Vorstand

Foto: Phil Dera

Jacob Chammon ist seit 1. April 2020 geschäftsführender Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung. Er war Schulleiter der Deutsch Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin und hat dort gemeinsam mit dem Kollegium wichtige Entwicklungsprozesse hin zu einer digitalen Schule angestoßen sowie die Weichen für einen fächerübergreifenden und projektorientierten Unterricht in einer Kultur der Digitalität gestellt. Dabei konnte er auf seine Erfahrungen aus Dänemark zurückgreifen, wo er als Berater und Coach für Schulleitungen und Schulverwaltungen tätig war. Als ausgebildeter Lehrer hat er zudem zahlreiche didaktische Bücher und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht. Beim Forum Bildung Digitalisierung verantwortete er zuvor seit 1. Oktober 2019 als Produkt- und Projektmanager die Angebote für Schulen.

Als Vorstand des Vereins engagiert sich Jacob Chammon im Rahmen diverser Projekte und Organisationen in Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaften, unter anderem:

  • Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung gemeinsam mit der ARD und der ZEIT Verlagsgruppe 
  • Mitglied im Landesbeirat Digitalisierung der Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Familie des Landes Berlin
  • Mitglied im MINT-Vernetzungsbeirat von MINTvernetzt
  • Mitglied im Expert:innen-Beirat des BMBF-geförderten Forschungsprojekts DIRECTIONS
  • Mitglied im Beirat des Projekts weitklick vom Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM e.V.)
  • Mitglied im Beirat des Projekts DigiBitS von Deutschland sicher im Netz
  • Mitglied im Beirat von WirLernenOnline (WLO)
Jacob Chammon

»Die sogenannten Lernlücken, die jetzt überall dringend geschlossen werden sollen, sind in Wirklichkeit Systemlücken. Die sind nicht zu schließen mit gewohntem, klassischem Frontalunterricht, sondern nur in einer sinnvollen Kombination aus Analogem und Digitalem.«

Jacob Chammon, Vorstand
Foto: Phil Dera

Jacob, nun haben wir die Corona-Krise ja leider noch nicht ganz überwunden, aber aus den letzten Lockdowns schon einiges gelernt. Wie ist dein persönliches Fazit für das Bildungssystem in Deutschland?

Zum einen ist Digitalisierung endlich kein Randthema mehr. Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen, Verwaltungsangestellte, Politiker:innen – wirklich alle Akteur:innen im Bildungssystem haben inzwischen erkannt, dass es notwendig ist, sich mit digitalen Unterrichtskonzepten auseinanderzusetzen. Zum anderen reden wir im Augenblick immer noch zu viel über das Updaten von Technik. Die wirkliche Herausforderung ist aber nicht das Updaten der Hard-, sondern der Software. Und damit meine ich nicht neue Apps auf Tablets oder Whiteboards, sondern das, was in den Köpfen der Beteiligten passieren muss: die Arbeit an der eigenen Haltung. Dieser Prozess hat gerade erst so richtig begonnen. In ihn sollten wir all unsere Energie stecken, um das System Schule wirklich grundlegend zu erneuern.

Wie hat sich die Nutzung digitaler Medien im Unterricht verändert?

Durch die Notsituation der Lockdowns sind sie natürlich deutlich präsenter geworden. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass mit dem berechtigten Wunsch zur Rückkehr in den Präsenzunterricht nicht verloren geht, was wir an Erfahrungen mit digitalen Unterrichtssettings gewonnen haben. Die sogenannten Lernlücken, die jetzt überall dringend geschlossen werden sollen, sind in Wirklichkeit Systemlücken. Die sind nicht zu schließen mit gewohntem, klassischem Frontalunterricht, sondern nur in einer sinnvollen Kombination aus Analogem und Digitalem. Ich meine das ganz niedrigschwellig: Wir haben während der Corona-Pandemie gelernt, dass man nicht nur im Klassenzimmer gut lernen und miteinander arbeiten kann. Ich wünsche mir, dass wir an den hybriden Formen des Unterrichts festhalten. Manche Schüler:innen können beispielsweise von außerschulischen Lernorten wie Museen aus zusammen mit Kindern, die in der Schule sind, an den gleichen Projekten arbeiten. Außerdem wünsche ich mir mittelfristig, dass wir die Potenziale der digitalen Unterrichtsgestaltung auch in den Fachdidaktiken stärker berücksichtigen. An den Universitäten ist diesbezüglich gerade viel in Bewegung. Nun geht es darum, die Verzahnung von fachdidaktischen Methoden und digital gestützten Anwendungen in der Lehrkräfteausbildung in die Breite zu tragen und nachhaltig zu verankern. 

Wie gelingt es uns, die momentan noch spürbare Veränderungsdynamik auch in der Zeit nach der Pandemie beizubehalten?

Ich denke, dass Schulleitungen hier eine ganz wichtige Rolle spielen. Sie sind es, die Freiräume schaffen, um Innovationen voranzutreiben. Denn darum wird es in nächster Zeit vor allem gehen: den Lehrer:innen wieder ein bisschen Luft zum Atmen zu geben, zu entschleunigen. Und dies ganz bewusst in einer Situation, in der viele sagen: „Jetzt müssen wir aber Gas geben!“ Aus einer gefühlten Überforderung entsteht aber keine echte Veränderung. Echte Veränderung braucht Überzeugung, Motivation – und damit Zeit und Raum zur Entfaltung. So etwas kann aus den Schulen, den Leitungen und Kollegien selbst entstehen, aber es braucht auch Impulse von oben, vonseiten der Politik. Genau deshalb versuchen wir in unseren Veranstaltungen und Konferenzen ja immer, möglichst alle Akteur:innen des Bildungssystems an einen Tisch zu bringen.

Als gebürtiger Däne bist du in einem Schulsystem sozialisiert, das als Vorbild im Einsatz digitaler Medien im Unterricht gilt. Was kann Deutschland von Ländern wie Dänemark lernen?

Zum Beispiel die Bereitschaft zu experimentieren. In Dänemark hat man schon sehr früh vor 20 Jahren begonnen, digitale Elemente in das Bildungssystem zu integrieren. Da wurde viel ausprobiert, viel wieder verworfen – und damit auch sehr viel Geld verbrannt. Trotzdem war die Haltung: Das gehört eben dazu, wenn man wirklich innovativ sein will. Ein anderer Punkt ist die Verankerung der Digitalisierung in der Ausbildung der Lehrkräfte. In Didaktik-Seminaren wird immer wieder gefragt: Wie würdest Du das digital vermitteln? Dasselbe gilt auch für die Weiterbildung. In allen dänischen Schulen gibt es qualifizierte Lehrkräfte, die den Kolleg:innen vor Ort in den Schulen als Berater:innen für digital-didaktische Fragen zur Seite stehen. Statt Weiterbildung an externe Dienstleister:innen auszulagern, hat man sie in die Schulen integriert. Und das mit Erfolg.

Hat die Politik die Zeichen der Zeit erkannt?

Ich habe das Gefühl, dass das Thema Veränderung im Schulsystem auch im Bereich der Digitalisierung sehr wohl in den Köpfen der Politiker:innen angekommen ist. Auch deshalb, weil durch die Pandemie ja massiv und eine Zeit lang fast täglich darüber berichtet wurde. Auf der anderen Seite wissen wir auch, wo der Schuh drückt: Die so wichtige Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteur:innen läuft nicht immer reibungslos. Ich sehe die Politik generell in der Verantwortung, in einem föderalen Bildungssystem länderübergreifende Zusammenarbeit zu fördern. Außerdem sollte sie dafür sorgen, dass klar gesteckte Handlungsrahmen vorhanden sind. Denn nur dann haben die Praktiker:innen vor Ort die Sicherheit und Freiheit, die besten Lösungen auszuarbeiten.

Interview: Klaus Lüber

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