Smartphones sind aus dem Alltag von Jugendlichen nicht wegzudenken. Vor allem für Schulen bringt das die Frage mit sich: Wie lässt sich ein guter Umgang mit Handys fördern, der zugleich den Aufbau digitaler Kompetenzen sowie Teilhabe und Schutz berücksichtigt?
Smartphones in der Schule – Lernwerkzeug und Stress-Faktor
„Ich kann mir ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen“: 2026 bejahen das 87 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 16 Jahren. Das Smartphone ist längst zu einem bestimmenden Faktor im Alltag geworden. Aber gerade zum Umgang junger Menschen mit den digitalen Geräten gibt es eine sehr emotional geführte Debatte: Können Handys wichtige (Lern-)Werkzeuge sein, um die Bildung von Kindern und Jugendlichen und auch ihr Wohlbefinden zu unterstützen? Oder sind sie eher Quelle von digitalem Stress und Zugangstor zu Gefahren im digitalen Raum? Für beides gibt es Argumente. Fest steht: Nahezu alle Jugendlichen in Deutschland zwischen 12 und 19 Jahren verfügen über ein eigenes Smartphone. Kompetenzen und Regeln im Umgang mit den Geräten zu vermitteln, ist damit auch eine Angelegenheit der Schulen.
Umgang mit Smartphones kritisch reflektieren
Die im Juni 2026 veröffentlichten Handlungsempfehlungen der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) greifen diese Verantwortung der Schulen auf: „Die private Nutzung digitaler Endgeräte im Unterricht lenkt erheblich ab, erschwert eine konzentrierte Lernatmosphäre und schränkt in den Pausen das soziale Miteinander ein.“ Das Gremium empfiehlt, die private Nutzung in Schulen bundesweit einheitlich bis einschließlich Klasse sieben zu untersagen. Ab Klasse acht sollen Schulen verbindliche Nutzungskonzepte erarbeiten.
Zugleich setzt die Kommission darauf, die digitalen Kompetenzen der Schüler:innen zu stärken. Zu den Empfehlungen gehört, die Selbstregulationsfähigkeiten zu unterstützen und digitale Bildung bereits in den Grundschulen zu fördern. Außerdem sollen sich auch Schulsozialarbeiter:innen an der Medienbildung beteiligen.
„Smartphones aus der Schule zu verbannen, erlöst Lehrkräfte und vor allem auch Eltern nicht von der wichtigen Aufgabe, Kindern und Jugendlichen einen kritisch-reflektierten Umgang mit diesen Geräten zu vermitteln“, unterstreicht Ralph Müller-Eiselt, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, in seinem Beitrag im Orientierungspapier „Smartphone-Nutzung an Schulen“. Denn Smartphones blieben – auch bei einem Verbot privater Nutzung in der Schule – Teil ihrer Lebensrealität.
Smartphone-Nutzung an Schulen
Das Orientierungspapier „Smartphone-Nutzung an Schulen“ gibt einen Überblick über wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Smartphone-Verboten sowie zur Rechtslage in den Bundesländern und in ausgewählten internationalen Ländern.
Handyverbot an Schulen
Die Debatte um ein Handyverbot an Schulen zählte 2025 zu den wichtigsten Themen in der deutschen und auch internationalen Bildungspolitik. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte empfohlen, die Nutzung von Smartphones in Schulen bis einschließlich Klasse zehn zu untersagen. Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen eines Smartphone-Verbots an Schulen sind allerdings noch recht vage, vor allem dazu, wie es Lernleistungen beeinflusst.
Die Rahmenbedingungen, um Handyverbote an Schulen in die Tat umzusetzen, schaffen die Bundesländer. Sie können das auf unterschiedlichen Ebenen tun: im Schulgesetz, per Rechtsverordnung durch das Schulministerium im Land oder indem sie es der Schulgemeinschaft überlassen, eine Regelung auszuhandeln. Die Länder gehen hier aktuell unterschiedliche Wege – mit der Tendenz, landesweit verbindliche Regeln zu schaffen.
Auswirkungen eines Verbots
Einen umfangreicheren Einblick zu den Auswirkungen eines Smartphone-Verbots bietet der Scoping Review „Evidence for and against banning mobile phones in schools“ von 2024. Er umfasst 22 Einzelstudien aus zwölf Ländern. Haupterkenntnis: Die Ergebnisse sind bislang uneindeutig, weitere Evaluationen sind notwendig. Zwar benennen zehn Studien ein höheres Ablenkungspotenzial, wenn Smartphones in der Nähe der Schüler:innen sind. Daraus ließen sich aber keine klaren Rückschlüsse für die Lernleistungen ziehen.
Handyverbot an Schulen – Pro und Contra
Laut der Postbank Jugend-Digitalstudie 2026 ist eine Mehrheit der 16- bis 18-Jährigen (56 Prozent) gegen ein Handyverbot an Schulen. Die Suche nach einem Mittelweg, der Kinder und Jugendliche befähigt, souverän mit dem Smartphone umzugehen – ohne dass die digitale Balance verloren geht –, beschäftigt Schulpraxis, Politik und Wissenschaft.
Pro Handyverbot
- Weniger Ablenkung im Unterricht
- Mehr persönliche Kontakte in den Pausen
- Weniger Möglichkeiten für Cybermobbing
Contra Handyverbot
- Ein Verbot hilft nicht, sich Medienkompetenz anzueignen
- Schwer kontrollier- und umsetzbar
- Kein Nachweis, dass es die Lernleistung steigert
Durchschnittliche Bildschirmzeit
Der Raum, in dem das Smartphone eine Rolle spielt, ist groß. Die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit lag 2025 bei den 12- bis 19-Jährigen in Deutschland bei 231 Minuten. Laut einer Erhebung der Europäischen Union, veröffentlicht im Juni 2026, verbringen Jugendliche in der EU (13 bis 18 Jahre) an einem Schultag 4,5 Stunden an Bildschirmen (Smartphone, PC, Tablet, TV oder Spielkonsole), an Wochenenden mehr als sechs Stunden. In Deutschland nutzen 10- bis 17-Jährige an Schultagen 146 Minuten für Social Media, 108 Minuten für Online-Videos und 89 Minuten für Gaming, wie die DAK-Mediensuchtstudie 2026 zeigt.
Quelle: JIM 2024 und 2025
Gibt es Auswirkungen auf den Lernerfolg?
Wie sich die Smartphone-Nutzung auf den Lernerfolg auswirkt, ist nicht eindeutig zu sagen. PISA 2022 gibt hier einige Hinweise. Demnach ist ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland in der Schule nervös, wenn sie ihre digitalen Geräte nicht in der Nähe haben. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen schaltet Benachrichtigungen in der Schule konsequent ab. Sie schneiden in den PISA-Ergebnissen etwas besser ab.
Werden digitale Geräte zum Lernen in der Schule genutzt, erreichen Schüler:innen, die die Geräte zwischen drei und sieben Stunden nutzen, die höchsten PISA-Werte. Bei der Nutzung zum Zeitvertreib in der Schule sinken die Leistungen, je länger die Jugendlichen am Handy sind. Klare kausale Zusammenhänge lassen sich aus der PISA-Studie aber nicht ableiten.
Basiskompetenzen im Wandel
Eine Umfrage des Klett-Verlags unter 4.000 Lehrkräften ergab Anfang 2026, dass 96 Prozent im gestiegenen Medienkonsum die Hauptursache für den Rückgang von Basiskompetenzen sehen, besonders, weil er immer früher beginnt.
Handynutzung bei Kindern
Dass der Umgang mit Smartphones für verschiedene Altersgruppen unterschiedliche Regelungen sowie Ziele und Ansätze der Kompetenzvermittlung erfordert, ist unbestritten. Die Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ münzt ihre Empfehlungen auf sechs Lebensphasen, beginnend mit 0 bis 2 Jahren (Phase 1) und endend bei 18+ (Phase 6).
Die Kommission empfiehlt, die Bildschirmzeit in den ersten Lebensjahren weitestgehend zu reduzieren. Mit steigendem Alter und wachsender Nutzungsdauer geht es dann darum, die Kinder und Jugendlichen darin zu stärken, souverän im digitalen Raum zu agieren – um die Potenziale nutzen, aber auch die Gefahren erkennen zu können. Gerade im Blick auf jüngere Kinder gibt es eine Reihe von Initiativen. Dazu gehören „Bildschirmfrei bis 3“ und „Smarter Start ab 14“.
Medienkompetenz früh zu vermitteln, gewinnt an Bedeutung. Laut KIM-Studie 2024 besitzen etwa zehn Prozent der 6- bis 7-Jährigen in Deutschland ein eigenes Smartphone. Dieser Wert steigt bei den 10- bis 11-Jährigen deutlich auf 63 Prozent an, bei den 12- bis 13-Jährigen sind es knapp 80 Prozent. Laut der Studie „Zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation“ der Vodafone Stiftung erhalten Kinder ihr erstes Smartphone im Schnitt mit 11 Jahren.
Handynutzung bei Jugendlichen
Im Übergang von der Kindheit zur Jugend wird die digitale Welt immer wichtiger. Umso mehr benötigen Heranwachsende altersgerechte Angebote, um diesen Raum für ihre Bedürfnisse und Zwecke nutzen zu können. Gleichzeitig sollen sie lernen, Mechanismen zu durchschauen – wie etwa die Sogwirkung von Algorithmen, die zum Endlos-Scrolling am Smartphone führen. Und sie sollen Risiken wie Cybermobbing oder Fake News kennen.
Die Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ empfiehlt daher
- medienpädagogisch begleitete, sichere Erprobungsräume (Safer Spaces) wie Workshops oder
- moderierte Plattformen, um manipulative Phänomene zu erkennen,
- die AI-Literacy von Jugendlichen zu stärken,
- die Medienkompetenz in der Sekundarstufe durch Peer-to-Peer-Programme zu fördern.
Der Handlungsbedarf ist groß. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen gaben in der JIM-Studie an, viel mehr Zeit am Handy zu verbringen, als sie es geplant haben. 44 Prozent werden bei den Hausaufgaben oft durch das Smartphone abgelenkt. Zwei Drittel der Jugendlichen sind zudem Fake News innerhalb des letzten Monats begegnet. Auch die Studie der Vodafone Stiftung veranschaulicht den digitalen Stress:
Quelle: Vodafone Stiftung: Zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation
Handysucht
Warnzeichen für eine übermäßige Bildschirmnutzung sind etwa Kontrollverlust und Schwierigkeiten, die Nutzung zu beenden, der Verlust anderer Interessen, Frustration bei fehlendem Medienzugang, Konzentrationsprobleme und Schlafmangel.
Welche Auswirkungen ausufernde Bildschirmzeiten auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen haben und wie sich die digitale Balance stärken lässt, beschäftigt Gesellschaften in aller Welt. In den Niederlanden etwa wurde 2025 eine „Research Agenda Digitalisation and Wellbeing 2025-2026“ vorgestellt. In Spanien bietet incibe, das nationale Institut für Cybersicherheit, Ressourcen für Lehrkräfte an. Dazu gehören Unterrichtsentwürfe, die sich der Reflexion der Online- und Offline-Zeiten widmen.
Der DAK-Mediensuchtstudie zufolge haben 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ein riskantes und sieben Prozent ein pathologisches Social-Media-Nutzungsverhalten. Hilfsangebote gibt es zum Beispiel vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit auf der Plattform „Ins Netz gehen“.
Digitales Wohlbefinden
Das Wohlbefinden junger Menschen wird zunehmend im digitalen Raum geprägt. Das Factsheet „Digitales Wohlbefinden“ bündelt aktuelle Zahlen dazu und zeigt auf, wie andere europäische Länder das Wohlbefinden junger Menschen im digitalen Raum stärken.
Während 2025 mögliche Smartphone-Verbote einen prominenten Platz in öffentlichen Debatten hatten, ist es 2026 vor allem das Social-Media-Verbot. Weltweit hat Australien im Dezember 2025 als erstes Land den Zugang für unter 16-Jährige begrenzt. Die Expert:innen der Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ bringen für Deutschland eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren ins Spiel. Alternativ könnten – je nach Risikobewertung – die einzelnen Angebote für bestimmte Altersgruppen gesetzlich eingeschränkt werden. In jedem Fall befürwortet die Kommission eine europäische Lösung.
Der Soziologe Klaus Hurrelmann plädiert für eine ausgewogene Debatte. „Die Nutzung von Online-Plattformen ist weder grundsätzlich positiv noch grundsätzlich schädlich“, erklärte er bei der Fachtagung „Dimension Digitalisierung“ im Juni 2026. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Technik, Inhalt, sozialer Begleitung und persönlichen Ressourcen. 70 Prozent der Jugendlichen seien in der Lage, digital souverän zu agieren.
Social-Media-Pass
Der Cambridge-Wissenschaftler Sander van der Linden, Professor für Sozialpsychologie, plädiert für einen „Social-Media-Pass“, der vorsieht, dass Kinder und Jugendliche digitale Fähigkeiten durch eine schrittweise, betreute Heranführung an die Online-Welt erwerben.
Social-Media-Verbot – Pro und Contra
International ist zu beobachten, wie viele Akteur:innen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft Argumente für und gegen eine Einschränkung der Social-Media-Nutzung formulieren. Eine endgültige und eindeutige Antwort ist kaum möglich, wie etwa die Landesanstalt für Kommunikation (LFK) Baden-Württemberg betont.
Argumente für eine Einschränkung der Social-Media-Nutzung:
- Zeit für Persönlichkeitsentwicklung, ohne von Algorithmen geprägten Inhalten ausgesetzt zu sein, wie zum Beispiel vermeintlichen Schönheitsidealen
- Schutz vor Cybermobbing, pornografischen oder gewaltvollen Inhalten
- Schutz vor manipulativer Plattformgestaltung
- Plattformbetreiber über diesen Weg in die Pflicht nehmen, gesetzlich verankerte Einschränkungen in die Tat umzusetzen
Argumente gegen eine Einschränkung der Social-Media-Nutzung:
- Soziale Medien sind Sozialisationsräume für Jugendliche
- Eingriff in die Freiheits- und Teilhaberechte von Jugendlichen
- Gerade marginalisierte Gruppen finden in digitalen Räumen unterstützende Gemeinschaften
- Plattformbetreiber – nicht Nutzende – müssen in die Pflicht genommen werden
- Ohne praktische Erfahrung entsteht keine digitale Kompetenz
Den letztgenannten Gedanken formulierte Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, im Interview mit der FAZ. Dort betont sie, dass es eine Plattformregulierung statt Nutzer:innenbestrafung brauche. Aber zur Regulierung müsse eine fachlich verankerte Digitalkompetenz im Unterricht hinzukommen. „Resilienz wächst nicht im Entzug, sondern im Üben.“
Social-Media-Verbot