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Wozu KI in der Grundschule? Sollte das Thema in der Grundschule tabuisiert werden?

  • Prof. Dr. Thomas Irion
  • Nina Autenrieth
5 | 17. Juni 2025

Künstliche Intelligenz hat zunehmend auch Einfluss auf die Lebenswelt von Kindern im Grundschulalter. Das wirft die Frage auf, ob ihnen in der Schule bereits basale KI-Kompetenzen vermittelt werden sollten. Es ist an der Zeit, dass Grundschulen sich auf diese Entwicklungen einrichten – sowohl in ihrer Führungskultur als auch bei der Professionalisierung der Lehrkräfte.

Sollte Künstliche Intelligenz (Russell & Norvig 2012) ein Thema in der Grundschule sein oder gehört es (noch) nicht dorthin? Diese Frage wird derzeit intensiv diskutiert. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von KI zur Unterstützung der Lehrkraft etwa bei der Unterrichtsvorbereitung. Vielmehr rückt auch die Frage in den Fokus, ob und wie Kinder bereits im Grundschulalter grundlegende Kompetenzen im Umgang mit KI erwerben können, zum Beispiel, indem KI gezielt als Partnerin im Rahmen von Lehr-Lern-Szenarien eingesetzt wird (D. Autenrieth 2025; D. Autenrieth, N. Autenrieth & Irion 2024). Die Diskussion lässt sich in eine Entwicklungslinie einordnen: So wurde in den letzten 50 Jahren immer wieder die Frage gestellt, ob und wofür digitale Medien in der (Grund-)Schule sinnvoll eingesetzt werden können und wie ein solcher Einsatz gestaltet werden sollte.

Warum ist KI auch für die Grundschule relevant?

Döbeli Honegger (2016) argumentiert auf die Frage, warum das Digitale für die Schule wichtig ist, unter anderem mit vier zentralen Argumentationslinien:

1. Lebensweltargument

2. Zukunftsargument

3. Lernargument

4. Effizienzargument

Für die Grundschule hat Irion (2018) diese Argumentation weiterentwickelt und dabei zentrale Erkenntnisse zur kindlichen Mediennutzung und Positionen der Grundschulpädagogik und Medienbildung integriert. Im Zentrum steht die Forderung, Kinder beim Lernen über, mit und durch digitale Medien zu unterstützen unter Berücksichtigung spezifischer grundschulpädagogischer Prämissen (Irion 2016). Die kulturelle Dimension digitaler Transformation wurde seitdem durch den Begriff der Kultur der Digitalität (Stalder 2016) theoretisch erweitert: Schulen müssen Kinder nicht nur an Technik heranführen, sondern sie dazu befähigen, sich in einer digital-medial geprägten Welt aktiv und kritisch zu orientieren (Hauck-Thum 2021; Irion 2020).

Angesichts der sich bereits konkret vollziehenden tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformation durch generative KI sind Döbeli Honeggers Argumentationslinien weiter zu differenzieren. KI-Systeme übernehmen zunehmend traditionell menschliche Tätigkeiten und nähern sich menschlichen Fähigkeiten wie Kreativität und divergentem Denken an – oder übertreffen diese sogar (Autenrieth 2024). Der Umgang mit solchen Systemen erfordert spezifische Kompetenzen in den Bereichen Reflexion, Analyse, Nutzung und Gestaltung (D. Autenrieth, N. Autenrieth & Irion 2024; Irion, Peschel & Schmeinck 2023). Insbesondere auch mit Blick auf die Zukunftskompetenzen, wie sie zum Beispiel im OECD Learning Compass (OECD 2019) formuliert sind, ist zu überlegen, inwiefern die Förderung von KI-Kompetenzen in Kita und Grundschule nicht nur für die Erschließung der aktuellen Lebenswelt bedeutsam ist, sondern als Schlüsselkompetenzen auch für den Erwerb weiterer Kompetenzen immer wichtiger werden. Auch im Hinblick auf Future Skills sollten möglicherweise schon jetzt traditionelle Kompetenzen um neue Kompetenzfacetten erweitert werden, Stichwort Komplementäre Intelligenz (D. Autenrieth 2025). 

Auch im Hinblick auf Future Skills sollten möglicherweise schon jetzt traditionelle Kompetenzen um neue Kompetenzfacetten erweitert werden, Stichwort Komplementäre Intelligenz.

Thomas Irion & Nina Autenrieth

Zugleich ist zu fragen, welche Folgen der Einsatz von KI für die Lern-, Lehr- und Prüfungskulturen der Grundschule haben kann beziehungsweise sollte und wie diese Veränderungsprozesse aus pädagogischer und fachdidaktischer Sicht zu bewerten sind. Eine zentrale Rolle für die erfolgreiche Thematisierung und Nutzung von KI in Grundschulen spielen dabei neben inhaltlichen Fragen auch Fragen der Ausstattung, Professionalisierung, Schulentwicklung und Führung. Der vorliegende Beitrag fokussiert zunächst auf den Lebenswelt- und Zukunftsbezug.

Lebensweltliche Anknüpfungspunkte – auch für Kinder 

Auf den ersten Blick scheint KI in der aktuellen Lebenswelt von Grundschulkindern weniger präsent zu sein als andere digitale Technologien wie Smartphones oder soziale Medien. Im Sommer 2024 nutzten lediglich drei Prozent der Menschen in Deutschland ab 16 Jahren täglich KI-Chatbots (Deutsche Telekom 2024). Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass KI oft unbemerkt bereits in der Lebenswelt von Kindern präsent ist, beispielsweise durch „smarte“ Spielzeuge oder Empfehlungssysteme in Streaming-Diensten, und damit auch jetzt schon Relevanz für das Aufwachsen von Kindern hat. Zudem erleben Kinder zunehmend, wie Erwachsene KI nutzen oder werden von diesen schon in Anwendungsszenarien eingeführt. Mit Blick auf die Zukunft unserer Gesellschaft wird allerdings zudem deutlich, dass KI-Systeme sich rasant weiterentwickeln und Grundschulkinder, die heute eingeschult werden, in einer völlig veränderten Welt die Schule wieder verlassen werden.

Was sagen wissenschaftliche und bildungspolitische Empfehlungen?

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission empfahl Ende 2023, KI-Sprachmodelle, die sogenannten Large Language Models (LLMs), in der Grundschule zu vermeiden, um den Aufbau grundlegender Lese- und Schreibkompetenzen nicht zu gefährden (SWK 2023). Doch die Technologie hat sich seitdem bereits stark weiterentwickelt: Mit dem Aufkommen immer mehr stimmbasierter Dialogsysteme wird die Interaktion mit LLMs um natürlich-sprachliche, dialogische Kommunikation in Echtzeit erweitert. Diese Entwicklung eröffnet neue Möglichkeiten, Kindern altersgerecht die Aneignung eines grundlegenden Verständnisses fFür die Nutzungsmöglichkeiten und Grenzen von KI-Systemen zu ermöglichen. Auf diese Weise lernen sie ihrem Entwicklungsstand entsprechend, ihre Bedürfnisse gegenüber KI-Systemen zu artikulieren. So wurde auch im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom Oktober 2024 (KMK 2024) in den Handlungsempfehlungen die Möglichkeit betont, sowohl Basis- als auch Zukunftskompetenzen mit und über KI zu fördern.

Diese Entwicklung eröffnet neue Möglichkeiten, Kindern altersgerecht die Aneignung eines grundlegenden Verständnisses für die Nutzungsmöglichkeiten und Grenzen von KI-Systemen zu ermöglichen.

Thomas Irion & Nina Autenrieth

Grundschule als Gestaltungsraum der Gegenwart

Aus Sicht der DGfE-Kommission Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe (2023) hat die Grundschule als erste verpflichtende Bildungseinrichtung die zentrale Aufgabe, Kinder auf eine zunehmend digital-medial geprägte Welt vorzubereiten und sie in die Lage zu versetzen, diese Welt mitzugestalten. Unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund der Kinder muss digitale Grundbildung grundlegende Anwendungskompetenzen und einen kritisch-reflexiven Umgang mit der Digitalität für alle Kinder absichern. Diese Sichtweise wird gestützt durch vielfältige bildungswissenschaftliche, allgemeindidaktische und fachdidaktische Diskurse (für einen Überblick vgl. Kammerl, Irion, Böttinger & Stephan 2022). Einen pauschalen Ausschluss der Thematik KI aus der Grundschule verkennt diese bildungspolitische Verantwortung und würde notwendige grundschulpädagogische und -didaktische Auseinandersetzungen lediglich aufschieben.

Angesichts der skizzierten Entwicklungen muss sich die Grundschule als aktive Gestalterin einer KI-geprägten Gegenwart und Zukunft begreifen. Dafür braucht es eine zukunftsorientierte Führungskultur, die Visionen partizipativ entwickelt und umsetzt (N. Autenrieth 2025) sowie eine systematische und nachhaltige Professionalisierung für Lehrkräfte, die eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit den pädagogischen, ethischen und gesellschaftlichen Implikationen von KI ermöglichen.

Gerade in Hinblick auf besonders für die Grundschule relevante Herausforderungen, wie die Sicherstellung des Datenschutzes von Grundschulkindern sowie die Wahrung von wirtschaftlicher Unabhängigkeit von KI-Anbietern, gilt es nun außerdem, kind- und bildungsorientierte Ansätze zu entwickeln sowie deren Umsetzung in praxisnahen Forschungsprozessen gemeinsam mit Lehrkräften und Schüler:innen zu begleiten und kritisch zu reflektieren.

Dazu bedarf es eines kontinuierlichen Diskurses innerhalb der Grundschulpädagogik und -didaktik, der Konzepte für den sinnvollen Einsatz von KI in der Grundschule entwickelt und Potenziale für das Lehren und Lernen und die Schulentwicklung entfaltet.

Über die Autor:innen

Prof. Dr. Thomas Irion

Prof. Dr. Thomas Irion ist Erziehungswissenschaftler mit den Schwerpunkten Medienbildung und Grundschule. Er ist zuständig für das Fachreferat Future Learning und Digitalität beim Bundesgrundschulverband und außerdem Direktor des Zentrums für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.Mit-IInitiator des Konzepts CreatorSpaces (wwww.creatorspace.school).

thomas.irion@ph-gmuend.de

https://creatorspace.school/

Prof. Dr. Thomas Irion bei LinkedIn

Nina Autenrieth

Nina Autenrieth ist Erziehungswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Medienbildung und Digitalität, Leadership und partizipative Schulentwicklungsprozesse. Sie ist Akademische Mitarbeiterin und Doktorandin am Zentrum für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und Mit-Initiatorin des Konzepts CreatorSpaces (wwww.creatorspace.school). Sie promoviert aktuell zum Thema „Digitale Schulentwicklung an (Grund-)Schulen“. 

nina.autenrieth@ph-gmuend.de

https://www.ph-gmuend.de/die-ph/lehrende/a/autenrieth-nina

Nina Autenrieth bei LinkedIn

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY 4.0 – Namensnennung 4.0 International“ veröffentlicht. Autor:in: Prof. Dr Thomas Irion, Nina Autenrieth

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