Offene Türen und ein KI-Führerschein ab Klasse 6: Die Freiherr-vom-Stein-Schule in Immenhausen denkt Schule seit einigen Jahren neu. Als ChatGPT erschien, traf die Technologie auf eine Schule, die Veränderung bereits eingeübt hatte.
Die Freiherr-vom-Stein-Schule im nordhessischen Immenhausen sieht auf den ersten Blick aus wie viele andere Schulen auch: ein funktionaler Zweckbau aus den späten 1960er-Jahren, lange Flure, die Klassenräume links und rechts wie auf einer Perlenkette aufgereiht. „Wir sind eigentlich eine furchtbar langweilige Flurschule“, sagt Schulleiterin Tina Hoffmann-Deist und lacht.
Wer genauer hinschaut, merkt jedoch schnell, dass hier etwas anders läuft. Die Türen zu den Klassenzimmern stehen offen. Schüler:innen wechseln zwischen den Arbeitsräumen, sitzen auf Sitzkissen im Flur oder arbeiten in kleinen Gruppen zusammen. Lehrkräfte sind unterwegs zwischen den flexiblen Lernlandschaften, Input- und Coachingräumen.
„SchuleNeuDenken“ heißt das pädagogische Konzept, das die Schule seit einigen Jahren verfolgt. Der Anstoß kam aus der Corona-Pandemie. Als die Schüler:innen plötzlich zu Hause lernen mussten, wurde deutlich, dass viele mit der neu gewonnenen Freiheit überfordert waren.
Die Pandemie hatte eine Schwachstelle offengelegt. Selbstständiges Lernen war bislang kaum systematisch eingeübt worden. Die Antwort auf diese Erfahrung ist heute überall im Schulgebäude sichtbar: die offenen Lernlandschaften, die Architektur, die zu selbstreguliertem Lernen anregt. „Wir dürfen nicht auf die nächste Pandemie oder die nächste Krise warten, um Kinder zu befähigen, selbstständig zu lernen und zu arbeiten“, sagt Hoffmann-Deist.
Wir dürfen nicht auf die nächste Pandemie oder die nächste Krise warten, um Kinder zu befähigen, selbstständig zu lernen und zu arbeiten.
KI-Schulentwicklung: Von der Flurschule zur Lernlandschaft
Aus dieser Erfahrung heraus begann die Schule, sich neu zu erfinden. Klassenräume wurden zu Lernlandschaften, Flure zu Arbeitsorten, Lehrkräfte zu Lernbegleiter:innen. Die Schüler:innen planen seither ihre Woche selbstständig, setzen sich Ziele und reflektieren, was gelungen ist und was nicht. Als einige Jahre später ChatGPT erschien, traf die Technologie auf eine Schule, die Veränderung bereits eingeübt hatte. Mit ihrem KI-Führerschein für die Jahrgangsstufen 5 und 6 schaffte es die Freiherr-vom-Stein-Schule inzwischen auf die Shortlist des Deutschen KI-Schulpreises.
Dass Hoffmann-Deist heute eine Schule leitet, die als Vorreiterin für digitale Bildung gilt, überrascht auf den ersten Blick. Hoffmann-Deist kommt aus der Literaturwissenschaft. Ihre Dissertation schrieb sie über das Exilkabarett „Die Pfeffermühle“ und dessen Gründerin Erika Mann. Die Schauspielerin, Journalistin und Kabarettistin rebellierte gegen die bürgerliche Gesellschaft. Hoffmann-Deist erkennt ein paar Ähnlichkeiten zu ihrer eigenen Person. „Ein bisschen rebellisch muss man sein, wenn man möchte, dass es vorangeht“, sagt sie.
Schulversuch: „Digitale Welt“ als eigenes Fach
Wie diese Haltung im Alltag aussieht, zeigt sich im Fach „Digitale Welt“, das die Schule seit zwei Jahren im Rahmen eines Schulversuchs unterrichtet. Dort lernen die Schüler:innen zunächst den Umgang mit ihren Tablets, später folgt der KI-Führerschein. Sarah Kreutzer, Lehrerin für Englisch und Französisch, gehört zu denjenigen, die das Konzept entwickelt haben. Als sie vor zweieinhalb Jahren an die Schule kam, meldete sie sich freiwillig für das neue Fach. „Es hat mich gereizt, etwas Neues auszuprobieren“, sagt sie. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen absolvierte sie Fortbildungen, entwickelte Unterrichtsmaterialien und baute den KI-Führerschein auf.
Die Unterrichtseinheiten in „Digitale Welt“ haben wenig mit klassischen Informatikstunden gemeinsam. Die Schüler:innen programmieren kleine Roboter, verfolgen per QR-Code den Weg eines Frühstückseis oder diskutieren über Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Den KI-Führerschein absolvieren alle Schüler:innen ab der sechsten Klasse. Zunächst geht es um Grundlagen: Was ist eine KI? Wie funktioniert sie? Wo liegen ihre Grenzen? „Wir verstehen den Umgang mit KI als Teil digitaler Mündigkeit“, so Kreutzer, „ähnlich selbstverständlich wie Lesen, Schreiben oder Medienkompetenz.“
Wir verstehen den Umgang mit KI als Teil digitaler Mündigkeit – ähnlich selbstverständlich wie Lesen, Schreiben oder Medienkompetenz.
Capybaras im Weltall und andere KI-Experimente
Besonders beliebt in ihren Unterrichtsstunden sind die praktischen Übungen. Einmal mussten die Kinder ein Rollenspiel durchführen: Ein Schüler spielte einen Menschen, der andere eine KI. Sie führten Gespräche, erzählten Geheimnisse oder simulierten Alltagssituationen. „Da merkt man plötzlich, wie schwierig es ist, wie ein Computer zu sprechen“, erzählt Kreutzer. Ein andermal entstanden KI-generierte Fantasiegeschichten oder Bilder. „Da waren Capybaras im Weltall unterwegs und fuhren Ferrari“, erinnert sie sich.
Die Schule verfolgt einen bewusst offenen Ansatz. KI soll weder verteufelt noch unkritisch gefeiert werden. „Wenn wir uns dem Thema verweigern, verschwindet es ja nicht“, sagt Kreutzer. Viel sinnvoller sei es, den Umgang damit gemeinsam einzuüben. Schüler:innen lernen deshalb nicht nur, wie man gute Prompts schreibt, sondern auch, wie man Ergebnisse überprüft, Quellen hinterfragt oder Deepfakes erkennt.
Skepsis: Manche Familien haben die Schule verlassen
Als die Schule vor einigen Jahren begann, Lernen grundsätzlich neu zu organisieren, gab es zunächst Skepsis. Manche Familien entschieden sich damals sogar bewusst für andere Schulen. Auch Lehrkräfte mussten überzeugt werden. „Alles, was neu ist, wird bis heute regelmäßig diskutiert“, sagt Hoffmann-Deist. Noch immer müsse die Schulleitung manchmal gegensteuern, wenn sich alte Routinen wieder einschleichen. Zugleich entscheiden sich heute viele neue Lehrkräfte bewusst für das Schulprofil.
Ihre Führungsaufgabe sieht Hoffmann-Deist vor allem darin, Orientierung zu geben. Entscheidungen würden gemeinsam getroffen, diskutiert und immer wieder überprüft. Auf diese Weise müsse am Ende ein gemeinsamer Weg entstehen. „Wenn sich die Schulgemeinschaft für etwas entschieden hat, dann ist es unsere Aufgabe, das mitzutragen.“
„Einfach machen! Natürlich mussten auch wir uns schon anhören, wir würden Schüler:innen als Versuchskaninchen benutzen, wenn wir neue Unterrichtskonzepte ausprobieren. Aber Schule kann nicht so bleiben, wie sie immer war. Lernen verändert sich. Deshalb würde ich anderen Schulen raten: Gemeinsam überlegen, wo man sich verändern möchte, an einem Punkt anfangen und dann schauen, wie es läuft. Wichtig ist, die Menschen mitzunehmen und immer wieder nachzufragen, wie es ihnen mit den Veränderungen geht. Für mich sind dabei die Gespräche mit den Schüler:innen die wichtigste Form der Evaluation. Am Ende geht es schließlich darum, ob die Veränderungen den Kindern helfen.“
Dr. Tina Hoffmann-Deist, Schulleiterin der Freiherr-vom-Stein-Schule Immenhausen
Neue KI-Pläne für die Zukunft
Für die kommenden Jahre hat die Schulleitung bereits neue Pläne: Langfristig will die Freiherr-vom-Stein-Schule das Thema KI noch stärker in die Schulentwicklung integrieren: durch Peer-Learning-Formate mit älteren Schüler:innen als KI-Guides, Wahlpflichtangebote in höheren Jahrgängen und fächerübergreifende Projekte. Auch in der Schulverwaltung sieht Hoffmann-Deist Potenzial, etwa bei intelligenten Datenbanken, die Verordnungen und Regelwerke leichter zugänglich machen. Vor allem aber möchte sie an einer Haltung festhalten, die weit über das Thema KI hinausgeht. „Einfach ausprobieren!“
Stadt: Immenhausen (Landkreis Kassel)
Bundesland: Hessen
Schulform: Kooperative Gesamtschule mit Förderstufe sowie Haupt-, Real- und Gymnasialzweig
Schüler:innen: ca. 700
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Anja Reiter
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