re:learn / re:publica 2019

Foto: Jan Zappner / CC BY-SA 2.0

Konferenz

DREI PRAXISBEISPIELE FÜR GUTE SCHULE IN DER DIGITALEN WELT

von Philipp Schulz

Vom 6. bis 8. Mai fand in der Station in Berlin die re:publica 2019 statt. Das Forum Bildung Digitalisierung hat sich mit drei Slots zum Thema „Gute Schule in der digitalen Welt“ an der re:learn beteiligt. Dafür haben wir Schulen aus unserem Schulnetzwerk und der Werkstatt schulentwicklung.digital eingeladen, um ihre Schulen vorzustellen.

Die re:publica ist eine seit 2007 jährlich stattfindende Konferenz, die sich aktuellen Themen und Fragestellungen der digitalen Gesellschaft widmet. Dabei werden neben klassischen Digitalisierungsthemen wie Big Data, Künstliche Intelligenz und Virtual Reality, auch Querschnittsthemen wie Fake News, die veränderte Rolle von Journalismus oder Nachhaltigkeit behandelt. Seit einigen Jahren widmet sich die Digitalkonferenz auch dem Thema Bildung und gibt der Bildung mit der re:learn eine eigene Bühne.

Den Teilnehmenden der re:learn 2019 bot sich erstmals an allen drei Tagen der Konferenz ein vielfältiges und spannendes Programm mit zahlreichen Talks und Workshops über zwei Etagen im Kühlhaus. Das Forum Bildung Digitalisierung hat sich mit drei Slots zum Thema „Gute Schule in der digitalen Welt“ beteiligt. Mit der Winterhuder Reformschule, dem Friedrich-List-Berufskolleg Bonn und der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule Berlin haben wir drei Schulen aus unserem Schulnetzwerk und der Werkstatt schulentwicklung.digital eingeladen, um in kurzen Talks ihre Schulen vorzustellen und dabei über ihren Weg durch den „Digitalisierungsdschungel“, Erfolge und Misserfolge bei der digitalen Schulentwicklung und den Umgang mit Zweifelnden zu sprechen. Im Anschluss der Talks gab es jeweils die Gelegenheit für eine kurze Fragerunde mit Franziska Knöppchen und Rouven Brunnert aus unserer Geschäftsstelle.

Ein „Nordstern“ für das 21. Jahrhundert

Den Anfang machte Maike Schubert, Schulleiterin an der Winterhuder Reformschule und Mitglied der Deutschen Schulakademie. In ihrem Vortrag erklärte sie in einem anschaulichen Modell, wie wichtig es für ihre Schule und das Kollegium war, sich zunächst über die Aufgabe von Schule klar zu werden und sich zu fragen, welche Kompetenzen und Fähigkeiten Schüler*innen erlangt haben sollten, um gut für das 21. Jahrhundert vorbereitet zu sein („Why?“). Die dabei entstandene Vision, ein Begriff der laut Maike Schubert in Schulen oft etwas negativ besetzt ist, wurde „Nordstern“ getauft.

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Wenn das Warum erst einmal geklärt sei, falle es später viel leichter, Merkmale und Qualitätsstandards zu entwickeln, so Maike Schubert, die zugab, dass dies nicht immer eine ganz einfache Aufgabe sei, da viele Lehrkräfte sehr pragmatisch und lösungsorientiert unterwegs seien und gerne sofort ganz konkret an Maßnahmen arbeiten wollen. Tatsächlich aber könne eine Schule von diesem Vorgehen maßgeblich bei der weiteren Arbeit profitieren, insbesondere wenn es später um die Unterrichtsentwicklung gehe, die Maike Schubert später als eine „haarige Angelegenheit“ umschrieb.

Die Schulleiterin der Winterhuder Reformschule verglich den Prozess immer auch mit ihrer Zeit an der Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster, deren Leitbild sie zuvor ebenfalls auf die Digitalisierung ausgerichtet hatte. Dabei konnte sie von den Erfahrungen an ihrer alten Schule profitieren.
Während der Ausrichtungsprozess in Neumünster etwa noch komplett analog abgelaufen ist, wurden in Winterhude auch digitale Medien und kollaborative Tools (z.B. Padlets) eingesetzt, um die Beteiligung der Lehrkräfte, Eltern und Schüler*innen zu erhöhen und den Prozess zu beschleunigen. Schließlich seien Schulen nicht gerade die agilsten Organisationen, gab Maike Schubert zu. Ein eigentlich eher simples Tool wie ein Padlet, das z.B. eine transparente Live-Dokumentation des Prozesses ermöglicht, habe dabei ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl geschaffen, den Prozess enorm erleichtert und später zu einer größeren Zufriedenheit der gesamten Schulgemeinschaft geführt, berichtete Maike Schubert. Digitale Medien helfen hier, um auch eher zurückhaltende Kolleg*innen dazu zu ermutigen, ihre Kompetenzen einzubringen. Der reibungslose Ablauf des Schulentwicklungsprozesses ohne größere Widerstände aus Kollegium oder Elternschaft ist natürlich keinesfalls selbstverständlich. Maike Schuberts Geheimrezept? Man muss sich die Zeit für Schulentwicklung nehmen und sämtliche Akteur*innen an der Schule einbinden.

Agiles Lernen mit Scrum

Im Anschluss stellten Uta Eichborn und Petra Walenciak vom Friedrich-List-Berufskolleg Bonn den Ansatz, die agile Projektmanagement-Methode Scrum auf Schule zu übertragen, vor. An der Berufsschule gibt es zwar seit 1995 Notebook-Klassen, doch nach 19 Jahren war es Zeit für eine neue Innovation.

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Hintergrund des Einsatzes der Methode war es, berichteten die beiden Lehrerinnen, dass man sich gefragt habe, wie man die Schüler*innen optimal auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereiten könne und welche Kompetenzen dafür benötigt werden. Hier hat sich die Schule für das 4K-Modell (Kollaboration, Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken) entschieden. Außerdem habe man sich gefragt, in welchen Strukturen und mit welchen Methoden heute in Unternehmen gearbeitet werde. In den meisten Fällen geschieht das heute projektbezogen. Um eine agile Methode wie Scrum einzusetzen, war es notwendig, den manchmal etwas starren Charakter von Schule und Unterricht zu verändern. Hier habe es schon gereicht, einfach mal die Türen der Klassenräume zu öffnen, um den Charakter eines offenen Innovation Labs zu erreichen. Durch den Einsatz von Scrum wird an der Berufsschule mittlerweile auch nicht mehr fächerbezogen gelernt. Die Schüler*innen arbeiten im Team und entscheiden selbst, was sie lernen wollen oder müssen, um ihr Projekt abzuschließen. Das ermöglicht ein individuelles, selbstgesteuertes und selbstorganisiertes Lernen der Schüler*innen.

Würden sich Uta Eichborn und Petra Walenciak nun noch als Lehrerinnen bezeichnen oder sind sie jetzt viel mehr Scrum Master? Mitnichten, so die beiden Lehrerinnen; das Lehren und Lernen stehe weiterhin im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Scrum sei dabei aber eine sehr große Unterstützung, um ein agileres Lernen zu ermöglichen. Als nächsten Meilenstein will man sich am Friedrich-List-Berufskolleg nun vornehmen, die Leistungsüberprüfung der Schüler*innen mit Blick auf Scrum anzupassen und sucht nach alternativen Leistungsformen wie etwa Portfolioarbeiten.

„Maria Montessori würde heute sofort einen Makerspace einrichten.“

Zum Abschluss der drei Slots sprach Jacob Chammon, Schulleiter an der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin. Der gebürtige Däne berichtete von dem seit 2012 andauernden Entwicklungsprozess zu einer digitalen Schule und kann bei der Umsetzung auf seine Erfahrungen aus dem dänischen Bildungssystem, das in der Digitalisierung weiter fortgeschritten als Deutschland ist, zurückgreifen. Der Talk stand deshalb besonders unter dem Schwerpunkt, was unser Bildungssystem von Skandinavien lernen kann. Für Jacob Chammon ist Deutschland im Vergleich zu den skandinavischen Ländern eine regelrechte „Digitalisierungswüste“. In Skandinavien zieht sich die Digitalisierung mittlerweile durch sämtliche Lebensbereiche – vom Bezahlen im Café, über das Ziehen eines Parkscheins oder bei Verwaltungsangelegenheiten mit öffentlichen Behörden. Auch bei der Digitalisierung der Bildung sind die skandinavischen Länder weit vorne mit dabei. Das Ziel des Schulleiters bei seiner Arbeit an der Schule ist es deshalb, die Brücke zwischen Pädagogik und Digitalisierung und Deutschland und Skandinavien zu bauen.

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Auch für Jacob Chammon stand erst einmal die Frage im Raum, was die Aufgabe von Schule im 21. Jahrhundert ist. Wie bei den vorangegangen Talks war die Antwort ähnlich: Schule müsse den Schüler*innen die Kompetenzen vermitteln, die sie für die Zukunft brauchen und sie darauf vorbereiten. Schule müsse dabei mit ihren Inhalten an der Lebensrealität der Schüler*innen anknüpfen und dementsprechend auch digitale Basiskompetenzen vermitteln. Dafür reiche es nicht, dass die Schüler*innen etwa nur Präsentationen anfertigen und die Schule ihren Digitalisierungsauftrag dann als erfüllt ansehe. An der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule produzieren die Schüler*innen kurze Erklärvideos, nutzen Lern-Apps oder die Online-Lern-Portale der skandinavischen Länder, es gibt eine digitale Schülerzeitung und vieles mehr. Für die vielen tiefgreifenden Veränderungen musste man natürlich erst einmal die technische Infrastruktur schaffen. Außerdem gibt es an der Schule kein ausdrückliches Handy- und Smartphoneverbot. Stattdessen setzt man auf klare Regeln für den Gebrauch der Geräte abhängig von der jeweiligen Jahrgangsstufe.

Wichtig bei dem gesamten Prozess sei es immer gewesen, die Dinge einfach zu halten. Lehrkräfte müssen ausdrücklich keine Expert*innen für Digitalisierung sein. Im Mittelpunkt der Lehrtätigkeit sollten weiterhin Pädagogik und Didaktik stehen und digitale Medien sollten deshalb nicht nur Gadgets im Unterricht, sondern sinnvoll eingebunden werden. Sicherlich auch ein Novum: den Lehrkräften steht 20 Stunden pro Woche ein IT-Berater zur Verfügung. Mittlerweile gibt es an der Schule mit reformpädagogischen Schwerpunkt sogar einen Makerspace, der vor wenigen Wochen von Prinzessin Benedikte zu Dänemark feierlich eröffnet wurde. Jacob Chammon dazu: „Maria Montessori würde heute sofort einen Makerspace einrichten.“

Eine Wahrheit konnte Jacob Chammon dann zum Ende seines Vortrags aber auch nicht verschweigen: Der gesamte Prozess erfordere sehr hohe Summen Geld, was mitunter auch kein Digitalpakt ausfüllen könne. Und dieses Geld benötigt man nicht nur für den Ausbau der technischen Infrastruktur, sondern vor allen Dingen auch für die Begleitung und Unterstützung der Lehrkräfte mit Coachings, Weiter- und Fortbildungen.

Gute Schule in der digitalen Welt braucht Zeit und Mut

Bei allen drei Talks wurde deutlich, dass es für eine gute Schulentwicklung in der digitalen Welt neben finanzieller Unterstützung besonders zwei eigentlich banale, aber doch sehr existenzielle Zutaten braucht: Zeit und Mut – die Zeit, um den Prozess anzustoßen und voranzutreiben und den Mut, neue Wege in der Schulentwicklung mithilfe der Digitalisierung zu beschreiten.

Als Forum Bildung Digitalisierung wollen wir Schulen deshalb dabei helfen, diesen manchmal anstrengenden, aber am Ende für die gesamte Schulgemeinschaft bereichernden Weg zu gehen. Dafür entwickeln wir Schulbausteine aus der Praxis für die Praxis, die den Schulen eine praktische Orientierungshilfe an die Hand geben sollen, um gute Schule in der digitalen Welt zu ermöglichen.

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