalb nicht nur Informationen bereitstellen, sondern auch Reflexionsräume für diese emotionale Ebene schaffen.

Plattform Future Skills Journey

Die Plattform bietet kostenfreie Angebote rund um Zukunftskompetenzen in einer sich wandelnden Arbeitswelt.

Was daraus für zeitgemäße Berufsorientierung folgt

Nimmt man diese Befunde zusammen, ergibt sich ein vergleichsweise konsistentes Bild: Berufsorientierung bewegt sich heute in einem Feld aus Unsicherheit, sozialen Einflüssen, Interessenprofilen und emotionalen Reaktionen. Die vorliegenden Studien sprechen damit für ein Verständnis von Berufsorientierung, das berufliche Optionen nicht nur als Informationsobjekte betrachtet. Vielmehr sind die vermittelten Zukunftsentwürfe auch als sozial und emotional eingebettet zu betrachten. Zeitgemäße Berufsorientierung sollte deshalb weniger wie ein Berufskatalog und stärker wie ein Kompetenz-Kompass funktionieren. Sie sollte nicht nur Berufe vorstellen, sondern Orientierung im Wandel ermöglichen: Tätigkeiten und Anforderungen sichtbar machen, Interessen ernster nehmen, soziale Einbettung mitdenken und Unsicherheit als Teil der Realität statt als Störung behandeln. Gerade darin könnte die Stärke einer zeitgemäßen Berufsorientierung liegen: Perspektiven zu öffnen und Jugendlichen zu helfen, sich in einer beweglichen Arbeitswelt stärker an ihren Kompetenzen und Interessen statt an Berufsbildern zu orientieren, die es im Zweifel in einigen Jahren in dieser Form ohnehin nicht mehr geben wird.

Über die Autor:innen

Jens Nachtwei

Jens Nachtwei forscht und lehrt seit 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 an der Hochschule für angewandtes Management in den Bereichen Ingenieur- und Organisationspsychologie. Er verfasst seine Texte via VERB×A.

https://www.researchgate.net/publication/396440828_VERBA

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