Im Januar 2026 startete das EdTech Policy Lab. Das Projekt will die Kommunikation zwischen Politik, Bildungsverwaltung und Akteur:innen der digitalen Bildungswirtschaft unterstützen und dafür strukturierte Dialogräume anbieten - denn gerade in Deutschland ist diese Verständigung herausfordernd.
Digitale Angebote bieten wichtige Impulse für Schul- und Unterrichtsentwicklung. Doch das damit verbundene Potenzial wird in der Praxis kaum genutzt. In der Zusammenarbeit zwischen Bildungspolitik, Verwaltung und EdTech-Branche ruckelt es, und es gibt nur wenig lösungsorientierten Austausch untereinander. So festigen sich auf beiden Seiten Vorbehalte, die die Kommunikation und die Zusammenarbeit weiter erschweren. Auf Verwaltungsseite steht der Verdacht im Raum, Akteur:innen der EdTechs seien nur am Profit und damit am Verkauf ihrer Produkte interessiert. Die Wirtschaft wiederum bemängelt die Trägheit des Systems und unterstellt der öffentlichen Hand, aus Angst vor Kontrollverlust digitale Lösungen wie im Fall von AIS.chat lieber selbst entwickeln zu wollen, statt die Expertise der EdTechs und erprobte Angebote zu nutzen.
Diese schwierige Ausgangslage hat das Forum Bildung Digitalisierung, gemeinsam mit der gemeinnützigen European EdTech Alliance (EEA), der Bertelsmann Stiftung, der Robert Bosch Stiftung, der Vodafone Stiftung Deutschland sowie der Heraeus Bildungsstiftung dazu bewogen, das EdTech Policy Lab auf den Weg zu bringen. Es versteht sich als geschützter Raum, in dem öffentliche Hand und Verbände der digitalen Bildungswirtschaft in einen offenen Dialog treten, sich vernetzen und tragfähige Kooperationen aufbauen können. „Wir wollen nicht nur Gleichgesinnte zusammenbringen, sondern Akteur:innen mit unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Erfahrungen in einen strukturierten Austausch bringen“, erklärt Antonia Clary, die den Prozess vonseiten der EEA mitgestaltet. Dabei soll auch systematisch erhoben werden, wo die Bruchstellen des bisherigen Dialogs liegen – etwa bei Rollen, Zuständigkeiten, Mandaten oder unterschiedlichen Sprachen und Begriffen.
Es geht vor allem um den Aufbau von Vertrauen
Im Januar 2026 startete das Projekt. Im Jahresverlauf trafen und treffen sich Akteur:innen in unterschiedlichen Konstellationen zu moderierten Arbeitsformaten. Überwiegend waren das im Edtech Policy Lab bislang Online-Formate wie Listening Sessions, Interviews im Hintergrund oder auch Web-Seminare. Dazwischen kommen die Stakeholder bei Begegnungen vor Ort zu Diskussionen oder Workshops zusammen.
Die vertraulichen Listening Sessions sind eine wichtige Grundlage. Hier können die jeweiligen Stakeholder ungefiltert über Probleme, Frustrationen und Hindernisse sprechen. „Es geht zunächst darum, zuzuhören und zu verstehen“, sagt Clary. In Web-Seminaren geht es um bildungspolitische und pädagogische Herausforderungen sowie bereits bestehende Dialogstrukturen aus dem Ausland. In den Workshops werden dann gemeinsam Wege und Ansätze diskutiert. Denn: „Tragfähige Lösungen müssen die Erfahrungen und Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen“, betont Ralph Müller-Eiselt, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung.
Wir sind die Vermittler zwischen den Welten und verfolgen keine eigene Agenda außer den vertrauensvollen Dialog von Politik, Verwaltung und Unternehmen der digitalen Bildungswirtschaft zu fördern.
Senior Projektmanager, Forum Bildung Digitalisierung
Ziel des EdTech Policy Lab ist es nicht, bestehende Streitfragen zu lösen oder gar Unternehmen Zugang zu Aufträgen zu verschaffen. „Wir wollen nicht eine Bühne oder einen Marktplatz für die EdTechs bieten, sondern die strukturellen Fragen der Zusammenarbeit klären“, sagt Müller-Eiselt, „vor allem aber geht es darum, Vertrauen zwischen den Akteur:innen aufzubauen“. Das Forum Bildung Digitalisierung sieht sich dabei in der Rolle des Brückenbauers. „Wir sind die Vermittler zwischen den Welten und verfolgen keine eigene Agenda außer den vertrauensvollen Dialog von Politik, Verwaltung und Unternehmen der digitalen Bildungswirtschaft zu fördern“, wie es Daniel Böhme beschreibt. Er ist im Forum verantwortlich für die Koordination des Projekts.
Die unterschiedlichen Logiken der Akteur:innen verstehen
Bei der European EdTech Alliance liegt die inhaltliche und methodische Gestaltung der einzelnen Formate. Die EEA bringt viel Erfahrung aus ähnlichen Projekten mit anderen Ländern in Europa ein. Antonia Clary hat dabei festgestellt, dass es überall die gleichen Hürden sind, die den Dialog erschweren: Zuständigkeiten sind unklar, die Informationen fließen nicht, und die Denkweisen von Schulpraxis, Politik und Wirtschaft sind unterschiedlich. Daher steht für Böhme im Zentrum: „Wer spricht mit wem, wann, worüber und zu welchem Zweck?“. Für Clary ergeben sich daraus die drei Leitfragen für das EdTech Policy Lab: „Wie schaffen wir Vertrauen? Wie verstehen wir die Logiken der jeweils anderen Akteur:innen? Und welche Strukturen ermöglichen nicht nur Austausch, sondern erzielen auch Wirkung?“
Als erfolgreiches Format haben sich bei der EEA neben den vertraulichen Listening Sessions auch Open Listening Sessions erwiesen. Dazu werden zum Beispiel Initiativen oder Stakeholder aus anderen Bereichen oder aus dem Ausland zu einem öffentlichen Dialog eingeladen. Eine erste solche Session hat mit Vertreter:innen der EdTech-Wirtschaft in Spanien und Ungarn bereits stattgefunden, eine zweite zwischen Finnland und den Niederlanden. Auch in Deutschland sind solche offenen Formate geplant.
Föderales System in Deutschland macht die Ausgangslage noch komplexer
Stärker als anderswo kommt in Deutschland als Herausforderung die föderale Struktur hinzu. Für Fragen zu Beschaffung, Datenschutz oder technischen Standards gibt es immer eine Vielzahl von Ansprechpartner:innen und unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Diese Komplexität birgt aus Sicht von Clary aber auch die Chance, „Modelle zu entwickeln, wie Dialog und Zusammenarbeit selbst in hochgradig fragmentierten Systemen gelingen können“.
Es geht nicht darum, ein einzelnes Modell für alle zu entwickeln. Unser Ziel ist es vielmehr, einen Werkzeugkasten bereitzustellen, aus dem unterschiedliche Akteur:innen die Elemente auswählen können, die zu ihrem jeweiligen Kontext passen.
Policy and Research Strategist, European EdTech Alliance (EEA)
Am Ende des einjährigen Prozesses soll ein Praxisleitfaden, ein „Playbook“ stehen. Im Dezember wird er bei der Abschlussveranstaltung des Projekts vorgestellt und diskutiert. Der Leitfaden enthält den Status quo mit Stakeholder-Mapping und einem Überblick bestehender Formate. Außerdem werden Themen wie Rollenklärung oder die Arbeitsweise in den Dialogräumen dargestellt. Aus all dem leiten sich Empfehlungen für mögliche Änderungen in den Dialog- und Kooperationsstrukturen ab.
„Es geht nicht darum, ein einzelnes Modell für alle zu entwickeln. Unser Ziel ist es vielmehr, einen Werkzeugkasten bereitzustellen, aus dem unterschiedliche Akteur:innen die Elemente auswählen können, die zu ihrem jeweiligen Kontext passen“, erklärt Clary. „Den Prozess zu verstetigen und dauerhaft zu orchestrieren“ – das wäre aus Sicht von Müller-Eiselt daher das ideale Ergebnis des EdTech Policy Lab.
Lizenzhinweis
Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Annette Kuhn
Sie dürfen das Material unter Nennung der Lizenz CC BY 4.0 und des Urhebers nutzen und weiterentwickeln.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken oder Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.