Künstliche Intelligenz verändert über kurz oder lang jeden Beruf. KI-Kompetenzen werden für Azubis daher immer wichtiger. Wie ist das System der beruflichen Ausbildung in Deutschland aufgestellt? Wie verbreitet ist KI in Berufsschulen und Betrieben und welche Rolle spielt KI in Prüfungsformaten von morgen? Drei Experten aus Wissenschaft und Praxis liefern Antworten.
„33.000 europäische Pflanzen müsste ein Azubi der Forst- und Jagdberufe heute kennen, um wirklich fit für die Zukunft zu sein“, sagt Jens Hepper. „Auswendiglernen macht da keinen Sinn mehr.“ Der Förster und Berufsschullehrer an der Berufsschule BBS II im niedersächsischen Northeim setzt daher Fach-GPTs – also selbst kuratierte KI-Chatbots, ein, um seinen Schüler:innen die Pflanzenbestimmung zu erleichtern. Im Wald prallen dabei gerade zwei Megatrends aufeinander, erklärt er: Künstliche Intelligenz (KI) und der Klimawandel. Denn plötzlich tauchen in Deutschland Pflanzen auf, denen es hier noch vor wenigen Jahren zu kalt oder zu nass war.
Ich kann mir keinen Beruf vorstellen, bei dem KI keine Rolle spielen wird.
Referatsleiter Weiterentwicklung der Beruflichen Ausbildung, Deutsche Industrie- und Handelskammer
Nicht alle Ausbildungsberufe sind so unmittelbar von klimatischen Veränderungen betroffen wie Förster oder Landwirt. Die KI wird jedoch künftig jedes Berufsbild verändern. Da ist sich Michael Assenmacher von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sicher. „Ich kann mir keinen Beruf vorstellen, bei dem KI keine Rolle spielen wird. Schließlich muss in jedem Berufsfeld dokumentiert werden. Da kann KI viel Zeit sparen. Und auch darüber hinaus wird sie viele Arbeitsprozesse verändern.“ Die Frage ist allerdings, ob die Auszubildenden auch gut auf diese neue Welt vorbereitet werden. Derzeit ergibt sich in der beruflichen Bildung noch ein sehr differenziertes Bild.
Vermittlung von KI-Kompetenzen hängt von Einzelnen ab
Bei einer Befragung von 630 Ausbilder:innen innerhalb des vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Projekts Netzwerk Q, gaben 74,7 Prozent der Befragten an, ihre Azubis auf die Nutzung von KI vorzubereiten – 39,5 Prozent davon intensiv. 25,3 Prozent antworteten allerdings auch, die Auszubildenden kaum vorzubereiten. Die Daten zeigen außerdem, dass KI in der Berufsausbildung eher ein Thema in wirtschafts- und gesellschaftsnahen Dienstleistungsunternehmen ist und weniger in Branchen wie dem Handwerk, dem Bau oder dem Handel.
Insgesamt sei das Thema KI in den Berufsschulen und den Betrieben noch stark von der Initiative von Einzelpersonen abhängig, so Oliver Nahm, KI-Experte am Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB). Es gebe Institutionen, die bereits eigene Chatbots haben und die KI-Kompetenz der Azubis über personalisierte Lernpfade stärken. Andere beschränken sich eher auf den niedrigschwelligen Einsatz von generativer KI. Lehrkräfte nutzten Large Language Models (LLM) etwa zur Erstellung von Arbeitsblättern und zur Unterrichtsplanung, Schüler:innen zur Recherche, zur Übersetzung von Aufgaben in ihre Muttersprache oder zur Simulation von Kundengesprächen.
Mit KI in die Zukunft schauen
Eine Technologie, die sich so rasant ausbreitet, bringt auch Vorbehalte und Unsicherheiten mit sich. Viele Lehrkräfte und Ausbilder:innen haben das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Auch Jens Hepper trifft in seinem Alltag als Berufsschullehrer auf viel Skepsis im Kollegium. Gerade in einem so traditionell verwurzelten Berufsfeld wie den Forst- und Jagdberufen trauerten einige den Zeiten nach, in denen die Prüflinge am Ende der Ausbildung ihre 120 Pflanzen einfach auswendig runterbeten konnten, sagt der studierte Forstwirt. „Aber es hilft nichts. KI wird nicht wieder gehen. Wir müssen uns ebenso anpassen wie die Pflanzen.“ Heute seien andere Kompetenzen gefragt, z. B. zu lernen, gute Fotos zu machen, damit die KI die Chance hat, die feinen Unterschiede zwischen Pflanzenarten zu erkennen.
Geht es dann an größere Projekte, wie eine Aufforstung zu planen, kann Hepper sich einen künftigen Förster ohne KI noch weniger vorstellen. In seinen GPTs sind neben Fachmaterialien zu Waldbau und Wildökologie auch komplexe Klimaprojektionen hinterlegt, die den Azubis einen Blick in die Zukunft ermöglichen und ihnen zeigen, welche Bedingungen auf der vor ihnen liegenden Brachfläche im Jahr 2100 herrschen werden. „Entscheidungen in der Forstwirtschaft betreffen Generationen,“ sagt Hepper. Erfahrungswissen und alte Bestimmungsbücher reichten heute nicht mehr als Grundlage, ist er sich sicher.
Je kleiner der Beruf, desto größer die Gefahr, dass die KI halluziniert.
KI-Experte, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Die Grenzen von LLMs erkennen
Dass Hepper und seine Schüler:innen mit den KI-Tools erfolgreich arbeiten können, liegt auch daran, dass sie eigens für das Berufsbild entwickelt wurden und man genau weißt, was drinsteckt. Offen zugängliche Chatbots wie ChatGPT oder Perplexity bleiben dagegen eine Black Box. Gerade bei kleineren Berufen, sind oft nicht genug Trainingsdaten hinterlegt, damit die KI sinnvolle Antworten oder Texte kreieren kann. „Je kleiner der Beruf“, so Oliver Nahm, „desto größer die Gefahr, dass die KI halluziniert.“ Will ein Azubi sich mit einem LLM auf seine Prüfung vorbereiten, sei das für Einzelhandelskaufleute sehr hilfreich, im Geigenbau dürfte die Datenlage noch eher dünn sein. Eine der wichtigsten Aufgaben der Ausbilder:innen sei daher, den Azubis die Beschränkungen der LLMs vor Augen zu halten, so Nahm. Ein kritischer Umgang mit KI sei aber derzeit eher weniger festzustellen. Eine aktuelle Studie von Ernst & Young habe gezeigt, dass in Deutschland nur 27 Prozent der Menschen KI-Antworten gegenchecken. „Eine Vollkatastrophe“, sagt der studierte Kulturwissenschaftler und Pädagoge.
Über Lernerfolg darf KI nicht allein entscheiden
Nicht nur die Grenzen, auch die Gefahren von KI sind in der beruflichen Bildung derzeit ein wichtiges Thema, so Michael Assenmacher. Bislang fehle die Rechtssicherheit. Das betreffe auch adaptive Lernsysteme. „Berufsschulen und Betriebe bewegen sich bei deren Einsatz schnell im Hochrisikobereich.“ Eine KI dürfe am Ende nicht allein über den Lernerfolg eines jungen Menschen entscheiden, sagt der Referatsleiter für Weiterentwicklung der Beruflichen Ausbildung bei der DIHK. Laut EU-KI-Verordnung gelten Systeme Künstlicher Intelligenz, die bestimmungsgemäß Lernergebnisse bewerten oder damit Lernprozesse steuern, grundsätzlich als Hochrisiko-KI-Systeme. Eine externe Überwachung sei natürlich nicht wünschenswert, findet auch Oliver Nahm. Wenn Lernende adaptive Systeme aber nutzen, um ihren Lernprozess zu evaluieren, sei er sehr dafür.
Potenzial von KI in der Lernförderung
Letztlich sei es wichtig, dass die Lehrkraft sicherstellt, dass der Bot wirklich hilft und die KI nicht einfach freigelassen werde, warnt Nahm. Bei einzelnen Lernenden – auch im Autismus-Spektrum – kenne er Beispiele, in denen der Einsatz von KI sozialen Rückzug eher verstärkt habe. Das könne geschehen, wenn ein Chatbot menschliche Lern- und Begegnungsräume nicht ergänzt, sondern ersetzt und sich eine lernende Person dadurch stärker zurückzieht. Auch der Kommunikationsstil von Chatbots könne für einzelne Lernende zum Problem werden. Wenn eine KI stets verständnisvoll und bestätigend reagiere, bilde sie Situationen mit direkter oder kritischer Rückmeldung durch Vorgesetzte oder Kund:innen nur unzureichend ab, sagt der gelernte Pädagoge.
Das Feedback kommt von einer neutralen Ebene und die Lernenden sind nie auf sich allein gestellt.
Förster und Berufsschullehrer, BBS II Northeim
Letztlich bewertet Oliver Nahm das Potenzial zur Lernförderung aber positiv. Ein Schüler oder eine Schülerin, die aus Sicht der anderen eine vermeintlich blöde Frage gestellt hat, wird diese nicht vor allen wiederholen, wenn die Antwort noch nicht weitergeholfen hat. „Die KI kann ich 20-mal fragen und sie lacht mich nicht aus.“ Eine Erfahrung, die auch Jens Hepper gemacht hat. Die Arbeit mit KI führe dazu, dass gerade diejenigen, die Lernschwierigkeiten haben, extrem profitieren. „Das Feedback kommt von einer neutralen Ebene und die Lernenden sind nie auf sich allein gestellt.“
Prüfungen im KI-Zeitalter weiterentwickeln
Kritiker:innen bezweifeln immer wieder, dass KI echtes Wissen vermittelt. In China wies eine große Studie mit 26.000 Schüler:innen nach, dass KI zwar half, die Hausaufgaben besser und schneller zu schaffen, die Klausuren im Anschluss aber viel schlechter ausfielen. „KI kann einem auch das Gefühl geben, alles ist gut. Und dann am Schluss schmiert man ab“, sagt Nahm. Prüfungen allein könnten Deskilling nicht verhindern, betont Nahm. Dennoch müssten sie an den KI-Einsatz angepasst werden, damit vorhandene Kompetenzen verlässlich sichtbar blieben. Die Berufsbildung sei dabei vergleichsweise gut aufgestellt, weil viele Prüfungen bereits handlungsorientiert seien und reale berufliche Problemstellungen aufgriffen. Eine Ergänzung könnten sogenannte Prüfungszwillinge sein: An einen mit oder ohne KI bearbeiteten Teil schließe sich ein Fachgespräch zum Lösungsweg und zu den zugrunde liegenden Kompetenzen an. „Hat jemand ohne Hintergrundwissen etwas mit KI erstellen lassen, reichen dem Prüfer oder der Prüferin zehn Minuten aus, drüber zu sprechen und alles fällt auseinander.“ Für bestimmte Projekt- und Hausarbeiten empfiehlt die DIHK seit 2025 die Zulassung von KI-Tools, sofern deren Nutzung transparent gemacht wird, sagt Assenmacher. Der Nachweis beruflicher Handlungsfähigkeit werde künftig zunehmend auch den kompetenten Einsatz von KI umfassen. „Es macht keinen Sinn, einem Fachinformatiker KI in der Prüfung zu verbieten, wenn er drei Jahre lang in seiner Ausbildung jeden Tag mit ihr gearbeitet hat.“
KI-Angebote des Bundesinstituts für Berufsbildung
Über die Plattform leando bietet das Bundesinstitut für Berufsbildung verschiedenste Lernpfade zum Thema generative KI an, die dabei unterstützen, erste praktische Erfahrungen mit KI in der Ausbildung zu machen. Auch in der Webinar-Reihe KI & Kaffee können sich Lehrkräfte, Ausbilder:innen und Prüfungsverantwortliche an jedem zweiten Freitag zwanglos informieren.
KI-Kompetenzen für alle
Ob KI nun als Lernbegleiter in Berufsschulen und Betrieben oder in Abschlussprüfungen eingesetzt wird – wichtig sei, dass sich die Ausbilder:innen und Lehrkräfte mit der neuen Technologie auseinandersetzen und sie anwenden, findet Assenmacher. Auch wenn es für sie keine Verpflichtungen zu einer KI-Weiterbildung gebe und Artikel 4 der EU-Verordnung die Verantwortung für den Erwerb von KI-Kompetenzen bei den Arbeitgebern verortet, sieht Assenmacher eine ethische Verpflichtung der Ausbilder:innen gegenüber den Auszubildenden. Den klassischen Weg über Schulungen findet er wenig effektiv. Man müsse die Systeme ausprobieren. Auch Oliver Nahm plädiert dafür, einfach anzufangen, sich über seine Erfahrungen auszutauschen und von Best-Practice-Beispielen zu lernen.
Die Aneignung von KI-Kompetenzen funktioniert in der beruflichen Bildung immer weniger in eine Richtung. Azubis warten nicht auf ihre Ausbilder:innen, sondern erwerben KI-Wissen häufig schneller als ihre Lehrkräfte. Das kommt dann auch den Betrieben zugute. Die DIHK-Bildungs-gGmbH unterstützt digital besonders affine Nachwuchskräfte gezielt mit einem Zertifikatslehrgang. Die Weiterbildung zum „KI-Scout“ soll Azubis qualifizieren, Einsatzmöglichkeiten von KI im eigenen Ausbildungsbetrieb zu erkennen und Use-Cases zu entwickeln, sagt Assenmacher. Im niedersächsischen Northeim scheint das auch ohne Lehrgang zu funktionieren. Die Förster-Azubis haben in ihren Betrieben für die Vorzüge der Forst-KIs Werbung gemacht. Die frei zugänglichen Fach-GPTs werden mittlerweile von rund 200 weiteren Nutzer:innen in der Forst- und Jagdwirtschaft eingesetzt, freut sich Hepper. Tradition und KI scheint in diesem Berufsfeld doch nicht so weit auseinander zu liegen.
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Strömberg, David, Lei, Victor, & Wu, Yanhui (2026). The generative AI learning penalty: Evidence from Chinese secondary education (CEPR Discussion Paper No. 21577). CEPR Press.
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